„Freundschaft im Schnelldurchlauf“

Samstag, der 16.07.2022, 20:56 Uhr. In meiner Zeit in Costa Rica habe ich die Möglichkeiten viele neue Menschen kennenzulernen. Während meines Sprachkursea und des Praktikums lebe ich in einem Haus mit mehreren anderen Freiwilligen in Vierbettzimmern. Momentan sind wir hier zu zehnt im Haus und auf unserem Zimmer zu dritt.



Auf diese Weise hat man die Möglichkeit Freundschaften zu knüpfen. Luise, eine Freiwillige hier, hat es liebevoll als „Freundschaft im Schnelldurchlauf“ bezeichnet. Eine ziemlich passende Beschreibung für die Bindungen, die man hier eingeht. Man verbringt nur wenige Wochen mit einem Menschen, aber lernt ihn viel intensiver kennen. Wir sind hier aufeinander angewiesen, denn wir sind die direkten Ansprechpartner für alles, wenn die eigene Familie zu Hause schon schläft oder noch arbeiten ist. Wir helfen uns untereinander, sind füreinander da und machen das Leben hier erst so fröhlich. Ohne meine Freunde hier wäre es nicht halb so schön.



Da wir hier auf engem Raum zusammenleben öffne ich mich viel mehr und erzähle nach wenigen Tagen Dinge von mir selbst, die ich Freunden Zuhause wohl erst nach Jahren erzählen würde. Wir sind offen und ehrlich zueinander und versuchen Rücksicht aufeinander zu nehmen. So sind wir schon nach kurzer Zeit ziemlich vertraut miteinander.



Besonders cool ist, dass man hier Menschen fast ohne Vorurteile begegnen kann. Ich kenne keine Vorgeschichte zu jemanden, sondern nur das, was er mir erzählen möchte. So kann ich Menschen ganz anders und viel aufgeschlossener wahrnehmen.


Gleichzeitig merke ich, dass es unheimlich viel Energie kostet, so viele neue Menschen kennenzulernen. Im unserem Haus gibt es so gut wie keine Rückzugsmöglichkeit, sodass ich dauerhaft mit allen anderen zusammen bin. Wir sind, so gut wir uns auch verstehen, alle unterschiedlich, haben verschiedene Meinungen und Herangehensweisen. Damit es nicht so Konflikten kommt muss sich jeder zwingend mal zurücknehmen. Oft gibt es Dinge, die mich in dem Moment ärgern, die ich dann aber erstmal runterschlucke, weil ich weiß, dass es in dem Moment nur zu Ärger führen würde. Dann fehlt mir einfach eine wirklich vertraute Person, mit der ich mich austauschen kann und einen Ort, an den ich mich zurückziehen kann.



Deshalb habe ich die letzten Tage wirklich gemerkt, wie müde mich das alles macht. Ich bin mental so erledigt, dass ich froh bin, mal etwas Zeit allein zu verbringen und meine Batterien wieder aufzuladen.
Etwas nur mit mir zu machen gibt mir Kraft und genau diese Ruhe ist für mich wichtig, damit ich meine Zeit hier genießen kann.



So hat das Miteinander hier seine Vor- und Nachteile, genauso wie mein Aufenthalt hier. Es gibt Aufs und Abs. Nicht jeder Tag ist so paradiesisch wie der andere. An einem Tag läuft nichts, die Organisation ist alles andere als organisiert, ich sehe dass mein Gepäck, meine Jacke und Schuhe schimmeln und mein Fahrrad geht kaputt. Die Stimmung ist gereizt, insbesondere an Regentagen, wenn wir noch näher aufeinander sitzen. Am nächsten Tag bin ich dann wieder am Strand und sehe die Wellen und all die Surfer, den Urwald und die Tiere und genieße die Sonne. Oft kann ich mich gar nicht sattsehen, an all den Details der Wellen und des Dschungels. Es gibt so viel zu sehen und zu beobachten, dass ich oft stundenlang am Strand sitze, Hörbücher höre und einfach nur in die Natur gucke. Die Stimmung ist dann entspannt und fröhlich. Wir lachen zusammen und genießen unsere Zeit hier.


Ich bin unfassbar froh, dass diese guten Tage und Momente die negativen Gefühle und Erfahrungen überwiegen. Aber dennoch ist es nun einmal nicht immer nur so, wie es auf den Bildern aussieht. Es ist nicht nur Sommer, Sonne, Sonnenschein und Entspannung, sondern eben so viel mehr Situationen und Emotionen, die dazugehören. Ich bin genauso dankbar für die guten, als auch für die nicht so guten Momente, denn so kann ich die schöne Zeit hier insgesamt wertschätzen. Denn ja, es gibt Momente, in denen ich nur nach Hause möchte und in denen ich erschöpft bin. Es gibt aber eben auch so viele Momente voller Zufriedenheit und Vokommenheit, die mir neue Kraft geben auch die schweren Tage zu überstehen.

Die Kraft der Wellen

Puerto Viejo, Samstag, den 09.07.2022, 15:32 Uhr. An der Karibikküste gibt es einige tolle Surfspots. Deshalb war für mich von Anfang an klar, dass ich in meiner Zeit in Costa Rica gerne surfen lernen möchte.

Nach meinen ersten drei Surfstunden habe ich für mich vier Dinge festgestellt.



Erstens: Es ist unfassbar anstrengend Surfen zu lernen. Einerseits ist das Surfen an sich und besonders das Paddeln anstrengend. Aber auch mental ist es eine Herausforderung, alle Schritte zu kombinieren und immer aufmerksam zu sein.



Zweitens: Fehler sind okay und Grundvorraussetzung dafür etwas Neues zu lernen. Niemand wurde als Profi geboren und wenn es den einen Tag nicht gut läuft wird es trotzdem mit langer Übung irgendwann besser.


Drittens: Es macht unfassbar Spaß wenn es klappt. Die Kraft der Welle und der Flow machen alle Anstrengung wieder gut. Es gibt kaum ein besseres Gefühl als mit den Wellen.


Viertens: Respekt anstatt Angst vor der Kraft des Wassers macht alles einfacher. Nach meiner zweiten Stunde hatte ich extreme Angst noch einmal ins Wasser zu gehen. Die Wellen waren an diesem Tag recht „hoch“. In der Bucht, in der wir surfen, muss man außerdem recht weit rauspaddeln, um zum Ort zu kommen, an dem die Wellen brechen. Das bedeutet, man kann dort nicht stehen und das Wasser ist einige Meter tief.
Davor habe ich schon immer Angst gehabt und bin daher an dem Tag mit einem unguten Gefühl ins Wasser gegangen.


Und natürlich kam es wie es kommen musste. Meine erste Welle habe ich nicht richtig bekommen und bin vom Bord gefallen. Als ich mich umschaute kamen zwei größtere Wellen auf mich zu. Für mich der blanke Horror. Panisch habe ich versucht aufs Bord zu kommen, wurde dann aber zweimal von den Wellen erfasst und unter Wasser gezogen, bevor ich zurück auf dem Bord war. Danach war der Tag für mich gelaufen. Jeder neue Anlauf war für mich mit Angst verbunden.


Auch wenn ich mit der Zeit lernte, wie man große Wellen so durchschwimmt, dass man nicht direkt untergeht, macht mir die Vorstellung schwimmend im Wasser zwischen den Wellen zu sein große Angst.


So startete ich auch die nächste Stunde mit Unwohlsein und hatte eigentlich keine Lust surfen zu gehen.
Als wir dann rauspaddelten wollte ich nicht mehr in die Wellen, sondern einfach zurück an den Strand.
Das einzige was mein Surflehrer darauf sagte war: „Entweder du bekommst deine Angst in den Griff oder du wirst nie ein Surfer. Du musst dich einfach nur beruhigen.“
Das war definitiv nicht das, was mir in dem Moment Mut gemacht hat und ich war kurz davor einfach aufzugeben. Mein Ehrgeiz und meine Sturheit war dann aber doch größer.


Als wir dann kurz vor meiner ersten Welle waren, hat mein Lehrer mir dann erklärt, dass wenn ich ruhig bleibe, alles nicht so schlimm ist, sondern dass meine Angst die Situation nur noch schlimmer gemacht hat. Sie hat mich sogar gefährdet, denn meine panischen Bewegungen haben keinenfalls dafür gesorgt, dass ich über Wasser bleibe und irgendetwas sinnvolles tue.

Wichtig ist, dass ich Ruhe beware, die großen Wellen durchtauche und dann das Bord suche. Wenn ich einmal auf dem Bord bin ist alles okay.



Das hat mir dann doch geholfen, meine Angst zu überwinden und es zu probieren. Und es hat geklappt, zumindest einige Wellen konnte ich bekommen und meine Angst etwas beiseiteschieben, indem ich mir vor Augen geführt habe, dass meine Angst mir nicht weiterhilft.



Auch wenn ich meine Panik nach wie vor nicht ganz abschalten kann, so bin ich doch ruhiger geworden. Ja, ich habe Salzwasser geschluckt und das auch nicht zu wenig. Ich bin immer noch nervös in den Wellen. Der Ozean ist stark und hinter jeder Welle steckt viel Kraft. Das gehört dazu und macht es ja gerade erst spannend. Deshalb ist es so wichtig mit und nicht gegen den Ozean zu arbeiten, denn gegen diese Kraft komme ich einfach nicht an.



Und wenn man dann hinter den brechenden Wellen sitzt und einfacg auf den Strand schaut ist die Welt einfach toll. Man kann so viele Sachen beobachten. Als es angefangen hat zu regnen sind die Regentropfen immer erst einen kleinen Moment auf der Oberfläche geschwommen, bevor sie sich mit dem Salzwasser vermischen. Das sieht einfach magisch aus. Oder wenn ein anderer Surfer eine Welle reitet. Das ist so faszinierend und sieht einfach toll aus.



Für mich hat es sich auf jeden Fall gelohnt, das Surfen auszuprobieren. Mit den Wellen im Einklang zu sein, meine Angst zu überwinden und in eine neue Welt einzutauchen, sind Erfahrungen, die ich nicht missen möchte.

Tukane und der Anfang der Welt

Puerto Viejo, Mittwoch der 06.07.2022, 21:32 Uhr. Heute waren wir im Urwald Ziplinen. Dafür ging es zwischen den insgesamt dreizehn Ziplines immer wieder durch den Wald auf schmalen Wegen zum nächsten Absprungpunkt. Dabei konnten wir alles mögliche sehen.



Riesenameisen, die den schmerzhaftesten Insektenbiss der Welt haben, der fünf Stunden lang weh tut. Wandernde Bäume, die ihre Wurzeln so umbauen, dass sie pro Jahr bis zu vier Meter der Sonne entgegen wandern können. Brüllaffen mit Babys, die einfach in den Bäumen über uns sitzen. Die verschiedensten bunten Schmetterlinge. 500 Jahre alte Bäume, die nie von Menschen angerührt wurden.



Und ganz nebenbei konnten wir dann noch durch den Wald „fliegen“ und den wunderschönsten Blick über den Wald genießen.



Besonders berührt haben mich allerdings die Tukane. Von einer der Platformen hatten wir einen tollen Blick in den Wald hinein. Allein dieser Blick über die uralten Bäumen, die Lianen und all die anderen Pflanzen in Kombination mit der Geräuschkulisse aus Vögeln und Grillen war einfach unglaublich und rührt mich auch jetzt noch. Aber als dann ein Tukan zwischen zwei besonders hohen Bäumen durch den Wald geflogen ist war das Bild einfach perfekt und besser als jedes Bild oder jede Doku es je zeigen könnte.



Noch nie in meinem Leben hat mich die Schönheit der Natur so dermaßen umgeworfen wie in diesem Moment. Tukane waren für mich Vögel, die nur in Zoos oder auf Bildern existieren. Zu sehen, wie sie frei fliegen war für mich einfach umwerfend.



Ich empfinde eine so große Dankbarkeit, diesen Moment erlebt zu haben und die Schönheit dieser Erde sehen zu dürfen. Für mich ist ein großer Traum in Erfüllung gegangen und das habe ich erst heute realisiert. Der Tukan hat für mich das Unfassbare fassbar gemacht und Bekanntes und Unbekanntes vereint.
Wenn dies mein letzter Moment gewesen wäre, wäre ich zutiefst geerdet und zufrieden gewesen.



Ich verstehe nun zumindest ein kleines bisschen besser, was Vollkommenheit und Einklang bedeuten kann.

Die kleinen Dinge im Leben

Puerto Viejo, Sonntag, der 03.07.2022, 22:35 Uhr. Zehn Tage lang bin ich jetzt schon hier. Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht. Langsam habe ich mich an vieles gewöhnt und fange an, das Leben hier zu genießen.



Und wenn ich Heimweh habe, muss ich immer daran denken, was eine gute Freundin von mir mir am Anfang mitgegeben hat. Heimweh bedeutet ja eben auch, dass mir mein Zuhause gut gefällt und ich gern dort bin, sonst würde ich es ja nicht vermissen. Deshalb bin ich dann jedes Mal nicht nur traurig, sondern auch dankbar.



Generell habe ich erst hier gemerkt, was für einen Luxus ich Zuhause genieße. Es gibt so viele Kleinigkeiten, für die ich hier bereits dankbar bin.



Ein trockenes Bett, frisch gewaschene, trocke Wäsche, eine Fahrradkette, die nur alle paar Tage rausspringt, lauwarmes Duschwasser, kaltes Trinkwasser, ein gescheites Mückennetz und ein Plastikregal, in das ich meine Sachen legen kann. All das sind Dinge über die ich mich hier unfassbar freue.



Wenn ich an Zuhause denke freue ich mich auf eine saubere, warme Dusche, trockene Sachen, eine Spühlmaschine, brauchbare Handtücher und so vieles mehr.



Auch wenn es hier wunderschön ist und ich gern hier bin, sind es eben einfach nicht dieselben Standards wie Zuhause. Das ist vollkommen in Ordnung und normal, es regt mich aber auch immer wieder zum Nachdenken an. Den Luxus, den ich Zuhause für normal gehalten habe, ist ein absolutes Privileg. Das ist mir erst hier so wirklich bewusst geworden.

Der Traum von Schokolade

Puerto Viejo, Freitag, der 01.07.2022, 15:54 Uhr. Während meines Aufenthaltes in Costa Rica besuche ich drei Wochen lang einen Sprachkurs, um etwas Spanisch zu lernen.
Dabei haben wir jeden Freitag die Möglichkeit, einen Ausflug zu machen. Diese Woche ging es für uns zu einer Kakaofarm, die einem indigenen Volk, den Bri Bris, gehört.



Zum ersten Mal habe ich eine Kakaopflanze, einen Kautschukbaum, einen Kukumabaum sowie eine Stabheuschrecke gesehen. Unsere Leiterin, eine Bri Bri, konnte uns viel über diese und andere Pflanzen erzählen, die ihr Stamm seid Jahrhunderten zur Herstellung von Werkzeugen, Häusern, Medizin, Schmuck und Kosmetik nutzt. Ich fand es sehr fazinierend, wieviel man aus all den Pflanzen herstellen kann und dass teilweise nur so wenig über manche Pflanzen bekannt ist.
Ziemlich fatal, wenn man bedenkt, wie viele unerforschte Arten wir jeden einzelnen Tag ausrotten ohne zu wissen, ob sie unheilbare Krankheiten heilen können. Das alleine sollte schon Grund genug sein, die Artenvielfalt zu erhalten, auch wenn es dafür natürlich eine Millionen weitere Gründe gibt.



Nach unserer Führung durften wir dann selbst Schokolade herstellen. Dafür mussten die schon getrockneten Schoten (allein das Trocknen dauert Tage) zuerst zehn Minuten geröstet werden, dann mit Steinen gemahlen und zuletzt gepresst werden. Erst dann hat man eine Kakaopaste. Wenn man diese probiert ist sie sehr bitter und mehlig und überhaupt nicht das, was ich mit Kakao verbinde. Selbst mit Wasser, Zucker und Milchpulver wird es kaum besser und kommt unserem Kakao nur sehr entfernt nahe. Besonders der bittere Geruch unterscheidet sich stark von unserer Schokolade.



Wenn man bedenkt, wie gravierend dieser Unterschied zwischen richtigem Kakao und unsere Schokolade in Deutschland ist, möchte ich gar nicht so genau wissen, was alles darin ist. Ich persönlich esse gerne Schokolade, aber wenn ich daran denke, was ihr alles hinzugefügt werden muss um so zu schmecken, finde ich das schon abschreckend.



In Zukunft werde ich zumindest öfter daran denken, dass Schokolade nicht einfach Kakaobohnen, Zucker und Milch ist, sondern dass viel mehr dazugehört. Neben sehr harter Arbeit und Zeit eben auch Zusatzstoffe und eine ganze Industrie, die nicht überall so idyllisch ist, wie das Bri Bri Dorf. Sogar eine alltägliche Sache wie Schokolade ist ein Privileg, das ich jetzt viel bewusster wahrnehmen kann.

Zwischen Kulturschock und Liebe

Puerto Viejo, Dienstag, der 28.6.2022, 15:22 Uhr. Karibikküste – Sommer, Sonne, Sonnenschein.
Also zumindestens fast. Es ist nämlich Regenzeit, das heißt es ist unberechenbar wann es wo wieviel regnet.
Was nicht bedeutet, dass es keine Sonne gibt. Gerade liegen wir bei 25 Grad und Sonne am Strand und genießen das gute Wetter. Aber das sieht auch schonmal anders aus.

Manchmal regnet es morgens, manchmal abends und manchmal den ganzen Tag. Das ist mehr oder weniger Glückssache, denn selbst die beste Wetterapp ist hier nicht brauchbar. Egal wie das Wetter ist, angesagt ist meistens Gewitter. Ob es das dann aber auch wirklich gibt ist die andere Sache.

Die Lage und das Klima bringen zudem verschiedene Umstände mit sich. Zum einen ist es super schwül, wenn es geregnet hat, alle Klamotten werden klamm und fangen (aus Erfahrung anderer Freiwilligen) eigentlich bei jedem nach zwei bis drei Wochen an manchen Stellen an zu schimmeln. Alles nur halb so tragisch, lässt sich zumindest meistens rauswaschen. Der Gedanke, dass alles schimmeln könnte ist mir aber trotzdem unbehaglich, auch gesundheitlich gesehen. Beeinflussen kann ich es allerdings leider kaum, da es keine Möglichkeit gibt, die Sachen zu trocknen.

Durch die Lage in der Nähe des Äquators ist es abends momentan schon ab 18 Uhr stockdunkel. Da gibts keine Dämmerung, sondern es ist zack, bumm dunkel. Das ist wirklich crazy. Wenn man sich nicht beeilt davor Zuhause zu sein, kann einen das echt überrollen.

Auch die Zeitverschiebung ist verrückt. Jacklag habe ich nicht, weil ich die Nacht im Flieger durchgemacht habe, aber wenn wir abends draußen unterwegs sind und wir gegen 1 nach Hause kommen, ist meine Familie schon wieder wach. Wenn wir Mittag haben, gehen sie wieder schlafen und so weiter.

Es gibt aber auch unfassbar viele tolle Dinge.
Besonders gut gefällt mir die Landschaft und die Kultur. Der Regenwald und die Vegetation ist superschön und wirklich einmalig. Jede Nacht kann man aus dem Bett ein Konzert der Insekten und Brüllaffen hören und wenn es regnet auch das prasseln der Regentropfen auf das Blätterdach. Das Leben quasi mitten im Dschungel ist toll und unbeschreiblich schön.

Außerdem sind die Menschen hier sehr herzlich und vor allen Dingen entspannt. Die abendlichen Besuche im Johnny’s, einer Strandbar mit Tanzfläche am Meer, machen viel Spaß und man lernt immer neue Leute kennen. Besonders das Zumba im Ort, bei dem Locals und Touris aufeinander treffen, ist cool. Unser Lehrer ist hochmotiviert und macht gute Stimmung, sodass man alles andere vergessen kann. Man fühlt sich verbunden mit den Menschen und seinem Körper. Es zählt nur der Moment.

Zusätzlich können wir einmal die Woche Yoga mit einer Lehrerin machen. Es ist erstaunlich, wie die Kommunikation ohne Worte klappt, denn von den spanischen Anweisungen verstehe ich nichts. Diese Aktivitäten stärken unseren Teamgeist untereinander und machen super viel Spaß. Neben Handstand und anderen Übungen, ist die Schlussentspannung der Moment, in dem man wirklich geerdet ist.

Insgesamt gewöhne ich mich langsam ein. Es gibt Phasen mit Unwohlsein und Heimweh, die einfach schlimm sind. Gleichzeitig gibt es tolle Dinge, die ich hier sehen und erleben kann. Ich habe schnell gemerkt, dass Reisen nicht nur schön ist, sondern seine Sonnen- und Schattenseiten hat. Daran muss ich mich erst gewöhnen und lernen, auch negative Gefühle zuzulassen.

Heimweh und Abschiedsschmerz

Puerto Viejo, Montag, der 27.6.2022, 4:46 Uhr. Costa Rica wird die Reise meines Leben. So die Überlegung.
Ich bin jetzt seid zwei Tagen hier und es ist wirklich schlimm für mich. Das Land ist wirklich schön, keine Frage, aber ich habe so schlimmes Heimweh, dass das alles überschattet.



Schon im Flieger hatte ich mehrfach starke Panik, habe mich beklemmt gefühlt und hatte schlimme Platzangst. Alleine an den Rückflug zu denken macht mir jetzt schon wahnsinnig Angst. Ich habe die zwölf Stunden Flugzeit eindeutig unterschätzt. Selbst sämtliche Atemübungen, fünf Filme und mein Survivalpack konnten es nicht besser machen.



Mein Heimweh allerdings ist noch viel schlimmer. Ich hätte nie gedacht, dass es so schlimm wird, aber bereits eine Woche davor konnte ich mich nicht mehr freuen und wollte einfach nur Zuhause bleiben.



So geht es mir auch jetzt… ich vermisse mein Zuhause, meine Familie und besonders meinen Freund sehr. Normalerweise sind wir ein Herz und eine Seele, wir sehen uns jeden Tag und ich rufe ihn immer an, wenn was ist. Dass er hier fehlt hat mir so dermaßen den Boden unter den Füßen weggezogen, dass nichts mehr geht. Bei allem, was ich erlebe, muss ich sofort daran denken, was er dazu gesagt hätte.



Alles, was mich an Zuhause erinnert macht mich sofort traurig. Sie Uhrzeit von Zuhause, jede Nachricht und sogar die meisten Sachen, die ich mitgenommen habe. Wenn ich daran denke, dass ich 50 Tage hier bleiben soll, muss ich weinen, weil das so lang erscheint.



Hinzukommt, dass in meiner Unterkunft durch die Regenzeit gerade recht wenig los ist und ich so kaum Ablenkung finden kann. Die meisten reisen schon in einer Woche ab und freuen sich auf Zuhause, was mein Heimweh natürlich nur noch schlimmer macht.
Ich kann mich mit keinem wirklich anfreunden, weil die meisten Samstag gehen und deshalb fühle ich mich so einsam und verloren.



Das mag für die meisten paradox klingen, aber zurzeit möchte ich einfach nach Hause. Als ich die Reise gebucht habe, hätte ich nie gedacht, dass so ein Horror auf mich zukommt. Ich hoffe sehr, dass es die nächsten Tage besser wird, ihr werdet davon hören

Reisevorbereitungen – Klappe, die erste


In eine Woche geht es endlich los und ich trete meine Reise nach Costa Rica an. Bis jetzt bin ich nicht sonderlich aufgeregt, was wahrscheinlich erstens daran liegt, dass ich durch die Abiballorganisation sämtliche Synapsen, die für Aufregung und Stress zuständig sind, überlastet habe und zum anderen daran, dass Costa Rica so unfassbar weit entfernt ist, sowohl räumlich gesehen (es sind ungefähr 9500km) als auch von meinem persönlichem Empfinden.


Wenn ich mir heute die Bilder anschaue, die in Reiseführern, dem Internet und in meinen Reiseunterlagen abgebildet sind, kann ich mir schlichthinweg nicht vorstellen in etwas mehr als einer Woche dieses unfassbar faszinierende Fleckchen Erde kennenzulernen. Jetzt mal ganz abgesehen davon, dass ich nach zwei Jahren Pandemie so oder so nicht mehr daran glaube, dass etwa stattfindet, bevor ich es nicht hautnah und in Person erlebe, ist es für mich einfach nur schwer vorstellbar, wie diese Reise wird.


Und trotz fehlender Aufregung, bin ich mir sehr sicher, dass es mir gefallen wird. Die Welt zu entdecken ist für mich einfach das Größte und eines der wundervollsten Möglichkeiten, die die Globalisierung neben vielen Problemen mit sich gebracht hat. Von Kindestagen an haben mich die Natur und sämtliche Tiere fasziniert und meinen Forschergeist geweckt. Wenn ich heute daran denke, dass ich diese Reise machen darf, bekomme ich einfach Gänsehaut und weine vor Freude, weil einer meiner Herzenswünsche in Erfüllung geht.


Besonders toll finde ich, dass ich nicht genau weiß was mich erwartet. Bis jetzt kenne ich genau einen Menschen, der mit mir gemeinsam da ist und das auch nur von Instagram, spreche kein Wort Spanisch und weiß nicht, was ich sehe und erleben möchte. Und jedes Mal wenn ich daran denke, denke ich nur: wow… das wird ein Abenteuer.


Dafür beneiden mich viele Menschen in meinem Umfeld. Immer wieder wird mir gesagt, wie toll das denn sei und wie gerne sie das auch machen würden oder gemacht hätten. Das macht mich jedes Mal nachdenklich. Scheinbar gibt es sehr viele Menschen, die den Traum haben zu Reisen, aber nur sehr wenige, die ihn wahr werden lassen. Das wird vermutlich zum einen daran liegen, dass Reisen teuer ist, was ich an dieser Stelle nicht bestreiten möchte. Auch wenn ich für mein Geld vergleichsweise viel bekomme, ist die Reise teuer und es ist ein absolutes Privileg reisen zu können. Dafür bin ich sehr dankbar, insbesondere auch meiner Mama, die einen Großteil der Reise finanziert und ermöglicht.


Trotzdem weiß ich aber, dass es bei den Menschen in meinem Umfeld nicht unbedingt ein finanzielles Problem ist. Die einen trauen sich nicht, die anderen schaffen es auch jeglichen erdenklichen Gründe nicht. Wenn ich überlege, dass man nur einmal lebt, frage ich mich immer was eigentlich der Sinn im Leben ist. Ergibt es Sinn unsere Träume und Ziele zu vertagen bis es irgendwann zu spät ist? Ergibt es Sinn nur vom Leben zu Träumen, es aber nie zu Leben? Ergibt es Sinn die Zeit verstreichen zu lassen bis selbst die schönsten Träume verblassen, da sie nie Wirklichkeit geworden sind?


Wenn ich das so lese, ist meine Antwort glasklar. Solange ich die Möglichkeit habe meine Träume zu leben, werde ich das tun, denn das macht mein Leben erst erfüllt.


Deshalb bin ich froh, dass ich mich für den Schritt entschieden habe, dass ich mich traue und meine Träume heute an erster Stelle stehen können. Auch wenn ich noch nicht viel vorbereitet habe und die Reise so weit entfernt erscheint, freue ich mich jetzt schon unfassbar darauf. Ich hoffe sehr, dass ich euch etwas dabei mitnehmen kann, um zu zeigen, wie es ist Träume zu erleben, mit allen Sonnen- und Schattenseiten.

Über Haareschnitte und Selbstzweifel


Nach meinem Abi rasiere ich die Haare ab – Mein Plan seid etwa einem Jahr.


Was daraus geworden ist? Bisher nichts, der Rasierer liegt hier, die Rasur steht auf meiner To-do Liste und ich sitze hier, mit langen Haaren und schreibe diesen Text, weil ich mich nicht traue.


Aber jetzt erstmal ganz von vorne. Die meisten würden mich wahrscheinlich für verrückt erklären, weil ich aus meiner Frisur so ein Drama mache. Es sind ja nur Haare, die wachsen ja nach. Hab ich auch gedacht, aber dann kamen die Zweifel aus meinem Umfeld und auch von mir selbst.


Auf Social Media gibt es einige Menschen, die sich die Haare abrasieren, darunter eine meiner liebsten Youtuberinnen – Jana von Janaklar. Sie ist einer der Gründe dafür, warum ich meine Haare unbedingt mal abschneiden möchte.


Zum andern passt eine neue Frisur zum neuen Lebensabschnitt. Nach meinem Abi fühlt es sich so an, als ob auch ich anders sein sollte und nicht nur mein Leben. Dafür ist ein neuer Haarschnitt die perfekte Veränderung, die den Abschied deutlich macht.


Außerdem könnte es mir helfen, mehr an meinem Inneren zu arbeiten. Mein ganzes Leben war ich so auf mein Äußeres fokussiert, dass der Kern meiner selbst in Vergessenheit geraten ist. Wenn ich mir meine Haare abrasiere sehe ich nicht mehr aus wie die Frau, die uns die Gesellschaft als Vorzeigefrau aufzwängt. Auch wenn mein Frisur meine Persönlichkeit und meinen Wert als Mensch nicht ändert, sondern lediglich einen kleinen Teil meines Körpers und meines Aussehens, wird es Menschen geben die das anders sehen.


Dann habe ich nicht die Möglichkeit mich hinter meinem Aussehen und meinen Haaren zu verstecken, sondern muss meine Persönlichkeit nutzen, um von innen heraus zu strahlen.


Trotz all dieser positiven Aspekte habe ich Angst.


Ich habe Angst davor ausgegrenzt und nicht länger geliebt zu werden. Ich habe Angst davor, dass man meine Persönlichkeit aufgrund meiner Haare nicht mehr sieht. Ich habe Angst davor herauszustechen und verurteilt zu werden.
Ich habe Angst vor den Tagen, an denen ich an meiner Entscheidung zweifle und meinen Selbstwert herabstufe, denn solche Tage wird es ohne Zweifel auch geben.


Besonders schlimm sind diese Zweifel, seit ich meinem Umfeld von der Idee erzählt habe. Meine Mama war sehr geschockt, da sie abrasierte Haare mit der Krebskrankheit meines Vaters in Verbindung bringt. Meine Schwester sagt mir, sie würde es nicht machen und ich werde es bereuen, weil die Haare mein Aussehen beeinflussen und auch meinen Selbstwert. Mein Freund hat aus unerklärlichen Gründen ein schlechtes Gefühl bei der Sache. Die drei haben alle ihre Gründe, mir von der Entscheidung abzuraten und ich möchte sie nicht dafür verurteilen Tief in meinem Inneren verspüre ich aber trotzdem eine tiefe Traurigkeit.


Besonders von meiner Familie habe ich mir Unterstützung gewünscht, damit ich die Kraft finde, meinen Wunsch zu verwirklichen und auch die Tage zu überstehe, in denen ich die Entscheidung bereue und an meinem Selbstwert zweifle. Ohne diesen Rückhalt fühle ich mich alleine und kraftlos. Ich traue mich nicht, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen, weil ich all die negativen Kommentare nicht ertrage. Deshalb bleiben die Haare jetzt erstmal.


Und um noch einmal zum Anfang zurückzukommen: Ob ich meinen Plan jemals in die Tat umsetzte steht noch in den Sternen, wenn ja werdet ihr davon hören, wenn nicht dann ist nichts daraus geworden.
Beide Optionen sind durchaus möglich und okay so, weil wie schon gesagt: Es geht nur um Haare, also eigentlich nicht weltbewegendes.