
Nach meinem Abi rasiere ich die Haare ab – Mein Plan seid etwa einem Jahr.
Was daraus geworden ist? Bisher nichts, der Rasierer liegt hier, die Rasur steht auf meiner To-do Liste und ich sitze hier, mit langen Haaren und schreibe diesen Text, weil ich mich nicht traue.
Aber jetzt erstmal ganz von vorne. Die meisten würden mich wahrscheinlich für verrückt erklären, weil ich aus meiner Frisur so ein Drama mache. Es sind ja nur Haare, die wachsen ja nach. Hab ich auch gedacht, aber dann kamen die Zweifel aus meinem Umfeld und auch von mir selbst.
Auf Social Media gibt es einige Menschen, die sich die Haare abrasieren, darunter eine meiner liebsten Youtuberinnen – Jana von Janaklar. Sie ist einer der Gründe dafür, warum ich meine Haare unbedingt mal abschneiden möchte.
Zum andern passt eine neue Frisur zum neuen Lebensabschnitt. Nach meinem Abi fühlt es sich so an, als ob auch ich anders sein sollte und nicht nur mein Leben. Dafür ist ein neuer Haarschnitt die perfekte Veränderung, die den Abschied deutlich macht.
Außerdem könnte es mir helfen, mehr an meinem Inneren zu arbeiten. Mein ganzes Leben war ich so auf mein Äußeres fokussiert, dass der Kern meiner selbst in Vergessenheit geraten ist. Wenn ich mir meine Haare abrasiere sehe ich nicht mehr aus wie die Frau, die uns die Gesellschaft als Vorzeigefrau aufzwängt. Auch wenn mein Frisur meine Persönlichkeit und meinen Wert als Mensch nicht ändert, sondern lediglich einen kleinen Teil meines Körpers und meines Aussehens, wird es Menschen geben die das anders sehen.
Dann habe ich nicht die Möglichkeit mich hinter meinem Aussehen und meinen Haaren zu verstecken, sondern muss meine Persönlichkeit nutzen, um von innen heraus zu strahlen.
Trotz all dieser positiven Aspekte habe ich Angst.
Ich habe Angst davor ausgegrenzt und nicht länger geliebt zu werden. Ich habe Angst davor, dass man meine Persönlichkeit aufgrund meiner Haare nicht mehr sieht. Ich habe Angst davor herauszustechen und verurteilt zu werden.
Ich habe Angst vor den Tagen, an denen ich an meiner Entscheidung zweifle und meinen Selbstwert herabstufe, denn solche Tage wird es ohne Zweifel auch geben.
Besonders schlimm sind diese Zweifel, seit ich meinem Umfeld von der Idee erzählt habe. Meine Mama war sehr geschockt, da sie abrasierte Haare mit der Krebskrankheit meines Vaters in Verbindung bringt. Meine Schwester sagt mir, sie würde es nicht machen und ich werde es bereuen, weil die Haare mein Aussehen beeinflussen und auch meinen Selbstwert. Mein Freund hat aus unerklärlichen Gründen ein schlechtes Gefühl bei der Sache. Die drei haben alle ihre Gründe, mir von der Entscheidung abzuraten und ich möchte sie nicht dafür verurteilen Tief in meinem Inneren verspüre ich aber trotzdem eine tiefe Traurigkeit.
Besonders von meiner Familie habe ich mir Unterstützung gewünscht, damit ich die Kraft finde, meinen Wunsch zu verwirklichen und auch die Tage zu überstehe, in denen ich die Entscheidung bereue und an meinem Selbstwert zweifle. Ohne diesen Rückhalt fühle ich mich alleine und kraftlos. Ich traue mich nicht, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen, weil ich all die negativen Kommentare nicht ertrage. Deshalb bleiben die Haare jetzt erstmal.
Und um noch einmal zum Anfang zurückzukommen: Ob ich meinen Plan jemals in die Tat umsetzte steht noch in den Sternen, wenn ja werdet ihr davon hören, wenn nicht dann ist nichts daraus geworden.
Beide Optionen sind durchaus möglich und okay so, weil wie schon gesagt: Es geht nur um Haare, also eigentlich nicht weltbewegendes.