PsyFaKo – Die Bewerbung (1/5)

PsyFaKo – Hääää was ist denn das? Das ist so ungefähr das, was ich gedacht habe, als die PsyFaKo in meinem ersten Semester das erste Mal bei uns in der Fachschaft erwähnt wurde. Kurz gesagt – die PsyFaKo ist die Psychologie Fachschaften Konferenz, bei der sich einmal im Semester Vertreter aller Fachschaften aus dem Deutschsprachigen Raum für vier Tage treffen und über verschiedenste hochschulpolitische Themen sprechen und sich miteinander vernetzen. So kurz, so gut – aber was soll ich denn bitte da? Das war so ziemlich die nächste Frage, die ich mir nach der kurzen Erklärung gestellt habe. Ich konnte mir sehr viel Schöneres vorstellen, als ein Wochenende mit mir komplett fremden Fachschaftlern zu chillen und über irgendwelche Dinge zu sprechen, von denen ich überhaupt keine Ahnung hatte – die Entscheidung war schnell klar – da will ich nicht hin. 

Und so vergingen ein paar Wochen, die PsyFaKo hatte ich schon längst wieder vergessen, bis zu der Fachschaftsitzung, in der ein -„ ja, wenn sich niemand anderes findet“ – einen deutlich größeren Einfluss auf mein Leben hatte, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Es war die Woche vor der PsyFaKo im Wintersemester 2023 in Ulm in der ein Fachschaftler – offensichtlich großer Fan der Konferenz – gefragt hat, ob wir uns nicht in dem Fall, dass sich keine Fachschaft findet, die die nächste Konferenz ausrichtet, dazu bereit erklären würden, die Konferenz zu organisieren. Es ist nämlich so: die PsyFaKo findet jedes Mal an einem anderen Ort statt und wird dort von einer ausrichtenden Fachschaft (AFS) organisiert. Aber dafür muss sich eben immer auch eine Fachschaft finden, die dazu bereit ist. Und so sagte ich (& noch einige andere): ja, wenn sich niemand anders findet, machen wir das zur Not. 

Zum Glück hat sich damals auf der PsyFaKo in Ulm eine andere Fachschaft, die Bonner, gefunden, die die Konferenz ausrichten würde. Aber nachdem sich unsere Fachschaft mit so vielen Menschen bereit erklärt hatte, die Konferenz „zur Not“ auszurichten, kam bei dem besagten Fachschaftler die Idee auf, uns auf die Ausrichtung der Konferenz für den Sommer 2025 zu bewerben. Und so hat er eine Gruppe für ein erstes „ganz unverbindliches Treffen“ erstellt, in der jeder gelandet ist, der gesagt hat „ja, wenn sich kein anderer findet, bin ich dabei“. Und als ahnungslose und Kontakte suchende Ersti war es damit um mich geschehen. Ehe ich mich versah, war ich Teil einer Gruppe, die sich tatsächlich freiwillig darauf bewirbt eine Konferenz in München auszurichten. Wie weitreichend diese Entscheidung sein würde, war mir damals noch nicht klar, denn was die PsyFaKo überhaupt ist, wusste ich nur aus Erzählungen, gesehen hatte ich das selbst noch nie. 

Trotzdem war es vor der Bewerbung irgendwie eine lustige Gruppe – wir bekamen erste Zahlen und Fakten (eine Konferenz hat 250 Teilnehmer, geht vier Tage lang, findet seit 20 Jahren statt und wird getragen vom PsyFaKo e.V.), haben uns hin und wieder getroffen und ein Bewerbungsvideo vorbereitet, mit dem wir uns dann auf der nächsten Sommerkonferenz in Bochum im Juni 2024 bewerben wollten. Der Videodreh war sogar richtig cool, wir haben uns mehrfach getroffen, an verschiedenen Orten in München gedreht und Pläne geschmiedet, wie das dann wohl sein würde. Ich habe tolle neue Kontakte geknüpft – das Leben war gut. Je näher die Konferenz in Bochum dann aber rückte, desto unsicherer wurde ich mir – mir graute zunehmend, wie aufwendig dieses ganze Unterfangen eigentlich werden würde und ich war mir nicht sicher, ob ich das wirklich wollte.

Am Tag der Abstimmung war ich dann Zuhause – ich war nicht mit nach Bochum auf die PsyFaKo gefahren, weil ich an dem Wochenende bereits verplant war. Je näher die Abstimmung kam, desto nervöser wurde ich. So schön die Zeit der Bewerbung auch war, hoffte doch ein zunehmend großer Teil von mir, dass wir einfach nicht gewählt werden. Und dann gegen Nachmittag kam ein Bild in unsere Gruppe: Vorne steht meine Fachschaft in Tracht, darüber die Abstimmung, auf der man klar erkennen konnte, dass wir gegen die Fachschaft aus Bamberg gewonnen hatten. Und so sehr sich die Menschen auf dem Foto darüber freuten, konnte ich diese Freude nicht mitempfinden. In mir war ein großes Unwohlsein und eine Stimme, die sich fragte, wie eine Gruppe, wie wir – bestehende aus fast nur Erstis und noch mehr Menschen, die noch nie eine PsyFaKo gesehen haben – es jemals schaffen soll, auch nur ansatzweise eine Konferenz zu organisieren.

Die schönste Zeit

Als ich in der Tagespflege gearbeitet habe, haben mir die Senioren oft gesagt, dass ich jetzt gerade das schönste Alter habe. Das Alter, an das sie sich selbst am liebsten zurückerinnern. Am Anfang ist es mir schwer gefallen, zu verstehen, was sie damit meinen. Was soll da schon so besonders sein, an dem wie mein Leben gerade ist, so ist es nun mal eben, das ist doch normal, oder?



Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr habe ich gemerkt, wie besonders die Lebensphase eigentlich ist, in der ich gerade bin. Es ist eine Lebensphase mit scheinbar unendlich vielen Möglichkeiten, mit vielen Aufs und Abs, mit wichtigen Entscheidungen, die so endgültig erscheinen. Eine Phase, in der ich ständig im Kontakt mit neuen Menschen bin, neue Dinge erleben und lernen darf. Eine Phase, in der ich mich ausprobieren kann und mich so frei und gleichzeitig so verloren fühle. In der ich in einem Moment singen und tanzen will und mir im nächsten wünsche, einfach nur zu wissen, was ich hier eigentlich tue. Eine Lebensphase voller Vielfalt, voller Leben.
In so vielen Momenten denke ich darüber nach, wie dankbar ich dafür bin, wie es gerade ist. Auch wenn natürlich nicht immer alles nur schön ist, so macht es einfach total viel Spaß, so viel Energie zu haben und die Welt zu entdecken. So viel zu fühlen und so sehr zu sein. Ich find’s einfach richtig cool, so frei zu sein in meinen Entscheidungen, irgendwie spontan und ungebunden.


Manchmal habe ich dann aber auch ein bisschen Angst, wie es wohl sein wird, diese Lebensphase wieder zu verlassen. Wie wird es sich anfühlen? Wird es schlimm? Werde ich es überhaupt merken? Werde ich es vermissen? Oder bin ich vielleicht sogar froh, wenn es irgendwann mal anders ist? Und wer entscheidet eigentlich, dass das alles irgendwann aufhören muss? Stimmt es, was die Senioren sagen und es kommt von nun an nichts besseres mehr? Ich weiß es nicht.


Aber um ehrlich zu sein, finde ich das auch nicht schlimm. Was in meiner Zukunft liegt ist ungewiss, aber eines haben mir die Senioren doch mitgegeben: es ist eine besondere Lebensphase und zwischen all den Emotionen, Unsicherheiten und Zweifeln, die zu dieser Phase genauso dazugehören, wie all die schönen Dinge, versuche ich immer wieder daran zu denken wie unfassbar toll sich das Leben momentan oft anfühlt, wie ungezwungen. Es wird vermutlich nicht für immer so sein, aber ich hoffe, dass ich diese Freiheit der Jugend doch immer ein bisschen in meinem Herzen bewahren kann, sodass ich irgendwann hoffentlich noch genauso lebensfroh sein kann wie die Senioren, die mir das alles mitgegeben haben.

Vier Wochen zu Besuch in der Psychiatrie

Nach vier Wochen in der Psychiatrie ist mein Praktikum nun vorbei. Zu Beginn des Praktikums war ich ziemlich aufgeregt, da ich nicht wusste, ob ich mir überhaupt vorstellen kann, in diesem Bereich zu arbeiten oder ob es vielleicht gar nichts für mich ist. Diese Frage hat mich davor schon das ganze erste Semester beschäftigt, sodass ich mir unsicher war, ob Psychologie wirklich das richtige Studienfach für mich ist. Obwohl ich durch einen Freiwilligendienst weiß, dass mir die Arbeit mit Menschen Freude bereitet und es mir gut gelingt, eine Bindung zu verschiedenen Menschen aufzubauen, habe ich immer wieder Zweifel gehabt. Zweifel, ob mir die Arbeit mit psychisch Erkrankten wirklich liegt. Zweifel, ob ich überhaupt in der Lage bin, eine Bindung zu diesen Menschen aufzubauen, ein Gefühl für sie zu entwickeln. Zweifel, ob ich dem Druck gewachsen bin, Menschen in Situationen zu helfen, die für sie hoffnungslos scheinen.



Durch all meine Zweifel war ich in den ersten Wochen meines Praktikums unsicher, wie ich mit den Patienten umgehen soll. Ich wusste nicht, was ich sagen kann und was lieber nicht. Immerzu hatte ich Angst, etwas falsch zu machen und so den Leidensdruck versehentlich sogar noch schlimmer zu machen. Es hat eine Weile gedauert, bis es mir leichter gefallen ist, mit den Patienten in Kontakt zu kommen. Die ersten Wochen habe ich viel beobachtet und geschaut, wie die anderen auf meiner Station mit den Patienten umgegangen sind, aber auch wie die Patienten sich untereinander verhielten. Nach und nach habe ich gemerkt, dass ich gar keine Angst haben muss, mit den Patienten zu sprechen, dass ich mir mit meinen vielen Gedanken zu viel Druck mache. Natürlich gibt es, je nach Erkrankung, Themen, die für die Patienten schwierig oder unangenehm sind, aber sobald ich einen Patienten näher kennengelernt habe, ist mir der Umgang zunehmend leichter gefallen.

Während der vier Wochen habe ich zunehmend ein besseres Gefühl für die einzelnen Patienten, für bestimmte Krankheitsbilder, aber auch für die grundsätzliche Stimmung in Gesprächen entwickelt. Je öfter ich bei einem Gespräch zusehen durfte, desto besser ist es mir gelungen, die Situation richtig einzuschätzen, das Krankheitsbild zu erkennen und zu verstehen, wie sich ein Mensch mir gegenüber verhält, ob er ehrlich ist oder nicht.


Eine wichtige Erkenntnis für mich war dabei, dass die einzelnen Menschen so viel mehr sind als nur ihre Erkrankung. Sie alle haben ihre eigene Geschichte, ihren eigenen Charakter, ihre Eigenarten, die sie ausmachen, wie jeder andere Mensch auch. Die Erkrankung ist ein Teil von ihnen, der mal mehr und mal weniger sichtbar ist , aber es ist nicht das, was sie ausmacht. Es gibt zwar Momente, in denen die Erkrankung das Steuer im Leben der Menschen übernimmt, aber hinter dieser Erkrankung steht eben immer noch ein Mensch. Die Patienten schildern immer wieder die Erfahrung, dass sie von ihrem Umfeld auf ihre Krankheit reduziert werden. Das ist bestimmt nicht böse gemeint, kann aber manchmal dafür sorgen, dass derjenige vergisst, dass er so viel mehr ist als seine Krankheit. Durch diese Erkenntnis habe ich gemerkt, wie essentiell es ist, eine Bindung zu dem Menschen hinter der Erkrankung aufzubauen und zu verstehen, was ihn ausmacht. Nur so kann ich wirklich verstehen, was die Erkrankung für ihn bedeutet und was ich tun kann, dass sein Leidensdruck verringert wird.

In den letzten vier Wochen habe ich so gemerkt, wie bemerkenswert dieses Berufsfeld ist. Für mich ist es jedes Mal besonders, wenn mir ein Mensch so viel Vertrauen schenkt, dass er mir von den dunkelsten Zeiten seines Lebens erzählt. Es bereitet mir große Freude, die Menschen zu begleiten und ihnen helfen zu können. Durch das Praktikum konnte ich erkennen, wofür ich mein Studium eigentlich mache, was am Ende meines Weges sein könnte.  Das gibt mir Sicherheit und Vorfreude auf das, was vielleicht einmal sein wird.

Das erste Praktikum

Nachdem die Klausuren endlich geschafft sind, haben endlich die Semesterferien begonnen. Bereits am Anfang meines Psychologiestudiums war mir klar, dass ich diese ersten Semesterferien dazu nutzen möchte, ein Praktikum zu machen. Die fachlichen Inhalte im Semester haben mir zwar wirklich Spaß gemacht, aber ich war mir unsicher, wie der Kontakt zu psychisch erkrankten Menschen tatsächlich für mich sein würde. Ich hatte Angst, dass mir diese Arbeit zu nahe geht und ich mich nicht abgrenzen kann. Dass ich dem Druck nicht gewachsen bin. Dementsprechend habe ich mich direkt nach Studienbeginn für ein Praktikum in einer psychiatrischen Klinik beworben und auch ziemlich schnell einen Platz in der Nähe meines Wohnortes bekommen.


Letzte Woche war es dann soweit. Mein erster Arbeitstag stand bevor. Ich war unfassbar aufgeregt, ich war vorher noch nie in der Klinik gewesen und hatte kaum Informationen über die nächsten vier Wochen, die ich hier verbringen sollte. Nicht einmal meine Arbeitszeiten hatte man mir vorher sagen können. Deshalb war ich nervös, wie sich alles entwickeln würde, wie die Zeit werden würde, ob es mir wohl gefällt.

Dort angekommen, war es zum Glück überhaupt nicht schlimm. Das Personal war sehr freundlich und ich habe mich auch im Team direkt wohl und willkommen gefühlt, sodass die erste Zeit wie im Flug vergangen ist. In den ersten zwei Wochen durfte ich bereits sehr viel erleben und würde sagen, dass ich schon einen guten Einblick bekommen habe, was es heißen kann, ein Psychotherapeut zu sein. Ich durfte Gespräche begleiten, Therapien anschauen, mit den Patienten in Kontakt treten, was wirklich spannend war.

Dabei konnte ich ziemlich schnell einige Dinge lernen, die ich so nicht erwartet hätte. Selbst heutzutage weiß man nur wenig über viele psychische Erkrankungen. Bei vielen kennt man nicht die genaue Ursache, es ist meistens sehr kompliziert. Eine Erklärung allein ist nicht ausreichend, um eine Erkrankung zu verstehen, denn es gibt meistens vielen Einflussfaktoren, die eine Rolle spielen. Dementsprechend komplex sind auch die Geschichten der einzelnen Patienten, die in die Klinik kommen, sodass es oft schwierig ist, während eines kurzen Aufenthaltes die Dinge so zu verändern, wie sich der Patient das wünschen würde. Eine weitere Erkenntnis ist, dass man nicht jedem Patienten helfen kann. Die Verbesserung hängt stark davon ab, wie sehr der Patient seine eigene Erkrankung annehmen kann, ob er auch an sich arbeiten möchte. Ist das nicht gegeben, ist es sehr schwierig, dem Patienten langfristig zu helfen, was mich immer wieder betroffen macht. Es ist wirklich kein schönes Gefühl, manche Patienten zu sehen und zu wissen, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit bis zum Lebensende an ihrer Erkrankung leiden werden mit wenig Hoffnung auf Heilung oder Verbesserung. Denn da die Ursachen der Erkrankungen oft nicht ganz geklärt sind, gibt es auch nicht immer Behandlungsmethoden, die einhundertprozentig zu dem Fall passen und manchmal ist eine langfristige Verbesserung leider so gut wie ausgeschlossen.

Nichtsdestotrotz macht die Arbeit Spaß. Es macht mir Spaß zu sehen, dass es Menschen gibt, die Fortschritte machen, ihr Leben in die Hand nehmen wollen. Es freut mich jedes Mal, wenn diese Menschen die Hoffnung in ihrem Leben wiederfinden können. Wieder etwas Lebenswertes darin sehen. Und auch wenn es nicht schön ist, muss ich lernen, zu akzeptieren, dass es eben auch Menschen gibt, die sich ihrer Krankheit nicht stellen wollen oder können, aus welchen Gründen auch immer. Das liegt nicht immer in der Hand des Behandelnden.


Nach den ersten zwei Wochen konnte ich also erleichtert feststellen, dass ich zumindest bisher nicht abgeschreckt bin, sondern dass es mir Spaß macht. Ich habe gemerkt, dass ich mich abgrenzen kann, dass ich der Aufgabe grundsätzlich gewachsen bin, auch wenn es noch sehr viel zu lernen gibt, weshalb ich mich umso mehr auf die nächsten Semester freue. Deshalb bin ich froh, dass ich mich getraut habe, so früh schon ein Praktikum zu machen, ohne Vorwissen, denn so habe ich nun ein bisschen mehr Sicherheit, das Richtige gewählt zu haben und gleichzeitig umso mehr Vorfreude, auf das, was da noch kommt.

Auf die Semesterferien

Es ist fast ein bisschen unwirklich, aber jetzt ist es tatsächlich geschafft, jetzt starten wirklich die Semesterferien. Nach den letzten Wochen, in denen ich so viel Zeit am Schreibtisch verbracht habe, wirkt das für mich noch ein bisschen wie ein Traum. So viel Zeit, in der ich versucht habe, den Inhalt zu verstehen, so viel Zeit, in der ich geübt habe und manchmal ein bisschen verzweifelt war. Erst nachdem ich die Bögen der letzten Klausur abgegeben habe, habe ich gemerkt, wie viel Druck da eigentlich auf mir gelastet hat, wie viel Druck ich mir selbst gemacht habe. Irgendwie fühlt es sich sehr befreiend an, dass diese Phase jetzt wieder vorbei ist, dass ich weiß, dass ich es erst einmal geschafft habe.



Gleichzeitig bedeutet das auch, dass es jetzt bald nach Hause geht. Das ist für mich irgendwie noch ein komischer Gedanke, denn die letzten Wochen sind so schnell verflogen, dass ich das Gefühl habe, ich bin gar nicht lang hier gewesen. Es bedeutet gewissermaßen Abschied nehmen, wenn auch nur für anderthalb Monate. Abschied von meinem Zuhause hier, Abschied von all den vertrauten Dingen, Abschied von München und von meinen Freunden hier. Mein Kopf hat irgendwie noch nicht so recht verstanden, was das genau bedeutet. Dass ich die anderen nicht nächste Woche in der Uni wiedersehe, sondern erst nach Ostern. Dass es danach nicht einfach mit denselben Vorlesungen weitergeht, sondern dass dann etwas Neues beginnt. Dass jetzt erstmal eine ganz andere Zeit beginnt.


Denn jetzt in den Semesterferien geht es für mich ziemlich bald los mit meinem ersten Praktikum. Das schien die ganze Zeit noch so weit weg und jetzt ist es nächste Woche schon soweit. Und irgendwie fühle ich mich noch nicht so richtig vorbereitet. Ich bin aufgeregt, weiß nicht, was mich erwartet. Ob die Kollegen wohl nett sind? Und ob ich wirklich in der Lage bin, mit psychisch erkrankten Menschen zu arbeiten? Ob ich das aushalte? Ob es mir irgendwie Spaß macht? Es sind einfach so viele offene Fragen in meinem Kopf, so viel Ungewissheit.


Gleichzeitig freue ich mich auch, endlich einen praktischen Bezug zu meinem Studienfach zu bekommen. So viel Spaß, wie mir das Studium macht, manchmal fehlt mir einfach, zu sehen, wo ich das Wissen einmal gebrauchen kann. Deshalb liegt in all der Ungewissheit auch ein Funken Vorfreude. Ich freue mich auf die neue Herausforderung und darauf, etwas Neues zu lernen. Und ich bin gespannt, was diese Semesterferien wohl alles bringen.

Die dunkel Jahreszeit

Die dunkle Jahreszeit, Anfang Januar. Spät hell, früh dunkel. Bewölkt. Nass. Kalt. Viel Zeit, die man drinnen verbringt und wenig Zeit draußen. Der Zauber der Weihnachtszeit ist vorbei. Die Lichter verschwunden. Und mit Ihnen auch das Schöne am Winter.



Das waren meine Gedanken, als ich im Januar aus den Ferien zurückgekommen bin. Alles in meiner Wohnung hier hat sich so fremd angefühlt, es war irgendwie dunkel und kalt. Zweiteres nach zwei Wochen Zuhause so oder so. Es hat sich so angefühlt, als ob eine ewig lange, dunkle Zeit vor mir liegt, in der Zuhause so weit weg ist. Eine Zeit, die aus Lernen besteht und nicht aus Spaß. Eine Zeit, die herausfordernd ist, ohne mir etwas zurückzugeben.


Dementsprechend war ich die ersten Tage nach den Ferien etwas niedergeschlagen, auch, weil wegen der Bahnstreiks in der ersten Woche kaum Uni war. Deshalb habe ich meine Freunde hier nur sehr sporadisch gesehen und in der ersten Woche viel Zeit Zuhause verbracht. In dieser Woche hat sich irgendwie alles so düster angefühlt, fast schon ein wenig hoffnungslos, nach der schönen festlichen Weihnachtszeit Zuhause.


Mittlerweile geht es aber zum Glück wieder bergauf. Ich habe angefangen, die kleinen besonderen Momente, die im sonst eher grauen Alltag untergehen, in mein Herz zu schließen. Mich eben einfach über die Dinge zu freuen, die zurzeit möglich sind. Wie die Sonne, die ab und zu herauskommt, die kleinen lustigen Momente zwischen den Vorlesungen, meine Lieblingskleidung, selbst gekochtes Essen oder das erste Grün in der Natur. Und zwischendurch ereignen sich dann fast von selbst auch größere bewegenden Momente. Ein Spaziergang in der Sonne. Ein Spieleabend mit Freunden. Eine Großdemo und bei der so viele Menschen für demokratische Werte einstehen.
Das sind die Momente, die mein Leben gerade schön machen und mich kurz vergessen lassen, wie dunkel der Winter eigentlich ist. Sie mögen klein erscheinen, aber für mich sind sie wie Spalt einer Tür, durch den etwas Sonnenlicht scheint und der mich daran erinnert, wie schön das Leben eigentlich ist.

Auswahlseminar – anders als erwartet

Am letzten Wochenende war ich für ein Auswahlseminar für ein Stipendium eingeladen. Dort wollte die Stiftung, bei der ich mich beworben hatte, uns Bewerber näher kennenlernen, um besser entscheiden zu können, wer für eine Förderung geeignet ist. Am Freitagabend sollten wir alle am Seminarort sein, damit wir noch ausreichend Zeit haben, in Ruhe anzukommen, bevor Samstag dann das Auswahlverfahren losging.


Dementsprechend habe ich Freitag meine Sachen gepackt und versucht, mich noch ein bisschen zu entspannen. Irgendwie war ich ziemlich aufgeregt und hatte große Angst vor dem Seminar. Im Vorhinein habe ich einige nicht so schöne Geschichten gelesen, von Konkurrenzkampf unter den Bewerbern und unfreundlichen Kommissionsmitgliedern, weshalb ich keine große Lust auf das Wochenende hatte.


Außerdem gab es ausgerechnet an diesem Wochenende einen starken Wintereinbruch in Bayern, sodass schon am Freitagnachmittag die ganze Landschaft mit Schnee bedeckt war und die Autofahrt beschwerlich und langsam voran ging.


Deshalb war ich dann doch ziemlich froh, als ich endlich die Einfahrt zur Jugendherberge heruntergerutscht war und es losgehen konnte. Ziemlich nervös bin ich ins Haus gegangen, unsicher, was mich erwartet, allein mit dem Gedanken, mein Bestes zu geben, aber dabei trotzdem andere Menschen kennenzulernen, ihnen eine Chance zu geben.


Drinnen angekommen, haben sich meine Befürchtungen glücklicherweise überhaupt nicht bestätigt. Natürlich hat sich jeder die Hoffnung gemacht, derjenige sein zu können, der gefördert wird, aber trotzdem war niemand unfreundlich und es gab keinen offenen Konkurrenzkampf. Stattdessen habe ich mich am ganzen Wochenende mit vielen Mitbewerbern unterhalten können, was unfassbar spannend war. Jeder dort ist irgendwie auf seine Art und Weise besonders. Viele sind sehr engagiert, bunt interessiert und aus sehr vielen verschiedenen Fachbereichen. Jeder hat eine tolle einzigartige Geschichte, sodass ich im Laufe des Wochenendes sehr froh war, dass ich die Entscheidung, wer gefördert werden kann, nicht treffen muss. Denn jeder einzelne dort hätte es verdient, davon bin ich überzeugt.


Am Freitagabend ging es dann mit einer Vorstellungsrunde der Auswahlkommission und ein bisschen Kennenlernen los. Außerdem wurden wir schon in Gruppen von sechs Personen unterteilt.

Am Samstag musste jeder von uns ein kurzes Referat in seiner Gruppe über ein beliebiges kontroverses Thema halten und anschließend eine Diskussion darüber anleiten. Die Diskussionsrunden waren, obwohl wir beobachtet wurden, immer interessant. Viele der Themen, die wir diskutiert haben, zum Beispiel Noten im Schulsystem und Ernährung und Klima, sind in der Gesellschaft immer wieder präsent und doch setzt man sich viel zu selten zusammen, um darüber zu sprechen, um mal eine andere Sichtweise kennenzulernen. Jedes Mal aufs Neue war ich überrascht, wie viel über ein Thema mir noch unbekannt war und wie viele Gesichtspunkte es dazu gibt. Deshalb habe ich mich am Ende sogar auf die Diskussionsrunden gefreut, auch wenn der Druck natürlich nie ganz weg war.


Neben den Diskussionen hatte jeder von uns noch zwei Gespräche mit je einem Mitglied der Auswahlkommission. Dort wurden Fragen zur Bewerbung und zu mir als Person gestellt. Vor den Gesprächen war ich total aufgeregt, aber die beiden Kommissionsmitglieder waren zum Glück sehr freundlich. Ich hatte das Gefühl, dass sie zum Teil sogar tatsächlich an mir interessiert waren. Das heißt natürlich nichts, hat mir aber vermittelt, dass ich sein darf, wer ich bin, was wirklich schön war.


Im Nachhinein weiß ich natürlich nicht, wie ich angekommen bin, was bewertet worden ist, ob ich genommen werde oder nicht. Oft habe ich schon gedacht, dass ich dieses oder jenes hätte anders machen können, aber im Endeffekt kann ich es so oder so nicht ändern. Ich habe mein Bestes gegeben und darauf bin ich auch ein bisschen stolz. Und deshalb bin ich irgendwie mit einem guten Gefühl aus dem Wochenende gegangen. Ich habe dort unfassbar nette Menschen kennengelernt, wir haben viel zusammen erlebt und manchmal auch zusammen die Aufregung und den Druck ausgehalten und uns unterstützt. Wir waren viel draußen im Schnee, haben erzählt und gelacht, voneinander gelernt. Und zuletzt auch dafür gesorgt, dass jeder irgendwie durch das Schneechaos nach Hause gekommen ist. Das Wochenende war definitiv herausfordernd. Noch jetzt bin ich müde davon. Und trotzdem hat es sich gelohnt, egal, ob ich gefördert werde oder nicht.

Zuhause

Am Wochenende sind wir nach unserem Umzug nach Bayern das erste Mal nach Hause gefahren. Auf das Wochenende habe ich mich schon lange gefreut, denn auch, wenn ich mich hier mehr oder weniger eingelebt habe, fehlt mir mein Zuhause doch ein bisschen, vor allem, weil ich nicht mal eben schnell dort sein kann.



Dementsprechend froh war ich dann, als wir endlich auf dem Weg waren. Je näher wir kamen, desto seltsamer hat es sich angefühlt, bekannte Orte zu sehen und langsam immer mehr zu erkennen. In den letzten Wochen gab es irgendwie nichts, was sich vertraut anfühlt hat, nur stets Neues und Unbekanntes, weshalb sich das alles nun total komisch angefühlt hat, fast wie ein Traum.
Mein Kopf bekommt einfach nicht zusammen, dass ich an einem Tag in München in der Uni sitze und später zurück in der Heimat bin.


Als wir dann Zuhause waren, hat sich alles wie immer angefühlt, als wäre ich nie weg gewesen. Als hätte ich im September auf Stopp gedrückt und anderthalb Monate später wieder auf Play.


Natürlich ist das Wochenende sehr schnell vergangen, wir haben viele Leute getroffen und Zeit mit Freunden und Familie verbracht. Es war wirklich richtig schön.
Doch schon während des Wochenendes hat mich eine Art vorgezogenes Heimweh ergriffen, weil ich wusste, wie schnell das Wochenende vorbeigehen wird, wie weit weg das alles bald schon wieder ist, wie unerreichbar.


Das hat mich auch noch einige Tage nach unserer Rückfahrt deutlich mitgenommen, obwohl ich dachte, dass das Heimweh längst verflogen wäre. Aber natürlich wird man an so einem Wochenende Zuhause wieder an das erinnert, was man sich davor so weit von sich weggeschoben hat, es werden Erinnerungen wach, die das Heimweh erst so richtig entfachen.


Gleichzeitig ist mir auch bewusst, dass ich mich selbst für den Umzug entschieden habe und das auch aus guten Gründen. Zuhause erschien das alles nur etwas leichter, als wäre ich auf jeden Fall bereit dafür. Erst jetzt merke ich, dass die Herausforderung deutlich anspruchsvoller ist, als ich es angenommen habe. Alles hier fordert einfach so viel Kraft von mir, die Uni, der Haushalt, die neuen Leute und Orte, die neue Verantwortung, das Allein sein. Jeden Tag empfinde ich so viele Emotionen wie selten zuvor, sodass ich oft überwältigt und überfordert bin.


Umso mehr habe ich aber auch gemerkt, wie sehr ich Zuhause, in meinem gewohnten Umfeld, herunterfahren kann, mich wieder erholen kann. Und deshalb lohnt sich jeder Besuch, denn das ermutigt mich, die neuen Möglichkeiten zu sehen, die ich habe. Ich weiß mein Zuhause heute viel mehr zu schätzen und gleichzeitig weiß ich, wie schön auch mein neues Zuhause ist, auch wenn ich manchmal Heimweh habe. Denn das gehört, denke ich, irgendwie dazu, zu so einem einschneidenden Erlebnis und zeigt eben auch, wie wohl ich mich Zuhause fühle.


Deshalb freue ich mich auch schon auf den nächsten Besuch, aber bis dahin genieße ich meine Zeit hier.

Unverbunden

Nach der ersten Woche in der Uni hatte ich eigentlich das Gefühl, mich ganz gut eingelebt zu haben, alles ein bisschen unter Kontrolle zu haben. Ich habe mich mit einigen Leuten unterhalten, alles geschafft, was ich gern wollte, und mich sogar getraut, allein zu einer Fachschaftssitzung zu gehen. 

Und doch wurde ich am Wochenende von einer Welle an Gefühlen umgehauen, die ich so nicht erwartet hatte. Denn trotz der eigentlich erfolgreichen Woche habe ich mich plötzlich einfach so unwohl gefühlt, so einsam. 

Es bedrückt mich ziemlich, dass ich merke, dass ich die Verbindung mit meinen Freunden Zuhause verliere, dass ich aufgrund der Entfernung, die uns trennt, so gut wie nie dabei sein kann. Gleichzeitig habe ich hier so viele nette Leute kennengelernt und doch zu keinem eine tiefere Verbindung. Ich bin tagtäglich mit so vielen Menschen in Kontakt, in einer so großen Menge an Menschen unterwegs und trotzdem fühle ich mich unverstanden und einsam. Es fühlt sich für mich einfach so an, als wäre ich völlig allein, als wäre da niemand, den ich einfach mal anrufen kann, den es wirklich kümmert, wie es mir geht. Das ganze Wochenende und auch bis jetzt begleitet mich deshalb eine immer wiederkehrende Traurigkeit, ein bedrücktes Gefühl. Als wollte ich in die Welt rausschreien, wie ich mich fühle, aber niemand kann mich hören, niemand ist da, dem ich erzählen könnte, wie’s mir geht, der mich versteht.

Und ganz ehrlich, das fühlt sich einfach beschissen an, weil ich einfach nichts dagegen tun kann. Ich fühle mich hilflos, kann nicht zurück nach Hause, in mein altes Leben, wo ich ein sicheres soziales Netzwerk hatte. Stattdessen muss ich jetzt Energie in neue Kontakte investieren, neue Bindung aufbauen. Davon fühle ich mich zutiefst erschöpft, als könnte ich wochenlang nur schlafen.

Trotzdem habe ich Hoffnung. Hoffnung, durch all die tollen Leute hier, mit denen durchaus eine Freundschaft entstehen könnte. Das gibt mir Energie, wenigstens ein bisschen und ich bin guter Dinge, dass es demnächst besser geht.

Neustart

Die erste Uniwoche ist gestartet. Noch ist alles spannend und neu. Bei jeder Vorlesung, jeder Veranstaltung, frage ich mich, was mich wohl erwartet, wie es wohl sein wird. Manche Dinge klingen wirklich spannend und ich freue mich schon darauf, mehr darüber zu lernen. Manches ist eher langweilig und ich weiß nicht, wie ich da allein die Vorlesungen durchhalten, geschweige denn eine Klausur schreiben soll.

Aber das ist ja zum Glück alles noch ein bisschen entfernt, auch wenn ich es nicht allzu weit wegschieben möchte. Doch zuallererst versuche ich erstmal mich einzuleben, neue Leute kennenzulernen, auszuprobieren, was mir eigentlich Spaß macht. Neben der Uni habe ich mich für zwei Sportkurse angemeldet und war bei einem Fachschaftstreffen. Eigentlich würde ich auch gern im Orchester spielen, aber das ist momentan einfach nicht mehr drin.

Natürlich ist das ganze Ausprobieren auch ziemlich anstrengend, jedes Mal treffe ich auf neue Leute, muss mich vorstellen und versuchen mir zu merken, wer die anderen sind. Deshalb ist meine soziale Batterie momentan sehr erschöpft. Trotzdem macht es irgendwie auch Spaß und ich weiß, dass es, nachdem man etwas ein paar Mal gemacht hat, auch entspannter wird. Es wird nicht lange dauern, bis das alles normal für mich wird, bis ich einige Menschen kennengelernt habe, vielleicht sogar irgendwo dazu gehöre, auch wenn ich mir das gerade nun wirklich nur schwer vorstellen kann.

Aber genau deshalb machen diese ersten Wochen auch Spaß. Ich bin sehr flexibel, an niemanden gebunden, kann mir aussuchen, wen ich in meinem Leben möchte und wen eben nicht. Ich kann mir aussuchen, wer ich sein möchte, bin nicht in eine feste Rolle gedrängt, denn all die Menschen hier kennen mich nicht. Klar ist das anspruchsvoll, ich muss mir ja erstmal überlegen, was ich überhaupt selbst möchte. Aber es birgt eben auch viele Möglichkeiten und das macht wirklich Spaß.

Nach den ersten Tagen bin ich jedenfalls sehr neugierig, wie sich alles entwickeln wird, wie ich die Herausforderungen hier meistern kann, wer mich wohl hier begleiten wird, wie ich mich weiterentwickeln kann. Und ich freue mich auf die nächste Zeit, mit allen schönen und weniger schönen Tagen, die nun kommen.