Tukane und der Anfang der Welt

Puerto Viejo, Mittwoch der 06.07.2022, 21:32 Uhr. Heute waren wir im Urwald Ziplinen. Dafür ging es zwischen den insgesamt dreizehn Ziplines immer wieder durch den Wald auf schmalen Wegen zum nächsten Absprungpunkt. Dabei konnten wir alles mögliche sehen.



Riesenameisen, die den schmerzhaftesten Insektenbiss der Welt haben, der fünf Stunden lang weh tut. Wandernde Bäume, die ihre Wurzeln so umbauen, dass sie pro Jahr bis zu vier Meter der Sonne entgegen wandern können. Brüllaffen mit Babys, die einfach in den Bäumen über uns sitzen. Die verschiedensten bunten Schmetterlinge. 500 Jahre alte Bäume, die nie von Menschen angerührt wurden.



Und ganz nebenbei konnten wir dann noch durch den Wald „fliegen“ und den wunderschönsten Blick über den Wald genießen.



Besonders berührt haben mich allerdings die Tukane. Von einer der Platformen hatten wir einen tollen Blick in den Wald hinein. Allein dieser Blick über die uralten Bäumen, die Lianen und all die anderen Pflanzen in Kombination mit der Geräuschkulisse aus Vögeln und Grillen war einfach unglaublich und rührt mich auch jetzt noch. Aber als dann ein Tukan zwischen zwei besonders hohen Bäumen durch den Wald geflogen ist war das Bild einfach perfekt und besser als jedes Bild oder jede Doku es je zeigen könnte.



Noch nie in meinem Leben hat mich die Schönheit der Natur so dermaßen umgeworfen wie in diesem Moment. Tukane waren für mich Vögel, die nur in Zoos oder auf Bildern existieren. Zu sehen, wie sie frei fliegen war für mich einfach umwerfend.



Ich empfinde eine so große Dankbarkeit, diesen Moment erlebt zu haben und die Schönheit dieser Erde sehen zu dürfen. Für mich ist ein großer Traum in Erfüllung gegangen und das habe ich erst heute realisiert. Der Tukan hat für mich das Unfassbare fassbar gemacht und Bekanntes und Unbekanntes vereint.
Wenn dies mein letzter Moment gewesen wäre, wäre ich zutiefst geerdet und zufrieden gewesen.



Ich verstehe nun zumindest ein kleines bisschen besser, was Vollkommenheit und Einklang bedeuten kann.

Die kleinen Dinge im Leben

Puerto Viejo, Sonntag, der 03.07.2022, 22:35 Uhr. Zehn Tage lang bin ich jetzt schon hier. Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht. Langsam habe ich mich an vieles gewöhnt und fange an, das Leben hier zu genießen.



Und wenn ich Heimweh habe, muss ich immer daran denken, was eine gute Freundin von mir mir am Anfang mitgegeben hat. Heimweh bedeutet ja eben auch, dass mir mein Zuhause gut gefällt und ich gern dort bin, sonst würde ich es ja nicht vermissen. Deshalb bin ich dann jedes Mal nicht nur traurig, sondern auch dankbar.



Generell habe ich erst hier gemerkt, was für einen Luxus ich Zuhause genieße. Es gibt so viele Kleinigkeiten, für die ich hier bereits dankbar bin.



Ein trockenes Bett, frisch gewaschene, trocke Wäsche, eine Fahrradkette, die nur alle paar Tage rausspringt, lauwarmes Duschwasser, kaltes Trinkwasser, ein gescheites Mückennetz und ein Plastikregal, in das ich meine Sachen legen kann. All das sind Dinge über die ich mich hier unfassbar freue.



Wenn ich an Zuhause denke freue ich mich auf eine saubere, warme Dusche, trockene Sachen, eine Spühlmaschine, brauchbare Handtücher und so vieles mehr.



Auch wenn es hier wunderschön ist und ich gern hier bin, sind es eben einfach nicht dieselben Standards wie Zuhause. Das ist vollkommen in Ordnung und normal, es regt mich aber auch immer wieder zum Nachdenken an. Den Luxus, den ich Zuhause für normal gehalten habe, ist ein absolutes Privileg. Das ist mir erst hier so wirklich bewusst geworden.

Der Traum von Schokolade

Puerto Viejo, Freitag, der 01.07.2022, 15:54 Uhr. Während meines Aufenthaltes in Costa Rica besuche ich drei Wochen lang einen Sprachkurs, um etwas Spanisch zu lernen.
Dabei haben wir jeden Freitag die Möglichkeit, einen Ausflug zu machen. Diese Woche ging es für uns zu einer Kakaofarm, die einem indigenen Volk, den Bri Bris, gehört.



Zum ersten Mal habe ich eine Kakaopflanze, einen Kautschukbaum, einen Kukumabaum sowie eine Stabheuschrecke gesehen. Unsere Leiterin, eine Bri Bri, konnte uns viel über diese und andere Pflanzen erzählen, die ihr Stamm seid Jahrhunderten zur Herstellung von Werkzeugen, Häusern, Medizin, Schmuck und Kosmetik nutzt. Ich fand es sehr fazinierend, wieviel man aus all den Pflanzen herstellen kann und dass teilweise nur so wenig über manche Pflanzen bekannt ist.
Ziemlich fatal, wenn man bedenkt, wie viele unerforschte Arten wir jeden einzelnen Tag ausrotten ohne zu wissen, ob sie unheilbare Krankheiten heilen können. Das alleine sollte schon Grund genug sein, die Artenvielfalt zu erhalten, auch wenn es dafür natürlich eine Millionen weitere Gründe gibt.



Nach unserer Führung durften wir dann selbst Schokolade herstellen. Dafür mussten die schon getrockneten Schoten (allein das Trocknen dauert Tage) zuerst zehn Minuten geröstet werden, dann mit Steinen gemahlen und zuletzt gepresst werden. Erst dann hat man eine Kakaopaste. Wenn man diese probiert ist sie sehr bitter und mehlig und überhaupt nicht das, was ich mit Kakao verbinde. Selbst mit Wasser, Zucker und Milchpulver wird es kaum besser und kommt unserem Kakao nur sehr entfernt nahe. Besonders der bittere Geruch unterscheidet sich stark von unserer Schokolade.



Wenn man bedenkt, wie gravierend dieser Unterschied zwischen richtigem Kakao und unsere Schokolade in Deutschland ist, möchte ich gar nicht so genau wissen, was alles darin ist. Ich persönlich esse gerne Schokolade, aber wenn ich daran denke, was ihr alles hinzugefügt werden muss um so zu schmecken, finde ich das schon abschreckend.



In Zukunft werde ich zumindest öfter daran denken, dass Schokolade nicht einfach Kakaobohnen, Zucker und Milch ist, sondern dass viel mehr dazugehört. Neben sehr harter Arbeit und Zeit eben auch Zusatzstoffe und eine ganze Industrie, die nicht überall so idyllisch ist, wie das Bri Bri Dorf. Sogar eine alltägliche Sache wie Schokolade ist ein Privileg, das ich jetzt viel bewusster wahrnehmen kann.

Zwischen Kulturschock und Liebe

Puerto Viejo, Dienstag, der 28.6.2022, 15:22 Uhr. Karibikküste – Sommer, Sonne, Sonnenschein.
Also zumindestens fast. Es ist nämlich Regenzeit, das heißt es ist unberechenbar wann es wo wieviel regnet.
Was nicht bedeutet, dass es keine Sonne gibt. Gerade liegen wir bei 25 Grad und Sonne am Strand und genießen das gute Wetter. Aber das sieht auch schonmal anders aus.

Manchmal regnet es morgens, manchmal abends und manchmal den ganzen Tag. Das ist mehr oder weniger Glückssache, denn selbst die beste Wetterapp ist hier nicht brauchbar. Egal wie das Wetter ist, angesagt ist meistens Gewitter. Ob es das dann aber auch wirklich gibt ist die andere Sache.

Die Lage und das Klima bringen zudem verschiedene Umstände mit sich. Zum einen ist es super schwül, wenn es geregnet hat, alle Klamotten werden klamm und fangen (aus Erfahrung anderer Freiwilligen) eigentlich bei jedem nach zwei bis drei Wochen an manchen Stellen an zu schimmeln. Alles nur halb so tragisch, lässt sich zumindest meistens rauswaschen. Der Gedanke, dass alles schimmeln könnte ist mir aber trotzdem unbehaglich, auch gesundheitlich gesehen. Beeinflussen kann ich es allerdings leider kaum, da es keine Möglichkeit gibt, die Sachen zu trocknen.

Durch die Lage in der Nähe des Äquators ist es abends momentan schon ab 18 Uhr stockdunkel. Da gibts keine Dämmerung, sondern es ist zack, bumm dunkel. Das ist wirklich crazy. Wenn man sich nicht beeilt davor Zuhause zu sein, kann einen das echt überrollen.

Auch die Zeitverschiebung ist verrückt. Jacklag habe ich nicht, weil ich die Nacht im Flieger durchgemacht habe, aber wenn wir abends draußen unterwegs sind und wir gegen 1 nach Hause kommen, ist meine Familie schon wieder wach. Wenn wir Mittag haben, gehen sie wieder schlafen und so weiter.

Es gibt aber auch unfassbar viele tolle Dinge.
Besonders gut gefällt mir die Landschaft und die Kultur. Der Regenwald und die Vegetation ist superschön und wirklich einmalig. Jede Nacht kann man aus dem Bett ein Konzert der Insekten und Brüllaffen hören und wenn es regnet auch das prasseln der Regentropfen auf das Blätterdach. Das Leben quasi mitten im Dschungel ist toll und unbeschreiblich schön.

Außerdem sind die Menschen hier sehr herzlich und vor allen Dingen entspannt. Die abendlichen Besuche im Johnny’s, einer Strandbar mit Tanzfläche am Meer, machen viel Spaß und man lernt immer neue Leute kennen. Besonders das Zumba im Ort, bei dem Locals und Touris aufeinander treffen, ist cool. Unser Lehrer ist hochmotiviert und macht gute Stimmung, sodass man alles andere vergessen kann. Man fühlt sich verbunden mit den Menschen und seinem Körper. Es zählt nur der Moment.

Zusätzlich können wir einmal die Woche Yoga mit einer Lehrerin machen. Es ist erstaunlich, wie die Kommunikation ohne Worte klappt, denn von den spanischen Anweisungen verstehe ich nichts. Diese Aktivitäten stärken unseren Teamgeist untereinander und machen super viel Spaß. Neben Handstand und anderen Übungen, ist die Schlussentspannung der Moment, in dem man wirklich geerdet ist.

Insgesamt gewöhne ich mich langsam ein. Es gibt Phasen mit Unwohlsein und Heimweh, die einfach schlimm sind. Gleichzeitig gibt es tolle Dinge, die ich hier sehen und erleben kann. Ich habe schnell gemerkt, dass Reisen nicht nur schön ist, sondern seine Sonnen- und Schattenseiten hat. Daran muss ich mich erst gewöhnen und lernen, auch negative Gefühle zuzulassen.

Heimweh und Abschiedsschmerz

Puerto Viejo, Montag, der 27.6.2022, 4:46 Uhr. Costa Rica wird die Reise meines Leben. So die Überlegung.
Ich bin jetzt seid zwei Tagen hier und es ist wirklich schlimm für mich. Das Land ist wirklich schön, keine Frage, aber ich habe so schlimmes Heimweh, dass das alles überschattet.



Schon im Flieger hatte ich mehrfach starke Panik, habe mich beklemmt gefühlt und hatte schlimme Platzangst. Alleine an den Rückflug zu denken macht mir jetzt schon wahnsinnig Angst. Ich habe die zwölf Stunden Flugzeit eindeutig unterschätzt. Selbst sämtliche Atemübungen, fünf Filme und mein Survivalpack konnten es nicht besser machen.



Mein Heimweh allerdings ist noch viel schlimmer. Ich hätte nie gedacht, dass es so schlimm wird, aber bereits eine Woche davor konnte ich mich nicht mehr freuen und wollte einfach nur Zuhause bleiben.



So geht es mir auch jetzt… ich vermisse mein Zuhause, meine Familie und besonders meinen Freund sehr. Normalerweise sind wir ein Herz und eine Seele, wir sehen uns jeden Tag und ich rufe ihn immer an, wenn was ist. Dass er hier fehlt hat mir so dermaßen den Boden unter den Füßen weggezogen, dass nichts mehr geht. Bei allem, was ich erlebe, muss ich sofort daran denken, was er dazu gesagt hätte.



Alles, was mich an Zuhause erinnert macht mich sofort traurig. Sie Uhrzeit von Zuhause, jede Nachricht und sogar die meisten Sachen, die ich mitgenommen habe. Wenn ich daran denke, dass ich 50 Tage hier bleiben soll, muss ich weinen, weil das so lang erscheint.



Hinzukommt, dass in meiner Unterkunft durch die Regenzeit gerade recht wenig los ist und ich so kaum Ablenkung finden kann. Die meisten reisen schon in einer Woche ab und freuen sich auf Zuhause, was mein Heimweh natürlich nur noch schlimmer macht.
Ich kann mich mit keinem wirklich anfreunden, weil die meisten Samstag gehen und deshalb fühle ich mich so einsam und verloren.



Das mag für die meisten paradox klingen, aber zurzeit möchte ich einfach nach Hause. Als ich die Reise gebucht habe, hätte ich nie gedacht, dass so ein Horror auf mich zukommt. Ich hoffe sehr, dass es die nächsten Tage besser wird, ihr werdet davon hören

Reisevorbereitungen – Klappe, die erste


In eine Woche geht es endlich los und ich trete meine Reise nach Costa Rica an. Bis jetzt bin ich nicht sonderlich aufgeregt, was wahrscheinlich erstens daran liegt, dass ich durch die Abiballorganisation sämtliche Synapsen, die für Aufregung und Stress zuständig sind, überlastet habe und zum anderen daran, dass Costa Rica so unfassbar weit entfernt ist, sowohl räumlich gesehen (es sind ungefähr 9500km) als auch von meinem persönlichem Empfinden.


Wenn ich mir heute die Bilder anschaue, die in Reiseführern, dem Internet und in meinen Reiseunterlagen abgebildet sind, kann ich mir schlichthinweg nicht vorstellen in etwas mehr als einer Woche dieses unfassbar faszinierende Fleckchen Erde kennenzulernen. Jetzt mal ganz abgesehen davon, dass ich nach zwei Jahren Pandemie so oder so nicht mehr daran glaube, dass etwa stattfindet, bevor ich es nicht hautnah und in Person erlebe, ist es für mich einfach nur schwer vorstellbar, wie diese Reise wird.


Und trotz fehlender Aufregung, bin ich mir sehr sicher, dass es mir gefallen wird. Die Welt zu entdecken ist für mich einfach das Größte und eines der wundervollsten Möglichkeiten, die die Globalisierung neben vielen Problemen mit sich gebracht hat. Von Kindestagen an haben mich die Natur und sämtliche Tiere fasziniert und meinen Forschergeist geweckt. Wenn ich heute daran denke, dass ich diese Reise machen darf, bekomme ich einfach Gänsehaut und weine vor Freude, weil einer meiner Herzenswünsche in Erfüllung geht.


Besonders toll finde ich, dass ich nicht genau weiß was mich erwartet. Bis jetzt kenne ich genau einen Menschen, der mit mir gemeinsam da ist und das auch nur von Instagram, spreche kein Wort Spanisch und weiß nicht, was ich sehe und erleben möchte. Und jedes Mal wenn ich daran denke, denke ich nur: wow… das wird ein Abenteuer.


Dafür beneiden mich viele Menschen in meinem Umfeld. Immer wieder wird mir gesagt, wie toll das denn sei und wie gerne sie das auch machen würden oder gemacht hätten. Das macht mich jedes Mal nachdenklich. Scheinbar gibt es sehr viele Menschen, die den Traum haben zu Reisen, aber nur sehr wenige, die ihn wahr werden lassen. Das wird vermutlich zum einen daran liegen, dass Reisen teuer ist, was ich an dieser Stelle nicht bestreiten möchte. Auch wenn ich für mein Geld vergleichsweise viel bekomme, ist die Reise teuer und es ist ein absolutes Privileg reisen zu können. Dafür bin ich sehr dankbar, insbesondere auch meiner Mama, die einen Großteil der Reise finanziert und ermöglicht.


Trotzdem weiß ich aber, dass es bei den Menschen in meinem Umfeld nicht unbedingt ein finanzielles Problem ist. Die einen trauen sich nicht, die anderen schaffen es auch jeglichen erdenklichen Gründe nicht. Wenn ich überlege, dass man nur einmal lebt, frage ich mich immer was eigentlich der Sinn im Leben ist. Ergibt es Sinn unsere Träume und Ziele zu vertagen bis es irgendwann zu spät ist? Ergibt es Sinn nur vom Leben zu Träumen, es aber nie zu Leben? Ergibt es Sinn die Zeit verstreichen zu lassen bis selbst die schönsten Träume verblassen, da sie nie Wirklichkeit geworden sind?


Wenn ich das so lese, ist meine Antwort glasklar. Solange ich die Möglichkeit habe meine Träume zu leben, werde ich das tun, denn das macht mein Leben erst erfüllt.


Deshalb bin ich froh, dass ich mich für den Schritt entschieden habe, dass ich mich traue und meine Träume heute an erster Stelle stehen können. Auch wenn ich noch nicht viel vorbereitet habe und die Reise so weit entfernt erscheint, freue ich mich jetzt schon unfassbar darauf. Ich hoffe sehr, dass ich euch etwas dabei mitnehmen kann, um zu zeigen, wie es ist Träume zu erleben, mit allen Sonnen- und Schattenseiten.

Abschied


Abitur – Ein Anfang und ein Ende. Ein lachendes und ein weinendes Auge. Vergangenheit und Zukunft. Schmerz und Freude.

Die letzten zwei Jahre war ich stark in die Planung des Abiballs eingebunden. Am Wochenende hatten wir unsere Zeugnisvergabe und auch unseren Abiball. Es war ein unvergesslicher, wunderschöner Tag. Wir haben gefeiert, gelacht und getanzt.


In den Tagen danach macht sich in mir mehr und mehr ein Gefühl der Leere breit. All die Zeit, die ich in unsere Stufe investiert habe, ist nun frei. Wir werden uns nie mehr alle zusammen treffen. Nie mehr zusammen in die Schule gehen. Uns nie wieder Tag für Tag sehen. Das alles ist nun Vergangenheit.


Diese Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag. Sie macht mich traurig und ich vermisse diese Zeit jetzt schon, denn ich habe jeden einzelnen meiner Mitschüler tief ins Herz geschlossen. Die Tatsache, dass mit dem Abitur all das vorbei ist war mir zwar bewusst, die Tragweite dessen erkenne ich aber erst jetzt.


Dieser Abschied fühlt sich für mich wie ein nie enden wollendes Loch an, wie ein ungebremster Fall, bei dem man ein ungutes Gefühl im Bauch hat. Jedes mal, wenn ich daran denke, überfällt mich eine gewisse Traurigkeit ohne Vorwarnung, meine Tränen fließen und es dauert, bis ich mich beruhigen kann. Der Schmerz ist noch zu frisch, als dass ich mich wieder auf etwas Neue freuen kann.


Für mich ist das hier einer der schwersten Abschiede meines Lebens. Das Abitur ist ein Cut in meinem Leben zwischen der Jugend und dem Erwachsensein, ein Zeitpunkt der Entscheidungen, die mein Leben grundlegend beeinflussen.


Denn andererseits steht mir jetzt so viel Neues bevor. Eine Reise nach Costa Rica, mein Bundesfreiwilligendienst und danach Umzug und Studium. Das alles sind so großartige Sachen, denen ich voll Freude, aber auch etwas ängstlich entgegenschaue.


Noch brauche ich Zeit das Vergangene zu verarbeiten, meine Trauer anzunehmen, damit ich der Zukunft mit neuer Energie entgegentreten kann.


Denn genau diese Trauer nach einem Abschluss ist wichtig, denn nur so kann ich mit der Zeit auch die schönen Dinge an meiner Schulzeit wieder sehen. Ich empfinde schon jetzt eine unfassbar große Dankbarkeit für all die Menschen, die ich kennenlernen durfte und die so Teil meines Lebens geworden sind. Ich freue mich darauf zu sehen, was meine Stufe in den nächsten Jahren aus ihrem Leben macht, denn jeder und jede hat besondere Begabungen, die ganz sicher zu einem besonderen Lebensweg führen. Unser Leben fängt gerade erst an und wir können noch so viel daraus machen.


Und genau auf diese Herausforderung freue ich mich. Ich möchte Erfüllung finden, schauen, was das Leben zu bieten hat und mein Leben in vollen Zügen genießen.
Ich möchte die Welt erkunden, mich vernetzten, andere unterstützten und die Welt ein kleines bisschen besser machen.


Trotz allem Schmerz nach unserem Abschied kann ich so voller Hoffnung in die Zukunft schauen. Eine Zukunft, über die ich selbst entscheiden kann und die wie ein unbeschriebenes Blatt Papier vor mir liegt, sodass ich jetzt einen Neuanfang wagen kann.


Und zum Glück ist ja mit dem Abitur auch nicht alles weg. Es bleiben tolle Freundschaften, meine Familie und viele wertvolle Erfahrungen, die mich bereichern und auf die ich gerne zurückblicke. Und natürlich der Schulabschluss, der mir die Türen der Welt öffnet und mir Zugang zu Privilegien wie Bildung und Wohlstand verschaffen kann.


Ich möchte meinen Abschluss gerne nutzten, um etwas zurückzugeben und es anderen Menschen ermöglichen, ebenfalls daran teilzuhaben zu können. Denn Bildung ist meiner Meinung nach der Schlüssel zu Gesundheit, Friede, Gleichberechtigung und einer vitalen Erde, Dinge, die für jeden Menschen wichtig sind.

Abirede

Im Rahme unseres Abiturgottedienstes hatte ich die Ehre, eine Rede zu halten und möchte diese gerne hier teilen:

Liebe Gäste,
ich freue mich sehr, dass Sie alle heute erschienen sind, um unser bestandenes Abitur mit uns gemeinsam zu feiern.


Besonders möchte ich mich heute an meine Stufe richten. Als Stufensprecherin habe ich in den letzten zwei Jahren viel mit euch erleben dürfen. Deshalb habe ich lange überlegt, was ich euch nach so einer langen Zeit mit auf den Weg geben möchte, nach all den nervenaufreibenden Situationen, aufregenden Erfahrungen und vielen schönen Momenten.


Heute möchte ich die letzten zwei Jahre Revue passieren lassen und gemäß unserem heutigen Thema „Die Welt wartet“ einen Blick in die Zukunft wagen.


Dafür nehme ich euch mit auf eine Reise und habe euch dafür dieses Boot mitgebracht. Nehmt euch einen Moment Zeit und denk darüber nach was ihr mit dem Boot verbindet.


Als ich vor etwa einem Monat das erste Mal über Segelboote nachgedacht habe, sind mir sofort Assoziationen wie Freiheit, Reise und Natur, aber auch harte Arbeit in den Sinn gekommen.


Freiheit, weil ich mit einem Boot selbst wählen darf, wohin ich segeln möchte und ungebunden bin. Ich bin Herr meiner selbst und frei von Fremdbestimmung.


Reise, weil ich mit Booten die Welt bereisen und fremde Orte besuchen kann. Die Welt steht mir offen.


Und Natur, weil ich in einem Segelboot den Naturgewalten so Nahe bin, wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. Ich höre die Wellen rauschen und erlebe und bestaune die Wildnis der Erde hautnah.


Aber auch Arbeit, weil es harte Arbeit ist ein Boot zu segeln, bei jedem Wetter. Es verlangt Wissen und Koordination, sowie Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.


Das Segelboot kann allerdings auch für unsere sehr persönliche Lebensreise stehen. Jeder von uns hat sein eigenes Boot, mit dem er die Reise beschreitet. Jedes Segelboot steuert ein individuelles Ziel an und wird im Laufe des Lebens von jedem ganz persönlich gestaltet. Deshalb ist jedes Boot unterschiedlich, im Grundaufbau zwar recht ähnlich, jedoch verschieden durch viele kleine Details.
Während das eine Boot sehr stabil und robust ist, um die Weltmeere bei Wind und Wetter zu durchsegeln, ist das andere eher klein und gemütlich, um kleine Flussläufe zu durchqueren.


Wir können unser Boot selber gestalten, mit den Leuten segeln, die wir uns aussuchen, an verschiedenen Häfen anlegen und unsere ganz persönliche Route wählen.


In den letzten drei Jahren sind wir alle zusammen gesegelt. Mit einem gemeinsamen Ziel, dem Abitur. Heute haben wir unser Ziel erreicht und sind zusammengekommen, um noch ein letztes Mal gemeinsam zu feiern und danach ein neues Ziel ansteuern. Noch ein letztes Mal sitzen wir zusammen, an unserer Schule, die für uns in all den Jahren stets durch alle Stürme geleitet hat, wie ein Leuchtturm in der Nacht.


Hier haben wir viele Freundschaften geknüpft. Menschen gefunden, mit denen wir zusammen gesegelt sind und die uns geholfen haben, unseren Weg trotz aller Anstrengungen zu meistern, das Ziel nie aus den Augen zu verlieren.


Diese Zeit ist nun vorbei und ich schaue, wie ihr alle, mit einem lachendem und einem weinenden Auge zurück auf die letzten Jahre.
Denn noch in den nächsten Tagen wird es einige von uns weit hinaus in die Welt treiben, während andere vielleicht noch an ihrem Heimathafen anlegen um sich dort eine Pause zu gönnen von der anstrengenden Fahrt. Für einige von uns ist der Weg schon geplant, das Ziel festgesetzt. Andere nutzen die nächste Zeit, um sich neu zu orientieren.


Jeder von uns hat in seinem Leben die Möglichkeit, viele verschiedene Orte dieser Erde kennenzulernen, sich darauf einzulassen und stets Neues dazu zu lernen. Wir können selbst entscheiden wohin wir segeln, ob wir uns treiben lassen oder einen Kurs verfolgen und an diesem festhalten. Das sind Entscheidungen, die uns keiner abnehmen kann. Wir selbst tragen die Verantwortung für unseren Weg als Kapitän unseres Schiffes.


Dabei wird allerdings nicht immer alles einfach und wie geplant verlaufen. Um an unser Ziel zu gelangen müssen wir manchmal gegen den Wind segeln und hart arbeiten, um auf Kurs zu bleiben. Ohne helfenden Motor werden wir uns alleine fühlen.
Wir werden Stürme durchsegeln, mit hohen wogenden Wellen und dunklen Wolken. Wir werden die Orientierung verlieren und nicht mehr wissen wo unser Weg hinführt.


In Wirbelstürmen aus Gedanken und Gefühlen, wird sich der ein oder andere wie auf einer Irrfahrt fühlen, einer nie enden wollenden Odyssee.


Doch egal, wie dunkel die Zeiten auch scheinen, es gibt Menschen, die unsere Mitsegelnden sind und uns helfen. Die uns als Leuchttürme den weg weisen oder den Wind in die Segel leiten.
Wenn wir zusammensegeln, als eine Einheit, wie eine große Flotte, dann können wir jeden Sturm durchsegeln und die Dunkelheit gemeinsam bannen. Am Ende flacht jeder Sturm ab, die Wellen beruhigen sich und die Sonne mit ihrem hellen Licht bricht durch die dunklen Wolken.


Es gibt wieder Orientierung und Hoffnung, einen neuen Kurs einzuschlagen.


In solchen Momenten wird mir immer bewusst, wie schön das Leben eigentlich ist und wie wenig es braucht, um wahrhaftig glücklich zu werden. Dann rückt alles Materielle in den Hintergrund und ich kann mich über das wirklich Wichtige freuen. Über meine Freunde und meine Familie. Über die kleinen Momente im Leben: über eine Brise Wind an einem einem heißen Sommertag, über einen wunderschönen Sonnenuntergang, ein Lächeln oder eine Umarmung.


Da merke ich eins: Das wahre Glück findet sich schon auf dem Weg und ist oft so alltäglich, dass wir es beinahe übersehen.


Ich wünsche euch, egal wohin euer Weg euch führen mag, dass ihr viele dieser kleinen Momente erleben dürft. Dass ihr an euch glaubt und Menschen findet, die euch begleiten und die euer Leben bereichern. Menschen, die euch guten Wind in die Segel leiten. 
Dass ihr Zuneigung erfahren dürft und zufrieden werdet, mit dem was ihr in eurem Leben macht, was ihr erreichen könnt.


Denn das alles liegt in eurer Hand. Deshalb nutzt euer Leben, die Kraft die euch antreibt, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Seid derjenige, der einen Unterschied macht. Denn wenn ihr auch die Welt nicht alleine rettet, so könnt ihr zumindest Zeichen setzten. Für die Welt mag ein Boot unbedeutend klein sein, aber für einen Schiffsbrüchigen in Not ist es die Rettung.


Und egal wie klein ein einzelnes Segelboot wirkt, als eine Flotte kann es gewaltiges erreichen.


Zuletzt möchte ich mich auch bei Ihnen, unseren Gästen bedanken. Jeder von Ihnen hat dazu beigetragen, dass wir unseren Wegen folgen können, hat uns unterstützt und an uns geglaubt, wenn wir selbst die Hoffnung aufgegeben haben. Sie als unsere Eltern, Familie, Freunde und Lehrer waren unser Rückenwind und Sie haben uns immer wieder aufs Neue des Weg gewiesen. Sie haben uns das Segeln erst beigebracht und es uns ermöglicht heute hier gemeinsam zu stehen.


Dafür möchte ich Ihnen im Namen unserer ganzen Stufe danken.

Ein Hoffnungsschimmer

In den letzten Wochen habe ich intensiv für mein Abitur gelernt und deshalb viele Stunden an meinem Schreibtisch verbracht, weil ich mich dort einfach am besten konzentrieren konnte. Lange habe ich geübt und recherchiert, um wirklich jedes Detail zu erfahren und bestmöglich vorbereitet zu sein. Dabei habe ich oftmals die Zeit vergessen und mich stundenlang in Randthemen eingelesen, die im Endeffekt recht wenig mit meinem Abitur selbst zu tun haben. So kann ich jetzt beispielsweise eine Menge zur Entwicklung von Flugzeugen, den ersten Flugmaschinen und internationalem Flugverkehr sagen, obwohl das für meine Erdkundeprüfung wohl doch eher nebensächlich war.


Um trotz aller Recherche mit dem eigentliche Lernstoff fertig zu werden erstellte ich mir sechs Wochen vorher einen Lernplan, mit dem ich zu meinen Prüfungen mit etwas Zeitpuffer genau passend vorbereitet sein wollte. Allerdings merkte ich jeden Tag mehr, wieviel Druck mir dieser Plan machte und dass es kaum möglich war, wirklich alles zu schaffen, wenn ich nebenbei noch mein Leben leben wollte. Und trotzdem zog ich den Plan fast bis zum Schluss durch, aus Angst nicht gut genug zu sein.


An einem Abend, nach einem langen, stressigen Tag, schaute ich aus meinem Fenster. Es war ein warmer Tag gewesen, der Himmel war fast wolkenfrei. Ich ließ meine Gedanken etwas schweifen und mit Schreck viel mir auf, dass ich das Haus seit fast fünf Wochen kaum noch verlassen hatte. Während meine Familie und meine Freunde langsam sonnengebräunt wurden, saß ich immer noch kreidebleich und gestresst in meinem Zimmer. Ich hatte all meine freie Zeit, auf die ich mich seit Jahren gefreut hatte, nur ins Lernen investiert und mich fast darin verloren.


Doch als in diesem Moment in den Himmel sah, wurde mir eines klar. Während ich in meinem Zimmer gesessen hatte, waren tausend schöne Momente vergangen, die ich nicht gelebt hatte. Dabei lebt man nur einmal und man weiß nie, wann der letzte Tag, der letzte wunderschöne Sonnenuntergang oder die letzte Umarmung mit seinen Liebsten sein wird. Damit möchte ich nicht sagen, dass es falsch ist zu lernen. Es kommt dabei ganz auf die Motivation dahinter an. Mein ganzes Leben habe ich mir einen guten Schulabschluss gewünscht, nicht für mich oder damit mir die Welt offen steht, sondern einfach weil ich nach Anerkennung von meinem Umfeld und meiner Familie gestrebte. Im Nachhinein stellte ich für mich fest, dass das nicht der richtige Weg für mich ist.


Mir fällt es nach wie vor schwer, dieses Leistungs- und Anerkennungsprinzip hinter mir zu lassen. In sehr vielen Situationen merke ich, dass ich Dinge zumindest nicht nur für mich selbst tue, sondern auch für das Lob, die Anerkennung.


Diese Erkenntnis wiegt für mich sehr schwer, weil ich immer wieder merke, dass ich mich nicht wie ich selbst verhalte. Teilweise kann ich nicht mehr zwischen dem unterscheiden, was ich sage, weil ich es wirklich denke und dem, was ich sage, weil andere es hören wollen oder weil es mich vermeintlich beliebter macht. Aus dieser Situation heraus sind schon einige Halbwahrheit oder Lügen entstanden, die ich mir und anderen so lange erzählt habe, bis ich sie selbst geglaubt habe. Dabei habe ich mich, meine engsten Freunde und meine Familie belogen, ihnen etwas erzählt, was nicht immer gestimmt hat, die Realität so modifiziert, dass es mir passte. Dinge die toll und cool waren habe ich immer besonders laut rausgeschrien und den Rest unter den Tisch gekehrt und bei Kritik aggressiv, abweisend und beschuldigend reagiert.

Das hier so zu schreiben ist hart und macht mir Angst. Ich weiß nicht, wie du, als derjenige der meinen Text gerade liest, jetzt über mich denkt.


Ich für mich selbst kann sagen, dass ich versuche an mir zu arbeiten und zu der besten Version meiner selbst zu werden. Das ist noch ein langer Weg, von gefühlt so lang, dass ich nicht weiß, ob ich meine alten Gewohnheiten je ganz aufgeben kann und ob es je besser wird.

Oft fühle ich mich damit alleine, weil ich mich nicht traue jemandem von meinen Gefühlen zu erzählen, meine Schwäche zu zeigen. Ich frage mich, ob ich alleine die Schuld für all meine Lügen und angeberischen Übertreibungen trage. Ob es einen Grund dafür gibt oder ob ich einfach nicht mit meinem Leben klar komme. Ich habe Angst deswegen weggestoßen zu werden, dass sich meine Freunde, vielleicht auch zurecht, belogen fühlen. Ich fühle mich verloren in mir selbst, weiß nicht wo der richtige Weg ist, nach all dem Streben nach Anerkennung.


An jenem Abend, als ich in den Himmel schaute und beobachten durfte, wie er sich in den schönsten Blau-, Türkis- und Lilatönen zum Nachthimmel mit unendlich vielen Sternen verwandelte, war das ein Hoffnungsschimmer.

Egal wie oft ich mich in meinem Hamsterrad gedrehe, die Welt da draußen wartet darauf entdeckt zu werden. Und wenn auch nicht für immer, dann wenigstens in diesem einen Moment. Ich beschloss, mein Handeln in der Zukunft mehr zu hinterfragen, nach Gründen für Fehltritte zu forschen, um zum Kern meiner selbst zurückzufinden, den ich der Welt gerne zeigen möchte, wenn es soweit ist.


Der Himmel an dem Abend war voller Hoffnung, Erkenntnis und den Glaube daran, dass eine bessere Zukunft möglich ist, in Zeiten, die so voll von Dunkelheit sind.


Seitdem hat sich einiges verändert. Ich versuche bewusster für mich und mein Umfeld zu sein, was mal mehr und mal weniger gut klappt. Oft verliere ich meinen Weg aus den Augen. Aber an manchen Tagen fühle ich mich wie ein Kleinkind, das die Welt zum ersten Mal bestaunen und erleben darf. Ich bin unendlich dankbar für alle, die mich trotz aller Fehler begleiten, mir verzeihen und den Menschen in mir sehen, der ich wirklich bin. Das sind gute Tage, von denen ich mir in Zukunft so viel mehr wünsche.


Nachdem ich das hier geschrieben habe bin ich erleichtert und fühle ich zum ersten mal seit langem wirklich frei und gut mit meinen Worten. Eine ganze Weile kann ich nicht aufhören zu Weinen. Ich bin noch lange nicht am Ziel , aber wie man so schön sagt, ist der Weg ja das Ziel und ich möchte ihn bewusst beschreiten mit allen Hochs und Tiefs.