Die kleinen Dinge im Leben

Puerto Viejo, Sonntag, der 03.07.2022, 22:35 Uhr. Zehn Tage lang bin ich jetzt schon hier. Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht. Langsam habe ich mich an vieles gewöhnt und fange an, das Leben hier zu genießen.



Und wenn ich Heimweh habe, muss ich immer daran denken, was eine gute Freundin von mir mir am Anfang mitgegeben hat. Heimweh bedeutet ja eben auch, dass mir mein Zuhause gut gefällt und ich gern dort bin, sonst würde ich es ja nicht vermissen. Deshalb bin ich dann jedes Mal nicht nur traurig, sondern auch dankbar.



Generell habe ich erst hier gemerkt, was für einen Luxus ich Zuhause genieße. Es gibt so viele Kleinigkeiten, für die ich hier bereits dankbar bin.



Ein trockenes Bett, frisch gewaschene, trocke Wäsche, eine Fahrradkette, die nur alle paar Tage rausspringt, lauwarmes Duschwasser, kaltes Trinkwasser, ein gescheites Mückennetz und ein Plastikregal, in das ich meine Sachen legen kann. All das sind Dinge über die ich mich hier unfassbar freue.



Wenn ich an Zuhause denke freue ich mich auf eine saubere, warme Dusche, trockene Sachen, eine Spühlmaschine, brauchbare Handtücher und so vieles mehr.



Auch wenn es hier wunderschön ist und ich gern hier bin, sind es eben einfach nicht dieselben Standards wie Zuhause. Das ist vollkommen in Ordnung und normal, es regt mich aber auch immer wieder zum Nachdenken an. Den Luxus, den ich Zuhause für normal gehalten habe, ist ein absolutes Privileg. Das ist mir erst hier so wirklich bewusst geworden.

Über Haareschnitte und Selbstzweifel


Nach meinem Abi rasiere ich die Haare ab – Mein Plan seid etwa einem Jahr.


Was daraus geworden ist? Bisher nichts, der Rasierer liegt hier, die Rasur steht auf meiner To-do Liste und ich sitze hier, mit langen Haaren und schreibe diesen Text, weil ich mich nicht traue.


Aber jetzt erstmal ganz von vorne. Die meisten würden mich wahrscheinlich für verrückt erklären, weil ich aus meiner Frisur so ein Drama mache. Es sind ja nur Haare, die wachsen ja nach. Hab ich auch gedacht, aber dann kamen die Zweifel aus meinem Umfeld und auch von mir selbst.


Auf Social Media gibt es einige Menschen, die sich die Haare abrasieren, darunter eine meiner liebsten Youtuberinnen – Jana von Janaklar. Sie ist einer der Gründe dafür, warum ich meine Haare unbedingt mal abschneiden möchte.


Zum andern passt eine neue Frisur zum neuen Lebensabschnitt. Nach meinem Abi fühlt es sich so an, als ob auch ich anders sein sollte und nicht nur mein Leben. Dafür ist ein neuer Haarschnitt die perfekte Veränderung, die den Abschied deutlich macht.


Außerdem könnte es mir helfen, mehr an meinem Inneren zu arbeiten. Mein ganzes Leben war ich so auf mein Äußeres fokussiert, dass der Kern meiner selbst in Vergessenheit geraten ist. Wenn ich mir meine Haare abrasiere sehe ich nicht mehr aus wie die Frau, die uns die Gesellschaft als Vorzeigefrau aufzwängt. Auch wenn mein Frisur meine Persönlichkeit und meinen Wert als Mensch nicht ändert, sondern lediglich einen kleinen Teil meines Körpers und meines Aussehens, wird es Menschen geben die das anders sehen.


Dann habe ich nicht die Möglichkeit mich hinter meinem Aussehen und meinen Haaren zu verstecken, sondern muss meine Persönlichkeit nutzen, um von innen heraus zu strahlen.


Trotz all dieser positiven Aspekte habe ich Angst.


Ich habe Angst davor ausgegrenzt und nicht länger geliebt zu werden. Ich habe Angst davor, dass man meine Persönlichkeit aufgrund meiner Haare nicht mehr sieht. Ich habe Angst davor herauszustechen und verurteilt zu werden.
Ich habe Angst vor den Tagen, an denen ich an meiner Entscheidung zweifle und meinen Selbstwert herabstufe, denn solche Tage wird es ohne Zweifel auch geben.


Besonders schlimm sind diese Zweifel, seit ich meinem Umfeld von der Idee erzählt habe. Meine Mama war sehr geschockt, da sie abrasierte Haare mit der Krebskrankheit meines Vaters in Verbindung bringt. Meine Schwester sagt mir, sie würde es nicht machen und ich werde es bereuen, weil die Haare mein Aussehen beeinflussen und auch meinen Selbstwert. Mein Freund hat aus unerklärlichen Gründen ein schlechtes Gefühl bei der Sache. Die drei haben alle ihre Gründe, mir von der Entscheidung abzuraten und ich möchte sie nicht dafür verurteilen Tief in meinem Inneren verspüre ich aber trotzdem eine tiefe Traurigkeit.


Besonders von meiner Familie habe ich mir Unterstützung gewünscht, damit ich die Kraft finde, meinen Wunsch zu verwirklichen und auch die Tage zu überstehe, in denen ich die Entscheidung bereue und an meinem Selbstwert zweifle. Ohne diesen Rückhalt fühle ich mich alleine und kraftlos. Ich traue mich nicht, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen, weil ich all die negativen Kommentare nicht ertrage. Deshalb bleiben die Haare jetzt erstmal.


Und um noch einmal zum Anfang zurückzukommen: Ob ich meinen Plan jemals in die Tat umsetzte steht noch in den Sternen, wenn ja werdet ihr davon hören, wenn nicht dann ist nichts daraus geworden.
Beide Optionen sind durchaus möglich und okay so, weil wie schon gesagt: Es geht nur um Haare, also eigentlich nicht weltbewegendes.

Abschied


Abitur – Ein Anfang und ein Ende. Ein lachendes und ein weinendes Auge. Vergangenheit und Zukunft. Schmerz und Freude.

Die letzten zwei Jahre war ich stark in die Planung des Abiballs eingebunden. Am Wochenende hatten wir unsere Zeugnisvergabe und auch unseren Abiball. Es war ein unvergesslicher, wunderschöner Tag. Wir haben gefeiert, gelacht und getanzt.


In den Tagen danach macht sich in mir mehr und mehr ein Gefühl der Leere breit. All die Zeit, die ich in unsere Stufe investiert habe, ist nun frei. Wir werden uns nie mehr alle zusammen treffen. Nie mehr zusammen in die Schule gehen. Uns nie wieder Tag für Tag sehen. Das alles ist nun Vergangenheit.


Diese Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag. Sie macht mich traurig und ich vermisse diese Zeit jetzt schon, denn ich habe jeden einzelnen meiner Mitschüler tief ins Herz geschlossen. Die Tatsache, dass mit dem Abitur all das vorbei ist war mir zwar bewusst, die Tragweite dessen erkenne ich aber erst jetzt.


Dieser Abschied fühlt sich für mich wie ein nie enden wollendes Loch an, wie ein ungebremster Fall, bei dem man ein ungutes Gefühl im Bauch hat. Jedes mal, wenn ich daran denke, überfällt mich eine gewisse Traurigkeit ohne Vorwarnung, meine Tränen fließen und es dauert, bis ich mich beruhigen kann. Der Schmerz ist noch zu frisch, als dass ich mich wieder auf etwas Neue freuen kann.


Für mich ist das hier einer der schwersten Abschiede meines Lebens. Das Abitur ist ein Cut in meinem Leben zwischen der Jugend und dem Erwachsensein, ein Zeitpunkt der Entscheidungen, die mein Leben grundlegend beeinflussen.


Denn andererseits steht mir jetzt so viel Neues bevor. Eine Reise nach Costa Rica, mein Bundesfreiwilligendienst und danach Umzug und Studium. Das alles sind so großartige Sachen, denen ich voll Freude, aber auch etwas ängstlich entgegenschaue.


Noch brauche ich Zeit das Vergangene zu verarbeiten, meine Trauer anzunehmen, damit ich der Zukunft mit neuer Energie entgegentreten kann.


Denn genau diese Trauer nach einem Abschluss ist wichtig, denn nur so kann ich mit der Zeit auch die schönen Dinge an meiner Schulzeit wieder sehen. Ich empfinde schon jetzt eine unfassbar große Dankbarkeit für all die Menschen, die ich kennenlernen durfte und die so Teil meines Lebens geworden sind. Ich freue mich darauf zu sehen, was meine Stufe in den nächsten Jahren aus ihrem Leben macht, denn jeder und jede hat besondere Begabungen, die ganz sicher zu einem besonderen Lebensweg führen. Unser Leben fängt gerade erst an und wir können noch so viel daraus machen.


Und genau auf diese Herausforderung freue ich mich. Ich möchte Erfüllung finden, schauen, was das Leben zu bieten hat und mein Leben in vollen Zügen genießen.
Ich möchte die Welt erkunden, mich vernetzten, andere unterstützten und die Welt ein kleines bisschen besser machen.


Trotz allem Schmerz nach unserem Abschied kann ich so voller Hoffnung in die Zukunft schauen. Eine Zukunft, über die ich selbst entscheiden kann und die wie ein unbeschriebenes Blatt Papier vor mir liegt, sodass ich jetzt einen Neuanfang wagen kann.


Und zum Glück ist ja mit dem Abitur auch nicht alles weg. Es bleiben tolle Freundschaften, meine Familie und viele wertvolle Erfahrungen, die mich bereichern und auf die ich gerne zurückblicke. Und natürlich der Schulabschluss, der mir die Türen der Welt öffnet und mir Zugang zu Privilegien wie Bildung und Wohlstand verschaffen kann.


Ich möchte meinen Abschluss gerne nutzten, um etwas zurückzugeben und es anderen Menschen ermöglichen, ebenfalls daran teilzuhaben zu können. Denn Bildung ist meiner Meinung nach der Schlüssel zu Gesundheit, Friede, Gleichberechtigung und einer vitalen Erde, Dinge, die für jeden Menschen wichtig sind.

Ein Hoffnungsschimmer

In den letzten Wochen habe ich intensiv für mein Abitur gelernt und deshalb viele Stunden an meinem Schreibtisch verbracht, weil ich mich dort einfach am besten konzentrieren konnte. Lange habe ich geübt und recherchiert, um wirklich jedes Detail zu erfahren und bestmöglich vorbereitet zu sein. Dabei habe ich oftmals die Zeit vergessen und mich stundenlang in Randthemen eingelesen, die im Endeffekt recht wenig mit meinem Abitur selbst zu tun haben. So kann ich jetzt beispielsweise eine Menge zur Entwicklung von Flugzeugen, den ersten Flugmaschinen und internationalem Flugverkehr sagen, obwohl das für meine Erdkundeprüfung wohl doch eher nebensächlich war.


Um trotz aller Recherche mit dem eigentliche Lernstoff fertig zu werden erstellte ich mir sechs Wochen vorher einen Lernplan, mit dem ich zu meinen Prüfungen mit etwas Zeitpuffer genau passend vorbereitet sein wollte. Allerdings merkte ich jeden Tag mehr, wieviel Druck mir dieser Plan machte und dass es kaum möglich war, wirklich alles zu schaffen, wenn ich nebenbei noch mein Leben leben wollte. Und trotzdem zog ich den Plan fast bis zum Schluss durch, aus Angst nicht gut genug zu sein.


An einem Abend, nach einem langen, stressigen Tag, schaute ich aus meinem Fenster. Es war ein warmer Tag gewesen, der Himmel war fast wolkenfrei. Ich ließ meine Gedanken etwas schweifen und mit Schreck viel mir auf, dass ich das Haus seit fast fünf Wochen kaum noch verlassen hatte. Während meine Familie und meine Freunde langsam sonnengebräunt wurden, saß ich immer noch kreidebleich und gestresst in meinem Zimmer. Ich hatte all meine freie Zeit, auf die ich mich seit Jahren gefreut hatte, nur ins Lernen investiert und mich fast darin verloren.


Doch als in diesem Moment in den Himmel sah, wurde mir eines klar. Während ich in meinem Zimmer gesessen hatte, waren tausend schöne Momente vergangen, die ich nicht gelebt hatte. Dabei lebt man nur einmal und man weiß nie, wann der letzte Tag, der letzte wunderschöne Sonnenuntergang oder die letzte Umarmung mit seinen Liebsten sein wird. Damit möchte ich nicht sagen, dass es falsch ist zu lernen. Es kommt dabei ganz auf die Motivation dahinter an. Mein ganzes Leben habe ich mir einen guten Schulabschluss gewünscht, nicht für mich oder damit mir die Welt offen steht, sondern einfach weil ich nach Anerkennung von meinem Umfeld und meiner Familie gestrebte. Im Nachhinein stellte ich für mich fest, dass das nicht der richtige Weg für mich ist.


Mir fällt es nach wie vor schwer, dieses Leistungs- und Anerkennungsprinzip hinter mir zu lassen. In sehr vielen Situationen merke ich, dass ich Dinge zumindest nicht nur für mich selbst tue, sondern auch für das Lob, die Anerkennung.


Diese Erkenntnis wiegt für mich sehr schwer, weil ich immer wieder merke, dass ich mich nicht wie ich selbst verhalte. Teilweise kann ich nicht mehr zwischen dem unterscheiden, was ich sage, weil ich es wirklich denke und dem, was ich sage, weil andere es hören wollen oder weil es mich vermeintlich beliebter macht. Aus dieser Situation heraus sind schon einige Halbwahrheit oder Lügen entstanden, die ich mir und anderen so lange erzählt habe, bis ich sie selbst geglaubt habe. Dabei habe ich mich, meine engsten Freunde und meine Familie belogen, ihnen etwas erzählt, was nicht immer gestimmt hat, die Realität so modifiziert, dass es mir passte. Dinge die toll und cool waren habe ich immer besonders laut rausgeschrien und den Rest unter den Tisch gekehrt und bei Kritik aggressiv, abweisend und beschuldigend reagiert.

Das hier so zu schreiben ist hart und macht mir Angst. Ich weiß nicht, wie du, als derjenige der meinen Text gerade liest, jetzt über mich denkt.


Ich für mich selbst kann sagen, dass ich versuche an mir zu arbeiten und zu der besten Version meiner selbst zu werden. Das ist noch ein langer Weg, von gefühlt so lang, dass ich nicht weiß, ob ich meine alten Gewohnheiten je ganz aufgeben kann und ob es je besser wird.

Oft fühle ich mich damit alleine, weil ich mich nicht traue jemandem von meinen Gefühlen zu erzählen, meine Schwäche zu zeigen. Ich frage mich, ob ich alleine die Schuld für all meine Lügen und angeberischen Übertreibungen trage. Ob es einen Grund dafür gibt oder ob ich einfach nicht mit meinem Leben klar komme. Ich habe Angst deswegen weggestoßen zu werden, dass sich meine Freunde, vielleicht auch zurecht, belogen fühlen. Ich fühle mich verloren in mir selbst, weiß nicht wo der richtige Weg ist, nach all dem Streben nach Anerkennung.


An jenem Abend, als ich in den Himmel schaute und beobachten durfte, wie er sich in den schönsten Blau-, Türkis- und Lilatönen zum Nachthimmel mit unendlich vielen Sternen verwandelte, war das ein Hoffnungsschimmer.

Egal wie oft ich mich in meinem Hamsterrad gedrehe, die Welt da draußen wartet darauf entdeckt zu werden. Und wenn auch nicht für immer, dann wenigstens in diesem einen Moment. Ich beschloss, mein Handeln in der Zukunft mehr zu hinterfragen, nach Gründen für Fehltritte zu forschen, um zum Kern meiner selbst zurückzufinden, den ich der Welt gerne zeigen möchte, wenn es soweit ist.


Der Himmel an dem Abend war voller Hoffnung, Erkenntnis und den Glaube daran, dass eine bessere Zukunft möglich ist, in Zeiten, die so voll von Dunkelheit sind.


Seitdem hat sich einiges verändert. Ich versuche bewusster für mich und mein Umfeld zu sein, was mal mehr und mal weniger gut klappt. Oft verliere ich meinen Weg aus den Augen. Aber an manchen Tagen fühle ich mich wie ein Kleinkind, das die Welt zum ersten Mal bestaunen und erleben darf. Ich bin unendlich dankbar für alle, die mich trotz aller Fehler begleiten, mir verzeihen und den Menschen in mir sehen, der ich wirklich bin. Das sind gute Tage, von denen ich mir in Zukunft so viel mehr wünsche.


Nachdem ich das hier geschrieben habe bin ich erleichtert und fühle ich zum ersten mal seit langem wirklich frei und gut mit meinen Worten. Eine ganze Weile kann ich nicht aufhören zu Weinen. Ich bin noch lange nicht am Ziel , aber wie man so schön sagt, ist der Weg ja das Ziel und ich möchte ihn bewusst beschreiten mit allen Hochs und Tiefs.