Die schönste Zeit

Als ich in der Tagespflege gearbeitet habe, haben mir die Senioren oft gesagt, dass ich jetzt gerade das schönste Alter habe. Das Alter, an das sie sich selbst am liebsten zurückerinnern. Am Anfang ist es mir schwer gefallen, zu verstehen, was sie damit meinen. Was soll da schon so besonders sein, an dem wie mein Leben gerade ist, so ist es nun mal eben, das ist doch normal, oder?



Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr habe ich gemerkt, wie besonders die Lebensphase eigentlich ist, in der ich gerade bin. Es ist eine Lebensphase mit scheinbar unendlich vielen Möglichkeiten, mit vielen Aufs und Abs, mit wichtigen Entscheidungen, die so endgültig erscheinen. Eine Phase, in der ich ständig im Kontakt mit neuen Menschen bin, neue Dinge erleben und lernen darf. Eine Phase, in der ich mich ausprobieren kann und mich so frei und gleichzeitig so verloren fühle. In der ich in einem Moment singen und tanzen will und mir im nächsten wünsche, einfach nur zu wissen, was ich hier eigentlich tue. Eine Lebensphase voller Vielfalt, voller Leben.
In so vielen Momenten denke ich darüber nach, wie dankbar ich dafür bin, wie es gerade ist. Auch wenn natürlich nicht immer alles nur schön ist, so macht es einfach total viel Spaß, so viel Energie zu haben und die Welt zu entdecken. So viel zu fühlen und so sehr zu sein. Ich find’s einfach richtig cool, so frei zu sein in meinen Entscheidungen, irgendwie spontan und ungebunden.


Manchmal habe ich dann aber auch ein bisschen Angst, wie es wohl sein wird, diese Lebensphase wieder zu verlassen. Wie wird es sich anfühlen? Wird es schlimm? Werde ich es überhaupt merken? Werde ich es vermissen? Oder bin ich vielleicht sogar froh, wenn es irgendwann mal anders ist? Und wer entscheidet eigentlich, dass das alles irgendwann aufhören muss? Stimmt es, was die Senioren sagen und es kommt von nun an nichts besseres mehr? Ich weiß es nicht.


Aber um ehrlich zu sein, finde ich das auch nicht schlimm. Was in meiner Zukunft liegt ist ungewiss, aber eines haben mir die Senioren doch mitgegeben: es ist eine besondere Lebensphase und zwischen all den Emotionen, Unsicherheiten und Zweifeln, die zu dieser Phase genauso dazugehören, wie all die schönen Dinge, versuche ich immer wieder daran zu denken wie unfassbar toll sich das Leben momentan oft anfühlt, wie ungezwungen. Es wird vermutlich nicht für immer so sein, aber ich hoffe, dass ich diese Freiheit der Jugend doch immer ein bisschen in meinem Herzen bewahren kann, sodass ich irgendwann hoffentlich noch genauso lebensfroh sein kann wie die Senioren, die mir das alles mitgegeben haben.

Vier Wochen zu Besuch in der Psychiatrie

Nach vier Wochen in der Psychiatrie ist mein Praktikum nun vorbei. Zu Beginn des Praktikums war ich ziemlich aufgeregt, da ich nicht wusste, ob ich mir überhaupt vorstellen kann, in diesem Bereich zu arbeiten oder ob es vielleicht gar nichts für mich ist. Diese Frage hat mich davor schon das ganze erste Semester beschäftigt, sodass ich mir unsicher war, ob Psychologie wirklich das richtige Studienfach für mich ist. Obwohl ich durch einen Freiwilligendienst weiß, dass mir die Arbeit mit Menschen Freude bereitet und es mir gut gelingt, eine Bindung zu verschiedenen Menschen aufzubauen, habe ich immer wieder Zweifel gehabt. Zweifel, ob mir die Arbeit mit psychisch Erkrankten wirklich liegt. Zweifel, ob ich überhaupt in der Lage bin, eine Bindung zu diesen Menschen aufzubauen, ein Gefühl für sie zu entwickeln. Zweifel, ob ich dem Druck gewachsen bin, Menschen in Situationen zu helfen, die für sie hoffnungslos scheinen.



Durch all meine Zweifel war ich in den ersten Wochen meines Praktikums unsicher, wie ich mit den Patienten umgehen soll. Ich wusste nicht, was ich sagen kann und was lieber nicht. Immerzu hatte ich Angst, etwas falsch zu machen und so den Leidensdruck versehentlich sogar noch schlimmer zu machen. Es hat eine Weile gedauert, bis es mir leichter gefallen ist, mit den Patienten in Kontakt zu kommen. Die ersten Wochen habe ich viel beobachtet und geschaut, wie die anderen auf meiner Station mit den Patienten umgegangen sind, aber auch wie die Patienten sich untereinander verhielten. Nach und nach habe ich gemerkt, dass ich gar keine Angst haben muss, mit den Patienten zu sprechen, dass ich mir mit meinen vielen Gedanken zu viel Druck mache. Natürlich gibt es, je nach Erkrankung, Themen, die für die Patienten schwierig oder unangenehm sind, aber sobald ich einen Patienten näher kennengelernt habe, ist mir der Umgang zunehmend leichter gefallen.

Während der vier Wochen habe ich zunehmend ein besseres Gefühl für die einzelnen Patienten, für bestimmte Krankheitsbilder, aber auch für die grundsätzliche Stimmung in Gesprächen entwickelt. Je öfter ich bei einem Gespräch zusehen durfte, desto besser ist es mir gelungen, die Situation richtig einzuschätzen, das Krankheitsbild zu erkennen und zu verstehen, wie sich ein Mensch mir gegenüber verhält, ob er ehrlich ist oder nicht.


Eine wichtige Erkenntnis für mich war dabei, dass die einzelnen Menschen so viel mehr sind als nur ihre Erkrankung. Sie alle haben ihre eigene Geschichte, ihren eigenen Charakter, ihre Eigenarten, die sie ausmachen, wie jeder andere Mensch auch. Die Erkrankung ist ein Teil von ihnen, der mal mehr und mal weniger sichtbar ist , aber es ist nicht das, was sie ausmacht. Es gibt zwar Momente, in denen die Erkrankung das Steuer im Leben der Menschen übernimmt, aber hinter dieser Erkrankung steht eben immer noch ein Mensch. Die Patienten schildern immer wieder die Erfahrung, dass sie von ihrem Umfeld auf ihre Krankheit reduziert werden. Das ist bestimmt nicht böse gemeint, kann aber manchmal dafür sorgen, dass derjenige vergisst, dass er so viel mehr ist als seine Krankheit. Durch diese Erkenntnis habe ich gemerkt, wie essentiell es ist, eine Bindung zu dem Menschen hinter der Erkrankung aufzubauen und zu verstehen, was ihn ausmacht. Nur so kann ich wirklich verstehen, was die Erkrankung für ihn bedeutet und was ich tun kann, dass sein Leidensdruck verringert wird.

In den letzten vier Wochen habe ich so gemerkt, wie bemerkenswert dieses Berufsfeld ist. Für mich ist es jedes Mal besonders, wenn mir ein Mensch so viel Vertrauen schenkt, dass er mir von den dunkelsten Zeiten seines Lebens erzählt. Es bereitet mir große Freude, die Menschen zu begleiten und ihnen helfen zu können. Durch das Praktikum konnte ich erkennen, wofür ich mein Studium eigentlich mache, was am Ende meines Weges sein könnte.  Das gibt mir Sicherheit und Vorfreude auf das, was vielleicht einmal sein wird.

Nicht so wie geplant

Eigentlich mag ich es gerne, wenn alles vorher organisiert ist. Deshalb habe ich auch für unsere Reise nach Spanien viel recherchiert und mich wirklich lange auf die Zeit hier vorbereitet. Und trotzdem kann ich natürlich nicht alles kontrollieren und vorher organisieren, weshalb immer unsicher ist, ob wirklich alles funktioniert.


Bis Bilbao hat das meiste gut geklappt. Danach wollten wir eigentlich über Madrid weiter nach Santiago de Compostela. Das Problem ist nur, dass es mit den verpflichtenden Zugreservierungen in Spanien so eine Sache ist. Mit einem Interrailticket kann man nämlich nur am Schalter oder telefonisch eine Reservierung bestellen. Und so standen wir dann in Madrid ohne Reservierung nach Santiago de Compostela in der Warteschlange zum Schalter. Nach 45 Minuten Wartezeit kam dann die ernüchternde Nachricht: Alle Züge für die nächsten vier Tage sind voll. Auch alle anderen Züge, die irgendwie in diese Richtung gingen.


Ziemlich ratlos und verzweifelt standen wir dann dort, ohne Unterkunft und Ziel. Wir wussten nicht wohin mit uns, wir wollten nur gern weg aus Madrid. Am liebsten irgendwo ans Meer. Und so haben wir dann am Automaten alle Zugverbindung angeschaut, die noch verfügbar waren. Neben vielen kleineren Städten im Inland kam nur Malaga in Frage. Also sind wir zum zweiten Bahnhof am anderen Ende von Madrid gefahren, um uns dort am Schalter anzustellen. Nach viel hin und her, drei Stunden Wartezeit und endlos vielen Nerven haben wir dann aufgegeben und das Ticket für satte 200€ online gekauft, anstatt nur 13€ für eine Reservierung zu bezahlen. Denn ansonsten wären wir an diesem Tag nirgends mehr hingefahren.


Erschöpft und entnervt ging es dann also endlich nach Malaga ans Meer. Um ehrlich zu sein, war es kein guter Ersatz für Santiago de Compostela. Wir hatten uns so sehr darauf gefreut, dass es schwer war, jetzt bei 40 Grad an einem völlig überfüllten Strand zu sitzen, bei viel zu heißen Temperaturen im Zelt zu schlafen und von Moskitos verfolgt zu werden. Trotzdem haben wir das Beste daraus gemacht, uns die Stadt angeschaut, am Strand gesessen und entspannt. Wir haben sogar echt schöne Orte, wie das Castillo der Colomares entdeckt, die wir sonst wahrscheinlich nie gesehen hätten.


Insgesamt war es trotz allen Umständen ganz schön in Malaga. Natürlich war es nicht das, was wir uns vorgestellt hatten, aber es war irgendwie doch ein Erlebnis, an dem wir gewachsen sind und bei dem ich gemerkt habe, dass etwas Spontanität manchmal gar nicht so schlecht ist. Denn trotz aller Organisation, passieren die schönsten Dinge oft einfach so.

Castillo der Colomares

Angst vorm Scheitern

Am Anfang dieses Jahres habe ich mich gefragt, was ich dieses Jahr gerne erleben und machen möchte. Was ich bis zum Ende des Jahres erreichen möchte. Wie ich schon im letzten Blog angesprochen habe, war es mir dabei besonders wichtig, mal über mich hinauszuwachsen. Dinge zu tun, die mich Überwindung kosten.



Neben vielen kleinen Dingen, habe ich entschieden, auch eine etwas größere neue Sache zu probieren. Ich möchte alleine verreisen. Und zwar nicht wie letztes Jahr nach Costa Rica mit einer Organisation, sondern so richtig alleine. Um das Ganze etwas leichter zu machen, habe ich mich erstmal nur für einen Zeitraum von einer Woche entschieden. Denn ganz ehrlich, ich weiß überhaupt nicht, was mich erwartet, auf was ich achten muss und was ich dann wirklich mit meiner Zeit dort mache. Ich bin völlig ahnungslos und das macht mir dann doch ziemlich Angst, auch wenn das Reiseziel echt traumhaft ist.


Als ich mit einigen meiner Bekannten darüber gesprochen habe, kam dann oft die Reaktion „wow, wie cool, das würde ich mich nie trauen“. Aber warum eigentlich nicht? So oft habe ich mich schon gefragt, warum sie so eine Reise eigentlich nicht selbst machen. Vielen würde das bestimmt ungeheurer viel Spaß machen und sie würden viel lernen.


Am Geld liegt es bei ihnen nicht, denn ganz ehrlich, besonders teuer wird mein Urlaub auch nicht, denn das könnte ich mir überhaupt nicht leisten. An der Zeit ebenfalls nicht, denn so eine Woche kann jeder von ihnen im Jahr entbehren. Und trotzdem trauen sie sich nicht.


Oft denke ich dann, dass das etwas mit dem Grundvertrauen der Menschen in sich selbst zu tun haben muss und damit wie sehr sie nur in ihrer Komfortzone leben.
Von klein auf ist mir vermittelt worden, dass mir alle Türen offen stehen. Dass ich selbst entscheiden darf, wohin mein Weg führt. Und dass, egal welche Entscheidung ich fälle, meine Familie hinter mir steht und mich, sofern es eben möglich ist, unterstützt. Daher konnte ich immer viel ausprobieren und habe ein relativ gutes Selbstvertrauen. Ich weiß, dass ich mich auf mich selbst und meine Familie verlassen kann. Ich bin nie allein. Und selbst wenn meiner Familie manche meiner Träume zunächst fremd waren, so haben sie mich doch immer unterstützt. Sie haben mir beigebracht, neugierig zu sein, die Welt sehen zu wollen. Und dass es wichtig ist, Neues auszuprobieren und seine Angst zu überwinden.


Das war für mich immer selbstverständlich. Ich kannte es nie anders. Erst viel später ist mir bewusst geworden, wie viel Glück ich damit hatte. Einige meiner Freunde haben das so nicht erfahren. Ihre Eltern waren nicht so offen für neue Ideen und haben selbst ihre Komfortzone, ihr Dorf, ihr Land, kaum verlassen. Wenn solche Menschen dann neugierig werden und gerne mal etwas anders sehen wollen, dann wissen sie oft garnicht wo sie anfangen sollen. Schon einige Male habe ich erlebt, dass Bekannte von mir daher keine Unterstützung von ihrer Familie erhalten haben. Das macht es für sie umso schwerer. Für mich wirkt es so, als würde sich die Angst ihrer Eltern auf sie selbst übertragen.


Bei meiner Arbeit mit Senioren höre ich oft, dass manche von ihnen ähnliche Träume hatten, wie wir jungen Menschen heute. Doch so manch einem von ihnen ist es passiert, dass sie in ihrer Jugend von der Welt geträumt haben, sie aber doch nie gesehen haben. Aus Angst. Weil es immer hieß, wenn ich dies oder jenes erreicht habe, dann traue ich mich. Dann ist der Moment. Und am Ende, wenn ich sie heute frage, was aus ihren Träumen geworden ist, sagen sie, es wäre nicht so wichtig gewesen. Und insgeheim ist doch so manch einer traurig darüber.


Deshalb versuche ich, meine Freunde zu ermutigen, ihre Träume zu verwirklichen. Mir ist bewusst, dass nicht alles immer sofort geht, dass manche Dinge schlicht unmöglich sind, aber irgendwann ist der Punkt gekommen, da muss man sein Glück selbst in die Hand nehmen und es nicht länger aufschieben. Denn selbst wenn man vielleicht nie im Leben ein Millionär wird oder die ganze Welt verbessert, so wird es vom Nichtstun auch nicht besser. Je länger ich selbst mit etwas warte, desto schwieriger wird es für mich. Um das zu vermeiden, versuche ich, Dinge immer direkt anzugehen, was mir auch nicht immer gelingt. Aber bis jetzt kann ich sagen, dass ich mich besser gefühlt habe, wenn ich etwas versucht habe, anstatt es ganz zu lassen. Selbst wenn es nicht funktioniert hat.
Denn Angst und Scheitern gehören dazu, wenn man wachsen will. Und das ist nicht schlimm. Und das ist etwas, was ich mir dieses Jahr nochmal bewusst machen möchte.

Die Komfortzone verlassen


Meine Komfortzone verlassen. Das ist eines der wenigen Dinge, die ich mir dieses Jahr vorgenommen habe. Meistens bin ich eher zurückgezogen und lebe in einem Rhythmus, der sich Woche für Woche, Tag für Tag wiederholt. Das funktioniert für mich wirklich gut, gibt mir Sicherheit und die Kraft, alles zu schaffen, was ich mir vorgenommen habe.



Trotz aller guten Routinen habe ich aber auch gemerkt, wie wichtig es für mich ist, diesen Rhythmus, diese Komfortzone mal zu verlassen.
Und das klingt definitiv einfacher als es ist. Es bedeutet für jeden einzelnen etwas anderes und muss nicht immer etwas Großes sein.
Bei mir ist es zum Beispiel immer schon ein großer Schritt, wenn ich auf Menschen zugehen muss. Deshalb habe ich mir zuerst vorgenommen, das öfter mal aktiv zu machen.


Mein erster Schritt war, dass ich hinterfragt habe, warum mich die verschiedenen Situationen, in denen ich mit anderen Menschen in Kontakt komme, eigentlich so nervös machen.
Interessanterweise ist mir dabei aufgefallen, dass es mir auf der Arbeit wesentlich leichter fällt, mich zu öffnen als privat. Dort fühle ich mich sicher und geschützt. Dort habe ich eine feste Rolle, die ich erfülle. Diese Rolle gibt mir Sicherheit, weshalb ich dann viel offener sein kann.

Wenn ich hingegen privat auf Leute zugehen muss, fällt es mir jedes Mal unfassbar schwer und manchmal verstehe ich gar nicht warum.


Bei längerem Nachdenken musste ich dann an etwas denken, was eine Bekannte von mir gesagt hat: In jeder Gruppe erfüllen wir eine Rolle, der bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeschrieben werden. In meiner Stufe zum Beispiel habe ich viel organisiert, weshalb auch nach meinem Abi noch viele Mitschüler eher distanziert von mir sind und mich nie so richtig an sich ranlassen. Für die meisten werde ich immer die strenge Organisatorin sein, egal wie sehr ich mich auch bemühe, zu zeigen, dass ich auch anders sein kann. Sobald ich wieder in diese soziale Gruppe komme, erwarten die meisten von mir, dass ich die Rolle der Organisatorin erfülle. Und mir passiert es immer wieder, dass ich auch in genau die Rolle schlüpfe, ohne es bewusst zu wollen. Dadurch, dass sowohl meine Mitschüler als auch ich selbst davon ausgehen, dass ich eben diese bestimmte Rolle erfülle, ist es ziemlich schwierig, anders zu handeln.


Wenn ich darüber nachdenke, hat jeder von uns sehr viele verschiedene Rollen. Mal bin ich ältere Schwester, die um Rat gefragt wird, mal eine langjährige Freundin und mal eine Mitarbeiterin in einem Betrieb.

Das erklärt auch, warum es mir in neuen Gruppen besonders schwerfällt. Dort gibt es noch keine festen Rollen. Das macht mich nervös, denn ich weiß dann nicht, was mich erwartet, wie ich mich verhalten soll. Ich weiß nicht, ob mich die anderen mögen und wie sie sich mir gegenüber verhalten. Das macht mir Angst. Denn das Gefühl in einer Gruppe nicht angenommen zu werden ist einfach schlimm, obwohl es ja klar ist, dass man es nicht allen recht machen kann. Ohne eine Rolle fühle ich mich oft verloren


Da merke ich, dass diese Rollen den Vorteil haben, dass sie Sicherheit schenken und Struktur geben. Außerdem wäre es ja auch irgendwie anstrengend, immer darüber nachzudenken, wie man sich wo verhalten soll.
Der Nachteil ist eben nur, dass man schlecht aus seiner Rolle rauskommt und oft auch vergisst, sich selbst mal zu fragen, inwiefern die verschiedenen Rollen einem selbst überhaupt entsprechen.


Und genau deshalb war das mein erstes Ziel für dieses Jahr. Einerseits, mal die Komfortzone verlassen und andererseits mich auch fragen, wo ich vielleicht so sehr in meiner Komfortzone bin, dass es mir gar nicht mehr entspricht. Denn so sinnvoll die Rollen auch sind, manchmal lohnt es sich doch, sich selbst mal zu fragen, ob sie wirklich gut sind oder man sie nur aus Bequemlichkeit übernimmt. Und außerdem bringt so ein Sprung aus der Komfortzone, so viel Mut und Überwindung er auch erfordert, auch Selbstbewusstsein mit sich. Allein deshalb lohnt es sich schon.

kleine große Träume

Als Kind träumt man oft von großen Dingen. Zum Beispie vonl einem bestimmten Beruf oder etwas anderem, das man gerne erreichen möchte. Ich wollte zum Beispiel immer mal die Malediven sehen, weil das blaue, klare Wasser dort immer so schön aussah. Schon damals sagte mein Papa, dass ich mir das besser aus dem Kopf schlagen soll. So eine Reise können wir uns überhaupt nicht leisten. Obwohl ich weiß, dass mein Vater mich nur vor Enttäuschung schützen wollte, haben mich seine Worte damals sehr traurig gemacht und ich war unfassbar frustriert.



Je erwachsener ich wurde, desto weniger träumte ich. Ich hatte zwar immer wieder Momente, in denen ich dachte, dass ich eine Vision habe, von dem was ich möchte, aber schnell verblasste diese auch wieder. Die Gesellschaft vermittelte mir, dass meine Träume sowieso nie funktionieren werden.
Dabei klingen mein beiden großen Träume ganz simpel. Ich möchte die Welt entdecken, erkunden und kennenlernen. Und ich möchte sie ein kleines bisschen besser machen.


Trotzdem erscheinen mir diese beiden Ziele oft unerreichbar. Denn ich bin recht ehrgeizig und wenn ich etwas angehe, dann auch richtig. Auch wenn mir bewusst ist, dass ich nie alles erkunden kann und auch nicht alles in der Welt zum Guten wenden kann, würde ich am liebsten alles auf einmal machen und kann nur schwer akzeptieren, dass ich nicht auf alles Einfluss haben kann.


Mittlerweile habe ich das zum Glück so mehr oder weniger akzeptiert, denn in unserer Welt gibt es schon so viele tolle Menschen, die etwas verändern möchten, dass ich weiß dass ich damit nicht allein bin. Sie alle träumen von einer besseren Welt und haben Visionen, die unsere Welt verändern können.


Und obwohl ich weiß, dass es da draußen so viele Menschen gibt, die ihre großen Visionen leben, spreche ich nur sehr selten über meine eigenen. Ich habe Angst, dass ich mir selbst zu viel erhoffe und dann am Ende erklären muss, warum es nicht geklappt hat. Ich habe Angst, dass jemand versucht, mir meine Träume auszureden. Ich habe Angst, dass meine Träume nicht ernst genommen werden. Dass mir gesagt wird, dass es unmöglich sei. Dass mich keiner unterstützen wird. Und trotzdem möchte ich weiter an meine kleinen großen Träume glauben. Sie treiben mich an. Spenden meine Energie. Durch sie hat mein Leben einen Sinn.


Und es tut unfassbar gut, darüber mit jemandem zu sprechen, dem es ähnlich geht. Leider gibt es allerdings nur wenige, die mich hundertprozentig verstehen. Die mich ermutigen und mich unterstützen, genauso wie ich sie. Die mich groß träumen lassen.


Ich weiß, dass ich nicht alles verändern kann. Ich weiß, dass ich allein nicht alles bewältigen kann. Und trotzdem denke ich, dass wir alle größer träumen sollten, nicht direkt jede abwegige Idee verwerfen sollten.
Das kann zu Enttäuschung führen. Das ist gewiss. Aber daraus kann eben auch so viel mehr entstehen.
Genau aus diesem Grund finde ich es immer so toll, mit Kindern über meine Visionen zu sprechen. Sie sagen nicht, dass etwas nicht geht, sondern fragen viel mehr, wann es endlich losgehen kann. Aus erwachsener Perspektive versuche ich zwar, es etwas realistischer anzugehen, merke aber oft, dass ich zu viele Zweifel habe.


Mittlerweile habe ich gemerkt, dass es eindeutig besser ist, ein Ziel zu verfolgen und zu merken, dass es nicht klappt oder nichts für mich ist, als es nicht zu probieren und es zu bereuen. Genau deshalb finde ich große Träume so wichtig. Sie sind unser Lebenselixier. Sie können Großes mit uns machen. Sie wecken eine ungeahnte Energie und helfen mir, zu entdecken, was ich wirklich möchte

Echter Reichtum

Einen Millionär – das ist das, was sich eine Kollegin von mir oft scherzhaft zu Weihnachten wünscht. Alternativ wäre auch ein Lottogewinn ganz nett


Als sie das zum wiederholten Male sagt, erwidert einer unserer Gäste in der Tagespflege nur, dass das ganze Geld auch nicht glücklich macht. Diese gegenteiligen Ansichten haben mich irgendwie nachdenklich gemacht. Tief im Herzen weiß ich, dass Geld allein ganz sicher nicht glücklich macht. Andererseits wird momentan vieles teurer und immer mehr Menschen können sich ihren Lebensstandard nicht mehr leisten. Das ist ganz sicher kein schönes Gefühl. Braucht man Geld also heutzutage wirklich zum Glücklichsein?


Wenn meine Kollegin so davon spricht, dass sie gern wohlhabend wäre, finde auch ich es durchaus verlockend, so viel Geld zu besitzen. Ich müsste mir nie wieder Sorgen um Geld machen, ich wäre abgesichert. Ich könnte die Welt entdecken und alles tun, was ich gern möchte. Ich könnte den Job machen, der mir Spaß macht, ohne darauf zu achten, dass ich damit auch genug verdiene. Ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen, ob ich meine laufenden Kosten bezahlen kann und ob ich im Alter überhaupt genug zum Leben habe. Ich könnte etwas unternehmen, ohne Sorge zu haben, dass das Geld dann anderswo fehlt. Denn obwohl es mir definitiv nicht schlecht geht und ich alles zum Leben habe, spare ich meinen ganzen Lohn während meines Bundesfreiwilligendienstes für mein Studium, aus Angst, dass es sonst nicht reicht. Da bleibt dann am Ende nicht viel für Unternehmungen über.


Obwohl Geld wohl so einiges leichter macht, würde ich trotzdem sagen, dass das Geld allein auch nicht glücklich macht, es schenkt nur gewisse Möglichkeiten. Auch wer wenig hat, kann durchaus glücklich werden, denn das, was mich persönlich wirklich glücklich macht, ist Zeit in Gemeinschaft, mit meiner Familie und meinen Freunden. Mich erfüllt es, die kleinen Momente zu erleben. Ob es dann das Meeresrauschen vorm Sonnenuntergang in Costa Rica ist oder ein gemütlicher Filmabend Zuhause spielt dabei keine so große Rolle. Die Atmosphäre muss stimmen und es muss nicht unbedingt teuer sein.


Außerdem kann ich mir von keinem Geld der Welt Zufriedenheit kaufen. So manch einer kann sich auch an den schönsten Dingen nicht mehr erfreuen, da sie so alltäglich geworden sind. Dann ist dann auch ein Konzertbesuch oder eine teure Reise nichts besonderes mehr.
Wenn ich aber etwas dafür sparen muss, dann weiß ich viel mehr zu schätzen, was ich habe.


Ich finde es insgesamt schwer zu sagen, was ich von der Vorstellung, wohlhabend zu sein, halten soll. Es beschert ein sorgenfreieres Leben und man ist besser abgesichert in unserer Gesellschaft. Andererseits ist es ganz sicher nicht das, was erfüllend ist, sondern nur einer von vielen Bausteinen, der zu Erfüllung führen kann. Denn solange ich genug zum Leben habe, zwar nicht so viel, dass ich alles machen kann, was ich möchte, aber soviel, dass es sich gut überleben lässt, brauche ich keinen Reichtum, um glücklich zu sein.


Manchmal denke ich zwar, wie schön es wäre, viel Geld zu besitzen , aber dann fällt mir ein, dass ich alles habe, was mich zu einem wirklich reichen Menschen macht, denn nicht jeder, den wir reich nennen, ist auch wirklich reich. Ich bin gesund, ich habe ein tolles soziales Umfeld und eine liebevolle Familie. Das ist eine Art von Reichtum, der sich nicht durch Geld herstellen lässt. Und auch wenn jedes Geld der Welt noch so schön erscheint, würde ich meinen Reichtum an Leben nie dagegen tauschen wollen.

Zeitfresser Social Media

Die Tage werden kürzer und besonders nach der Zeitumstellung ist es abends schon ziemlich früh dunkel. Es ist dunkel, wenn ich morgens aus dem Haus gehe und so gut wie dunkel, wenn ich die Haustür nachmittags wieder aufschließe.



Oft fühlt es sich so an, als würde der ganze Tag nur aus arbeiten bestehen. Nichts anderes hat so richtig Platz, denn nach der Arbeit bin ich meistens müde und unkonzentriert. Und ehe ich mich versehe, ist der Tag schon wieder vorbei und ich habe nicht so richtig das geschafft, was ich eigentlich machen wollte. Am Anfang fand ich das ziemlich deprimierend und habe mich gefragt, wo all die Zeit immer hin ist.



Nachdem ich das Ganze ein paar Tage beobachtet habe, ist mir schnell klar geworden, woran das liegt. Wenn ich nach Hause komme, verbringe ich zunächst Zeit auf Social Media und scrolle durch das, was mir so angezeigt wird. Oft verbringe ich mehr Zeit als geplant dabei und schaue mir im Endeffekt Dinge an, die mich nicht wirklich interessieren. Und zugegebenermaßen ist das auch nicht gerade sonderlich entspannend. Danach fühle ich mich, als würde ich aus einer ganz anderen Welt auftauchen und merke oft erst spät, wie viel Zeit eigentlich schon vergangen ist.



Deshalb habe ich dann einige Apps gelöscht und mir vorgenommen, mir wirklich Zeit zu nehmen, mich zu erholen, wenn ich müde bin. Die nun freie Zeit zu nutzen, um mal etwas zu lesen oder mich mit meiner Familie zu unterhalten.



Und es hat erstaunlich gut funktioniert. Unter der Woche habe ich so wesentlich mehr Zeit und bin gleichzeitig noch erholter.
Nur am Wochenende schaue ich manchmal rein, um zu sehen, was so passiert ist unter der Woche. Dann mal bei den Leuten vorbeizuschauen, die mich wirklich interessieren macht einfach Spaß. Denn einfach durch alles durchzuscrollen und nichts wirklich mitzunehmen, ist auch nicht schön. Wenn ich mir bewusst die Zeit für Social Media nehme, ende ich nicht in einer ewigem Dauerschleife, sondern schaue nur das an, was ich sehen möchte. Danach kann ich wieder gut abschalten ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen.



So bin ich auch motiviert, wenn ich im Dunkeln nach Hause komme. Wenn ich erst einmal nach der Arbeit online rumhänge, habe ich danach kein Lust mehr, etwas zu unternehmen. Wenn ich hingegen kurz eine Pause mache, mit meiner Familie quatsche und dann loslege, geht es viel besser und ich kann noch einige Sachen machen, die mir Spaß machen und habe wieder neue Energie. Außerdem muss ich mich nicht über verlorene Zeit ärgern und kann die dunkle Jahreszeit für das nutzen, was wirklich wichtig ist – Ruhe, Entspannung und Zeit mit meiner Familie.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“

Vor etwa einem Jahr hatte ich die Möglichkeit, an der DSA (Deutsche Schülerakademie) teilzunehmen, einem Förderungsprogramm, bei dem man jeden Sommer Kurse zu verschiedenen Themen belegen kann.

Eine Woche lang haben wir coronabedingt online zusammengesessen und über die Ideen Kierkegaards und Gott und die Welt philosophiert. Dieses Wochenende, rund ein Jahr später, haben wir uns endlich getroffen und uns ganz real kennengelernt. Dazu hat uns Christine, unsere Kursleiterin, zu sich nach Hause nach Bonn eingeladen.



Abends saßen wir dann nach einem wunderschönen gemeinsamen Tag bei ihr Zuhause zusammen mit Christine und ihrem Mann auf der Terrasse. Die beiden im Doppelpack sind echt ein Erlebnis. Sie ist Philosophie- und Deutschlehrerin und liest in ihrer Freizeit gern Bücher über philosophische und gesellschaftliche Themen und er ist Geschichtslehrer mit Vorliebe für Eisenbahnen. Beide lieben es, Geschichten zu erzählen und Dinge zu erklären und haben ein unendlich erscheinendes Allgemeinwissen.

Dementsprechend war die ganze abendliche Unterhaltung ein Dialog der beiden über die Weltgeschichte, griechische Mythologie, Krieg und Frieden sowie den Sinn des Lebens. Annika, die ich bei der DSA kennengelernt habe, und ich saßen nur da, haben zugehört und über das Gesagte nachgedacht. Es war oft schon eine große Herausforderung, den beiden zu folgen und deshalb war es mir schlicht nicht möglich, etwas zur Diskussion beizutragen.



Dafür finde ich es unfassbar faszinierend Christines Geschichten zu lauschen und von ihrer Erfahrung und ihrem Wissensschatz zu lernen. Jedes Mal, wenn ich ihr zuhöre, merke ich wie oberflächlich ich selbst denke und vor allem, wie wenig ich eigentlich weiß. Über die Gesellschaft, Politik und die Welt. Wenn ich so darüber nachdenke, weiß ich nichts. Ich habe kein Recht über andere oder die Gesellschaft zu urteilen, denn ich weiß nichts über sie oder ihre Perspektive. Ich bin jung und unerfahren und werde wohl Zeit meines Lebens nur einen ganz kleinen Teil der Welt verstehen. Denn nicht einmal mich selbst verstehe ich, geschweige denn die Komplexität der Welt.



Das ist meines Erachtens eine sehr wichtige persönliche Erkenntnis, die sehr stark an Sokrates‘ „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ erinnert. Und wenn ich mir zumindest dessen bewusst bin, habe ich vielleicht die Chance, die Welt ganz anders zu betrachten. Zu sehen, dass ich klein und unbedeutend bin gegenüber dem Universum. Zuzuhören, zu beobachten und zu lernen, anstatt belanglose Dinge und Halbwissen in die Welt rauszuschreien. Mir bewusst zu sein, dass ich stets alles aus meiner Perspektive sehe und deshalb wohl nie die Wahrheit, sofern es diese überhaupt gibt, erkennen werde.



Dieses Wochenende hat mir wieder bewusst gemacht, wie viel es noch zu lernen und zu entdecken gibt. Denn auch wenn ich am Ende meines Lebens vermutlich immer noch nicht sonderlich viel weiß, so kann ich doch ein paar Dinge lernen und mit einem offenen Herz und Geist in die Welt schauen.

Etwas mehr Pura Vida

Seit ein paar Tagen bin ich zurück in Deutschland. Es fühlt sich an, als wäre ich nie weg gewesen, alles ist so wie immer, nur ich nicht mehr. Mir fallen hier Dinge auf, die ich vorher nie so gesehen habe. Besonders das Verhalten und die Laune der Menschen ist so anders. Schon auf meinem Rückflug, bei dem sehr viele Deutsche mitgeflogen sind, war die Stimmung irgendwie negativ und gestresst. Ja gut, habe ich mir gesagt, liegt bestimmt daran, dass der Urlaub für alle vorbei ist und für die meisten so eine lange Reise ganz sicher nicht angenehm ist.

Aber auch zurück in Deutschland, ist mir vermehrt aufgefallen, wie schlecht gelaunt, gestresst und irgendwie unzufrieden die Menschen hier scheinen. Diejenigen, die auf der Straße lächeln, freundlich aussehen und schlendern, anstatt von einem Termin zum nächsten zu rennen sind rar.

Mich hat es traurig gemacht, so viele scheinbar unglückliche Menschen zu sehen, die irgendwie nie richtig zufrieden scheinen. Gleichzeitig habe ich mich aber auch gefragt, warum das so ist. Was ist hier so anders als in Costa Rica (abgesehen von offensichtlichen Dingen, wie der Landschaft und der Sprache)? Wir haben hier alles, was wir zum Leben brauchen. Die meisten von uns leben im Überfluss und können sich einfach nehmen, was sie haben wollen. Wir haben Essen, Kleidung, ein Haus über dem Kopf. Bildung und ein gutes Gesundheitssystem, jede Menge Freizeitangebote. Ein Sozialsystem, wenn es auch nicht perfekt ist.

Mir ist bewusst, dass es auch in Deutschland genug Menschen gibt, die arm sind, denen es an Geld für ein normales Leben fehlt. Trotzdem würde ich sagen, dass unser Lebensstandard hier recht hoch ist und sich so gut wie niemand wirklich um sein Überleben sorgen muss.


Deshalb kann ich einfach nicht verstehen, wieso so viele Menschen so unglücklich ausschauen. Sind wir zu sehr an den Luxus gewöhnt? Werden wir von all unseren Sachen erdrückt? Sind wir es so gewohnt, immer alles zu bekommen, dass das Beste nicht genug ist? Dass wir immer mehr wollen?

Wenn ich eines gelernt habe, ist es, dass dieses „mehr“ mich nicht glücklich macht. Ich kann nicht alles schaffen, nicht alles perfekt machen, nicht alles haben. Und das ist gut so. Denn nur so kann ich mich wirklich an dem erfreuen, was ich habe.



Zusätzlich habe ich das Gefühl, dass sich viele Menschen, ich selbst eingeschlossen, über Kleinigkeiten ärgern, als wäre es der Weltuntergang. Das Warten im Wartezimmer dauert länger? Klar, das ist ärgerlich und ganz sicher keine schöne Situation, aber eben auch keine Katastrophe. Von meinem Ärger warte ich auch nicht kürzer, sondern habe lediglich schlechte Laune und übertrage diese damit auch noch andere Leute.

Und genau das finde ich persönlich noch am schlimmsten. Wenn jemand seine schlechte Laune an seinem Umfeld rauslässt und so unbedingt der Welt zeigen möchte, wie sehr ihn die Situation gerade nervt. Denn zum einen möchte ich, um ganz ehrlich zu sein, gar nicht wissen, ob sich jemand über so eine Kleinigkeit ärgert und bekomme so ungefragt eine ganze Portion schlechte Laune ab, zum anderen werde ich, obwohl ich recht resistent geworden bin, nach einer gewissen Zeit ebenfalls schlecht gelaunt von dem Genörgel.


Damit möchte ich nicht sagen, dass ich nie schlechte Laune habe und dass das nicht dazugehört. Jeder hat mal einen schlechten Tag und das ist auch okay. Nur manchmal versuche ich zumindest den Grund für seinen Ärger zu hinterfragen, bevor ich all meine Energie dort hinein investiere. Denn oft überdeckt der Ärger all das schöne im Leben, was einfach schade ist. Das Leben ist zu kurz, um sich über alles zu ärgern.

Und um nochmal zurück auf die Wartezimmersituation zu kommen: Anstatt sich gleich zu ärgern, könnte man die Zeit, die man dann eben hat, nutzen, um mal etwas zu lesen, sich zu unterhalten oder einfach um ein paar Leute zu beobachten. Denn genau solche Pausen tun oft auch gut.

Ich selbst habe mir vorgenommen, das „Pura Vida“ etwas mehr in mein Leben mitzunehmen. Entspannter zu sein und mich mehr zu freuen. Denn ich vermisse den lockeren Lebenstil, die Unordnung, die nicht perfekten Umstände. Die Wildheit des Landes. Und möchte sie in meinem Herzen bewahren. Und das geht nur, wenn ich vor lauter Stress und Ärger das Leben und die Freude darin nicht vergesse.