Ein buntes Bild von Freundschaft

Lange bin ich davon ausgegangen, dass ich genau weiß, was Freundschaft eigentlich bedeutet. Das Bild, das die Gesellschaft und Social Media von Freundschaft zeichnet, ist geprägt von vielen Idealen, von denen ich gedacht habe, dass sie eine gute Freundschaft ausmachen. Ideale wie Vertrautheit, viele spannende Unternehmungen, eine stets gute Bindung, dass man sich immer alles erzählt. Ich habe geglaubt, dass jede meiner Freundschaften unfassbar tiefgreifend und harmonisch sein sollte und gleichzeitig ein Leben lang hält, dass meine Freunde am besten zu jedem Zeitpunkt im Leben perfekt zu mir passen sollten.

Dass dieses Wunschdenken im Endeffekt nie erfüllt werden kann, war mir eigentlich klar. Trotzdem habe ich meine Freundschaften an diesem Ideal gemessen und versucht, sie in dieses „perfekte“ Muster zu zwängen, von denen ich gedacht habe, dass sie gut und normal sind, was manchmal sehr frustrierend war.

Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass nicht meine Freundschaften an sich, sondern vielmehr mein unrealistisches Bild davon das eigentliche Problem sind. Bis ich verstanden habe, wie viel Unrecht ich den Menschen getan habe, die mir so wichtig sind, indem ich versucht habe, unsere Freundschaft an einem gesellschaftlichen Idealbild zu messen, was ich nicht einmal selbst als Freundin erfüllen kann.

Mittlerweile verstehe ich, dass nicht jede Freundschaft alle „Kriterien“ erfüllen muss, dass die einzelnen Freundschaften, genau wie meine Freunde auch, unterschiedlich sein dürfen. Da ist die eine Freundin, die ich nur selten sehe, mit der ich aber stundenlang über die Welt philosophieren kann. Da ist die Freundesgruppe aus meiner Heimat, mit der ich ausgelassene, lustige Abende verbringen kann und stundenlang singe und tanze. Da sind die Freunde in meiner Studienstadt, die mit mir in der Vorlesung sitzen, mit denen ich mich über meinen Alltag austausche und die kleinen Momente hier genieße.

Ich bin ohne es zu merken von so vielen Menschen umgeben, die mich an ihrem Leben teilhaben lassen, die mir ihre Zeit und ihr Interesse schenken. Menschen, die mir auf ihre Art und Weise zeigen, dass ich ihnen wichtig bin. Und das habe ich in meinem Alltag oft übersehen. In vielen Momenten war ich wie blind für das, was ich hatte und habe immer nur das gesehen, was mir vermeintlich fehlt. Dabei habe ich vergessen, dass es in einer Freundschaft nicht darum geht, dass immer alles wie im Bilderbuch ist, sondern vielmehr um die gemeinsame Zeit, das füreinander da sein, die gemeinsame Freude.

Mittlerweile weiß ich, dass es normal ist, dass all meine Freundschaften so verschieden sind. Dass das Bild auf Social Media oft nicht der Realität entspricht.  Ich weiß, dass es okay ist, dass ich manche Menschen oft, andere nur selten sehe, dass einige Freundschaften eng und andere eher distanzierter sind, dass ich mit einigen Freunden lieber feiern gehe, während ich mit anderen stundenlang am Lagerfeuer sitzen kann. Ich weiß, dass es normal ist, dass sich Freundschaften verändern, dass man in der einen Lebensphase sehr viel Zeit geteilt hat und in der nächsten vielleicht kaum noch Kontakt hat. Freundschaften verlaufen nun einmal eben nicht linear, die Bindung zueinander verändert sich stetig, wie wir Menschen auch. Das kann manchmal schmerzhaft sein, birgt aber auch eine Menge Freude.

Seitdem ich das für mich erkannt habe, habe ich ein ganz neues Bild von Freundschaft, ein viel bunteres und vielfältigeres, bewegteres Bild, als das starre Bild, von dem ich geglaubt habe, es wäre normal. Mit diesem bunten Bild fühlt sich all das viel leichter an, viel natürlicher. Und gerade deshalb kann ich mittlerweile wertschätzen, dass all meine Freundschaften so unterschiedlich sind. Ich mache mir weniger Druck, die perfekte Freundschaft zu finden, denn die gibt es vermutlich überhaupt nicht. Gleichzeitig weiß ich, was für ein besonderes Geschenk es ist, dass sich diese Menschen entschieden haben, dass ich Teil ihres Lebens sein darf. Das erfüllt mich jedes Mal, wenn ich daran denke, mit Freude. Ich bin dankbar für die Momente, die wir teilen, die verschiedenen Erfahrungen, für die Hochs und Tiefs. Dankbar, dass ich so viele tolle Menschen habe, die mein Leben begleiten und begleitet haben und das, egal, ob wir in ein Ideal passen oder nicht.

Musik verbindet

Seit ich fünf Jahre alt bin, spiele ich Geige. Meine Eltern wollten gerne, dass ich ein Instrument lerne und so bin ich dann mit meinem Papa zum Musikschultag gegangen. Dort habe ich eine Menge Instrumente ausprobiert, von der Oboe bis zum Schlagzeug. Aber als ich die Geige in der Hand hatte, war ich nicht mehr davon anzubringen. Egal wie quietschig es sich angehört hatte, ich wollte Geige spielen. Unbedingt.


Und so habe ich dann mit fünf Jahren angefangen, Geige zu spielen. Mein erster Lehrer war eher mürrisch und streng. Gar nicht der Typ für ein so kleines Kind, dass einfach gerne Musik machen wollte. Schnell habe ich bei ihm gemerkt, dass Musik eben nicht Spaß, sondern am Anfang vor allem Üben bedeutet. Und so motiviert ich am Anfang auch war, nach einigen Jahren hatte ich den Spaß am Geigenspielen endgültig verloren.
Erst im Kinderorchester ging es mir dann etwas besser. Die Lehrerin dort war einfach toll und ist auf uns Kinder eingegangen.


Da wusste ich, dass eben doch nicht alle Lehrer so sind wie meiner und dass musizieren auch schön sein kann.


Deshalb war für mich nach einer gewissen Zeit klar, dass ich gerne meinen Lehrer wechseln möchte. So kam es, dass ich nach einigen Gesprächen mit einer Mitschülerin zusammen Partnerunterricht bei genau dieser Lehrerin aus dem Orchester hatte. Später hörte meine Mitschülerin auf, ich hingegen spielte weiter.


Seitdem hat sich einiges verändert. Ich spiele nun seit etwa vierzehn Jahren Geige, seit zwei Jahren Klavier, in verschiedenen Orchestern und mit anderen zusammen.
Jetzt, acht Jahre nachdem ich meinen Lehrer gewechselt habe, weiß ich, dass ich ohne meine Lehrerin wohl nie wieder Geige gespielt hätte. Dass ich nie die Gemeinschaft erfahren hätte, die in einem Orchester so wichtig ist. Dass ich wohl einige Freunde und Bekannte nie kennengelernt hätte. Dass ich einen wichtigen Bestandteil meines Lebens fast verloren habe.


Deshalb bin ich ihr sehr dankbar für das, was sie für mich getan hat. Das Musizieren begeistert mich wieder, wie als ich fünf Jahre alt war. Ich bin glücklich und kann andere Menschen mit meiner Musik bewegen. Denn Musik verbindet und das werde ich Dank ihr niemals vergessen.

Verbundenheit

Momentan bin ich auf meinem letzten Seminar während meines Bundesfreiwilligendienstes, dem Abschlussseminar. Das Seminar ist das letzte von fünf und dient vor allem zur Reflexion und dazu einmal Danke zu sagen an uns Freiwillige. Das wirkt sich auch auf unsere Atmosphäre aus. Alle sind ziemlich entspannt und locker.



Außerdem ist es mein erstes Seminar, bei dem ich echt viele andere Freiwillige von anderen Seminaren kenne. Und ganz ehrlich, es fühlt sich an wie nach Hause kommen. Normalerweise brauche ich immer etwas Zeit um aufzutauen, aber das fällt dieses Mal einfach weg.


Wir sind eine richtig schöne Truppe und es ist einfach toll, von allen anderen Seminaren noch einmal Freunde und Bekannte wiederzutreffen und zu sehen, wie sich alle so in diesem Jahr entwickelt haben. Als ich heute morgen in den Raum gekommen bin und so viele bekannte Gesichter gesehen habe, wusste ich sofort, dass die Woche schön wird. Auch wenn das Seminar gerade erst angefangen hat, fühlt es sich jetzt schon nach Urlaub an, einfach vertraut und entspannt.


Gleichzeitig ist es irgendwie schade, da ich weiß, dass ich nach diesem Seminar wahrscheinlich keinen der anderen je wieder sehen werde. Dafür sind wir zu viele und wohnen zu weit auseinander. Trotzdem werde ich viele von ihnen in meinem Herzen behalten. Denn auch wenn wir uns alle nur so kurz kennen, so ist unsere Verbindung zueinander doch besonders. Die freiwillige Arbeit verbindet uns alle einfach, die gemeinsame Erfahrung, aber vor allem die ähnliche Werte, die die meisten vertreten, so unterschiedlich wir alle auch sind.


Und trotz der Trauer bin ich auch dankbar, dass ich sie alle kennenlernen durfte, denn sie haben mich sehr bereichert. Mit ihnen konnte ich mich über meine Erfahrungen austauschen und gleichzeitig wundervolle Menschen kennenlernen. Die einzelnen Menschen mit ihren Lebensgeschichten und ihrem zukünftigen Weg kennenzulernen, war einfach einzigartig. Und auch wenn ganz sicher nicht jedes Seminar immer schön war, so bin ich insgesamt doch froh, dass es sie gibt. Die Menschen, die ich hier getroffen habe, haben dieses Jahr geprägt und das Leben irgendwie bunt gemacht und das ist ganz ehrlich wunderschön.

Von Glück getroffen

Die schönsten Dinge passieren oft, wenn man sie am wenigsten erwartet.

Am Flughafen in Istanbul hat mir eine junge Frau geholfen, mich zu orientieren, nachdem ich im Getümmel ziemlich verloren war. Sie hat mich nach einem kurzen Gespräch für meinen letzten Tag in der Türkei zu sich nach Hause eingeladen. Lange war ich unsicher, ob das Angebot wohl ernst gemeint war und ob das eine gute Idee ist, es anzunehmen. Deshalb habe ich mich nicht getraut, sie danach zu fragen. Zum Glück habe ich mich dann einen Tag vorher doch noch überwunden, denn was hatte ich schon zu verlieren. Im schlimmsten Fall wird sie mich halt entführen und umbringen, aber davon ging ich jetzt mal nicht aus, denn ich bin ja noch jung, neugierig, abenteuerlustig und vielleicht ein bisschen gutgläubig.


So kam es, dass ich am Samstagmorgen im Bus nach Kayseri saß, völlig ahnungslos, wohin die Reise ging und was mich erwartet. Bisher war ich nur an sehr touristischen Orten in der Türkei gewesen und es gewohnt, dass die meisten Türken etwas Englisch konnten. Als ich dann aus dem Bus stieg, etwa acht Kilometer von meinem Ziel entfernt, war ich in einer ganz anderen Welt gelandet. Niemand sprach Englisch, ich war der einzige Tourist. Ich bin mir so fremd und falsch vorgekommen wie selten zuvor. Denn ich hatte keine Ahnung, wie ich ins Stadtzentrum kommen sollte oder wie der ÖPNV funktioniert. Nach einigem Hin und Her, großer Verzweiflung und ganz viel Hilfe meiner Freundin und einiger Passanten, hat es dann doch alles geklappt und ich bin gut im Stadtzentrum angekommen.


Dort hat mich meine Bekannte dann abgeholt und mir die wichtigsten Dinge in der Stadt gezeigt. Es war wirklich eine besondere Erfahrung. Nicht nur, dass ich natürlich viel mehr sehen konnte, mit jemandem, der sich auskennt. Besonders schön war einfach, wie offen und freundlich alle Leute plötzlich waren, nachdem sie mich als ihre deutsche Freundin vorgestellt hatte. Viele wollten mir ihre Kultur zeigen und die Sprachbarriere war wie weggewischt, denn sie hat mir alles übersetzt. Dadurch habe ich mich mehr wie ein Teil der Gemeinschaft gefühlt und nicht wie ein Fremdkörper, den alle anstarren. Natürlich habe ich immer noch das Aufsehen einiger Passanten erregt, das war aber jetzt nur noch halb so schlimm.


Nachdem sie mir die Stadt gezeigt hatte, mit allen Moscheen, schönen Ecken und der Kultur, sind wir zu ihr nach Hause gefahren. Ihre ganze Familie war extra gekommen, um mich kennenzulernen und mit mir das tägliche Fastenbrechen im Ramadan zu feiern. Es gab viele traditionelle Speisen und natürlich türkischen Tee. Auch wenn nur einer von ihnen Englisch sprach, waren alle sehr bemüht mit mir zu sprechen und wollten mich unbedingt kennenlernen. Ich habe nicht immer alles verstanden, worüber diskutiert wurde und trotzdem hatte ich das Gefühl, dazuzugehören. Es war überhaupt nicht schlimm, nicht alles zu verstehen. Jeder wollte mich an ihrer Kultur teilhaben lassen, ich durfte mit zum Beten in die Moschee, konnte sämtliche türkische Getränke probieren und alle Traditionen miterleben. Noch nie in meinem Leben habe ich mich derart willkommen an einem Ort gefühlt, wie dort. Nach wenigen Minuten war es wie Zuhause. Als ob ich diesen Ort und die Menschen schon jahrelang kennen würde. Ich hatte das Gefühl auch als Fremde dazuzugehören. Ein solches Erlebnis hatte ich noch nie. Kaum vorstellbar, dass ich vor wenigen Stunden noch einen Gedanken daran verschwenden habe, dass diese Leute gefährlich sein könnten. Denn jetzt fühlte ich mich sicher und geborgen, einfach gut aufgehoben und behütet. Ich war einfach glücklich.


Nur wie das an solchen Abenden immer so ist, verging die Zeit natürlich viel zu schnell. Wir haben gelacht, getanzt und gespielt und ehe ich mich versah, war es Zeit zu gehen. Nach vielen Umarmungen, Geschenken und Abschiedsworten musste ich dann doch in den Flieger steigen. Und so schnell, wie ich in diese Gemeinschaft hineingeraten bin, so schnell wurde ich auch wieder aus ihr herausgerissen. Dafür war ich nicht bereit. Nach diesem Abend voller Eindrücke und neuer Freunde wollte ich nicht einfach nach Hause, wo alles so gewöhnlich war. Das war zu früh, zu wenig Zeit, um alles zu verarbeiten, anzukommen.


Und so hatte ich Zuhause doch mal wieder Heimweh und das war so ehrlich nicht gedacht. Meine Gedanken hängen sehr an diesem Abend und bei den Menschen, insbesondere bei meiner Freundin, die mich so herzlich mitgenommen hat. Die mir alles gezeigt hat. Bei der ich mich so Zuhause gefühlt habe.


Vor meiner Reise hatte ich Angst, wie die Leute und das Land wohl sein würden. Ob sie mir freundlich begegnen würden, als Fremde. Doch jetzt, nur eine Woche später, bin ich begeistert von den Menschen, von ihrer Freundlichkeit, ihrer Gemeinschaft. Eine Begegnung am Flughafen begleitet von etwas Neugier und Mut hat meine ganze Reise verändert. Hat mich verändert. In dem Moment, als mich eine Fremde angesprochen hat, war ich verzweifelt und allein. Aus diesem Moment sind viele Momente des Glücks entstanden. Momente der Erfüllung. Und neue Freunde. So im Nachhinein betrachtet, hat mich das Glück tatsächlich unerwartet getroffen. So unerwartet, dass ich bis jetzt noch nicht ganz verarbeitet habe, wie prägend der Tag war. Denn eins ist klar, es war einer der schönsten Tage meines Lebens.

Unverhoffte Menschlichkeit

Istanbul. Ich bin komplett allein am Flughafen. Mein erster Flug in die Türkei war ganz okay, aber dann musste ich umsteigen. Der Flughafen ist groß und super unübersichtlich. Ich muss ein zweites Mal durch den Sicherheitscheck. Das kam irgendwie unerwartet. Diesmal werden andere Sachen kontrolliert als in Deutschland und ich muss meine Tasche umräumen. Ich bin gestresst. Ich habe Angst. Ich bin überfordert.



Endlich am Gate angekommen, hat der Flug Verspätung, aber die Durchsagen kommen immer erst auf türkisch, sodass danach das aufgeregte Gerede der anderen bei den englischen Durchsagen so laut ist, dass ich nichts verstehen kann.. Ich bin total am Ende. Müde. Erschöpft. Allein. Ich weiß nicht wohin mit mir. Ich weiß nicht, wann es weitergeht.


In diesem Moment spricht mich eine junge Türkin an, die offensichtlich meine Verzweiflung gesehen hat. Sie übersetzt mir, was in den Durchsagen gesagt wurde und verwickelt mich in ein Gespräch, das mich gut von meiner Erschöpfung ablenkt. Sie erzählt mir, dass sie weiß wie ich mich fühle. Sie hat letztes Jahr Erasmus in Rumänien gemacht und kennt dieses Gefühl der Überforderung. Sie hat mir meine Gefühle nicht abgesprochen, sondern mir das Gefühl gegeben, dass es okay ist. Dass es jetzt gerade zwar beschissen ist, aber wieder besser wird.


Ich bin ihr sehr dankbar für das, was sie für mich getan hat. Es mag wie eine Kleinigkeit erscheinen, aber für mich war es die Welt in dem Moment. Sie hat mich beruhigt und danach war ich tatsächlich recht entspannt, auch wenn ich müde war. Ich wusste, dass da jemand ist, den ich ansprechen konnte. Das hat mir Sicherheit gegeben.


An diesem Abend wurde ich wieder einmal überrascht von der Menschlichkeit, die oft so unerwartet kommt. Viel zu oft habe ich erlebt, dass es mir offensichtlich schlecht ging und mir niemand geholfen hat. Das war hier ganz anders. Viele Menschen haben mir geholfen. Und das macht mich froh. Ich finde es schön, dass es Menschen gibt, denen es nicht egal ist. Die nicht wegschauen. Vor meiner Reise waren mir die Menschen und die Kultur hier fremd. Jetzt weiß ich, dass die Türkei tatsächlich ein Ort voller Menschlichkeit ist, voller Leben, voller Schönheit. Allein deshalb schon hat sich die Reise gelohnt.

Tiefe Verbundenheit

Nach dem Abschluss geht jeder seinen eigenen Weg. So war es auch bei mir und meiner engsten Schulfreundin. Wir sind bereits seit der siebten Klasse so etwas wie beste Freunde gewesen und haben mal mehr und mal weniger alles miteinander geteilt. Nach unserem Abiball haben sich unsere Wege dann vorerst getrennt. Sie ist studieren gegangen und ist umgezogen und ich bin eben Zuhause geblieben für einen Freiwilligendienst. Dadurch haben wir uns die letzten Monate nur sporadisch gesehen. Oft liegen Monate zwischen den Treffen, einfach weil so viel anderes ansteht und die Entfernung dann doch weiter ist als nur mal eben zehn Minuten.



Im Alltag fällt es oft gar nicht so auf, wenn wir uns länger nicht sehen, aber jedes Mal, wenn es dann doch mal klappt, merke ich, wie sehr mir das eigentlich gefehlt hat. Jeder von uns hat mittlerweile sein eigenes Leben und es gibt Dinge aus dem Leben des anderen, die man einfach nicht mehr so verstehen kann. Aber die grundlegenden Chemie stimmt. Denn so sehr kann sich ein Mensch dann doch nicht verändern. Sie kennt meine tiefsten Geheimnisse, meine dunkelsten Zeiten und andersherum. Es gibt keinen Menschen, der mich so gut kennt, dem ich so sehr vertrauen kann. Jedes Mal, wenn wir uns sehen, dauert es eine Weile, bis wir in tiefere Themen einsteigen können, aber dennoch fühle ich mich verstanden, gewollt und nicht so, als müsste ich irgendwas verstecken. Bei jedem Treffen fühle ich mich aufgetaut und irgendwie ganz anders.



Auch wenn ich mich bei meinen anderen Freunden wirklich wohl fühle, ist es mit ihr irgendwie nochmal anders. Einfach tiefer. Vielleicht liegt es daran, dass wir in der Schule so viel Zeit miteinander verbracht haben oder daran, dass wir einige der prägensten Momente gemeinsam erlebt haben, aber so eine Vertrautheit habe ich nur selten erlebt.


Mir war nie bewusst, wie sehr die Freundschaft mich und mein Leben geprägt hat, aber es hat bis heute definitiv einen riesigen Einfluss auf mich. Irgendwie finde ich das schön. Ich mag diese tiefe Verbundenheit, auch wenn ich sie nicht immer haben kann, denn sie bedeutet mehr als zig lose Verbindungen zu anderen. Ich bin dankbar, dass ich solche Menschen in meinem Leben habe. Das macht es erst besonders.

kleine große Träume

Als Kind träumt man oft von großen Dingen. Zum Beispie vonl einem bestimmten Beruf oder etwas anderem, das man gerne erreichen möchte. Ich wollte zum Beispiel immer mal die Malediven sehen, weil das blaue, klare Wasser dort immer so schön aussah. Schon damals sagte mein Papa, dass ich mir das besser aus dem Kopf schlagen soll. So eine Reise können wir uns überhaupt nicht leisten. Obwohl ich weiß, dass mein Vater mich nur vor Enttäuschung schützen wollte, haben mich seine Worte damals sehr traurig gemacht und ich war unfassbar frustriert.



Je erwachsener ich wurde, desto weniger träumte ich. Ich hatte zwar immer wieder Momente, in denen ich dachte, dass ich eine Vision habe, von dem was ich möchte, aber schnell verblasste diese auch wieder. Die Gesellschaft vermittelte mir, dass meine Träume sowieso nie funktionieren werden.
Dabei klingen mein beiden großen Träume ganz simpel. Ich möchte die Welt entdecken, erkunden und kennenlernen. Und ich möchte sie ein kleines bisschen besser machen.


Trotzdem erscheinen mir diese beiden Ziele oft unerreichbar. Denn ich bin recht ehrgeizig und wenn ich etwas angehe, dann auch richtig. Auch wenn mir bewusst ist, dass ich nie alles erkunden kann und auch nicht alles in der Welt zum Guten wenden kann, würde ich am liebsten alles auf einmal machen und kann nur schwer akzeptieren, dass ich nicht auf alles Einfluss haben kann.


Mittlerweile habe ich das zum Glück so mehr oder weniger akzeptiert, denn in unserer Welt gibt es schon so viele tolle Menschen, die etwas verändern möchten, dass ich weiß dass ich damit nicht allein bin. Sie alle träumen von einer besseren Welt und haben Visionen, die unsere Welt verändern können.


Und obwohl ich weiß, dass es da draußen so viele Menschen gibt, die ihre großen Visionen leben, spreche ich nur sehr selten über meine eigenen. Ich habe Angst, dass ich mir selbst zu viel erhoffe und dann am Ende erklären muss, warum es nicht geklappt hat. Ich habe Angst, dass jemand versucht, mir meine Träume auszureden. Ich habe Angst, dass meine Träume nicht ernst genommen werden. Dass mir gesagt wird, dass es unmöglich sei. Dass mich keiner unterstützen wird. Und trotzdem möchte ich weiter an meine kleinen großen Träume glauben. Sie treiben mich an. Spenden meine Energie. Durch sie hat mein Leben einen Sinn.


Und es tut unfassbar gut, darüber mit jemandem zu sprechen, dem es ähnlich geht. Leider gibt es allerdings nur wenige, die mich hundertprozentig verstehen. Die mich ermutigen und mich unterstützen, genauso wie ich sie. Die mich groß träumen lassen.


Ich weiß, dass ich nicht alles verändern kann. Ich weiß, dass ich allein nicht alles bewältigen kann. Und trotzdem denke ich, dass wir alle größer träumen sollten, nicht direkt jede abwegige Idee verwerfen sollten.
Das kann zu Enttäuschung führen. Das ist gewiss. Aber daraus kann eben auch so viel mehr entstehen.
Genau aus diesem Grund finde ich es immer so toll, mit Kindern über meine Visionen zu sprechen. Sie sagen nicht, dass etwas nicht geht, sondern fragen viel mehr, wann es endlich losgehen kann. Aus erwachsener Perspektive versuche ich zwar, es etwas realistischer anzugehen, merke aber oft, dass ich zu viele Zweifel habe.


Mittlerweile habe ich gemerkt, dass es eindeutig besser ist, ein Ziel zu verfolgen und zu merken, dass es nicht klappt oder nichts für mich ist, als es nicht zu probieren und es zu bereuen. Genau deshalb finde ich große Träume so wichtig. Sie sind unser Lebenselixier. Sie können Großes mit uns machen. Sie wecken eine ungeahnte Energie und helfen mir, zu entdecken, was ich wirklich möchte

Auch Senioren finden Tattoos schön

Immer mehr Menschen lassen sich tätowieren. Insbesondere bei jungen Menschen ist es beliebt, sich zumindest etwas Kleines stechen zu lassen. Auch ich habe zwei Tattoos, eins am Rücken und ein kleines am Bein.



Obwohl ich meine Tattoos wirklich gerne mag, bin ich froh, sie in manchen Situationen abdecken zu können. Bei meiner Arbeit in der Tagespflege beispielsweise werde ich, sobald man eines sehen kann, so gut wie immer darauf angesprochen. Mal mit Bewunderung und manchmal eben auch mit Abscheu. Einigen älteren Menschen fällt es schwer zu verstehen, warum man so etwas mit meinem Körper macht. Sie sind verständnislos und teilweise sogar wirklich abweisend und abwertend. Für mich war es am Anfang schwer zu verstehen, woher das wohl kommt, weshalb ich meine Tattoos lieber verdeckt habe. Mittlerweile kann ich aber die meisten ganz gut verstehen. Viele kommen aus sehr strengen Haushalten und verbinden Tattoos grundsätzlich mit Kriminellen und dem Gefängnis. Deshalb kann ich nachvollziehen, dass sie zumindest skeptisch darauf reagieren.


Viel überraschender finde ich allerdings, wie tolerant die meisten unserer Gäste sind. Sie sind interessiert an dem, was wir jungen Leute so mögen. Sie möchten meine Tattoos unbedingt mal sehen und fragen, wie sich das Stechen angefühlt hat. Bei vielen Kleidungsstücken merken sie an, wie schön sie die Sachen finden, aber dass es für sie kaum denkbar gewesen wäre, solche Sachen zu kaufen, als sie jung waren.


Für mich ist es jedes Mal interessant, wenn sie dann anfangen, über ihre Jugend zu erzählen und wie es damals mit Trends und Mode war. Jedes Mal muss ich denken, dass wir gar nicht so verschieden sind. Auch sie waren mal jung, haben gern gefeiert, die Freiheit geliebt und ihren eigenen Kopf gehabt.. Ich finde es schön, sich darauf einzulassen. Mich in ihre Perspektive zu versetzen und andersherum. Und auch wenn ich nicht mit jedem Gast bei jedem Thema auf einen gemeinsamen Nenner komme, so kann ich mit den meisten zumindest diskutieren und meinen Standpunkt erläutern. Oft merke ich, dass es viel zu wenige Menschen gibt, die genau das tun.


Senioren sind gegenüber der Jugend manchmal kritisch eingestellt. Das liegt aber nicht daran, dass sie uns grundsätzlich etwas Böses möchten. Manche können bestimmte Neuheiten einfach nicht nachvollziehen und haben vergessen, wie es war, als sie selbst mal jung waren. Im Endeffekt ist jeder einzelne von ihnen ein Mensch, genau wie ich mit seiner eigenen Geschichte. Jeder begegnet mir mit einer gewissen Offenheit und Neugier, nur die wenigsten sind ausschließlich stur.

Insbesondere aktuelle Trends wie Tätowierungen sind für sie zwar neu, aber trotzdem lassen sie sich immer wieder auch auf mich ein, genauso wie ich mich auf sie. Und genau das macht meinen Alltag zu etwas Besonderem. Wir haben nicht dieselben Ansichten, aber wir versuchen einander zu verstehen. Und oft wird mir klar, dass ein wenig mehr gegenseitiges Zuhören die Welt ein kleines bisschen besser machen würde, da es so zu wesentlich weniger Konflikten kommen würde. So muss ein Generationenunterschied eben nicht gleich in Meinungsverschiedenheiten enden. Denn auch Senioren können banale Dinge wie Tattoos schön finden.

Gemeinsam Auseinanderleben

Am Wochenende habe ich meinen Geburtstag gefeiert. Diesmal nur im kleinen Kreis mit den engsten Freunden. Es war eine große Herausforderung, einen geeigneten Termin zu finden, da die meisten meiner Freunde nicht mehr in meiner Nähe wohnen, sondern zum Studieren umgezogen sind.



Aus diesem Grund haben auch einige abgesagt. Studienstress oder eine zu weite Entfernung, sodass es sich nicht mal lohnt für einen Abend nach Hause zu fahren. Ich selbst wohne während meines Freiwilligendienstes noch Zuhause und manchmal ist es schwer, dass meine engsten Freunde so weit weg wohnen und nicht mal eben vorbeikommen können. Sie alle haben das Abenteuer Auszug schon gemeistert und einen neuen Lebensabschnitt begonnen, während ich noch Zuhause bin.



Oft gibt mir das das Gefühl, nicht mitreden zu können. Wenn die anderen sich über ihr Studium, neue Studentenpartys oder ihre Wohnung austauschen, dann kann ich nur stumm daneben sitzen und oft wenig beitragen.



Dabei bin ich mit dem, was ich mache, sehr zufrieden und gehe gerne arbeiten. Ich mache tolle Erfahrungen und studieren und ausziehen kann ich auch nächstes Jahr noch. Und trotzdem beschleichen mich in solchen Situationen Zweifel, ob meine Entscheidung hier zu bleiben richtig war.



Wenn ich sehe, was die anderen alles lernen, kommt bei mir eine innere Unruhe auf. Ich selbst liebe es, neue Dinge zu lernen und alles über komplizierte Sachverhalte zu erfahren, mich in Situationen einzudenken und gefordert zu sein.
Das alles fehlt mir sehr und ich fühle mich, als würde ich auf der Stelle treten und meine Zeit vergeuden. Während die anderen sich weiterentwickeln, bleibe ich stehen.



An meinem Geburtstag hatte ich oft das Gefühl, dass wir völlig aneinander vorbei leben. Mein Alltag dreht sich um meine Familie und meine Arbeit. Meine Freunde denken eher an die nächsten Vorlesungen und die Veranstaltungen, die noch anstehen. Oft bin ich dann unterschwellig die mit dem Bufdi, die sowieso nicht versteht, worum es gerade gehen soll.



Manchmal macht mich das traurig, weil ich weiß, wie wichtig mein Dienst für die Menschen hier ist. Ich lerne dabei nur eben andere Dinge als meine Freunde und gebe ein Stück meiner Lebenszeit für die Gesellschaft her. Gleichzeitig weiß ich auch, dass es den anderen womöglich schwer fällt, sich in meine Lage und Erfahrungen zu versetzen, weswegen ich sehr dankbar bin, dass sie mir trotzdem zuhören und mich aufnehmen. Besonders toll finde ich, dass sie sich die Zeit nehmen und den Weg nach Hause fahren, um zu meinem Geburtstag zu kommen.
Denn trotz unterschiedlicher Lebenslagen kann ich mich immer auf sie verlassen. Ich weiß, was wir uns gegenseitig bedeuten und das macht mich froh.

Seminare und andere Bufdi’s

Während meines Bundesfreiwilligendienstes muss ich mehrere Seminare belegen, in denen ich verschiedene Dinge für meinen Dienst, wie zum Beispiel rechtliche Grundlagen lerne. Über das Jahr verteilt brauche ich fünfundzwanzig Seminartage, die meistens in fünftägigen Blöcken stattfinden.


Letzte Woche war mein erstes Seminar zum Thema Psychische und Suchterkrankungen. Während der Zugfahrt dorthin war ich ziemlich aufgeregt. Ich wusste nicht, was mich erwartet und wie die Woche verlaufen würde. Ich kannte bisher niemanden und war gespannt, wie die anderen wohl so sein würden.



Zu meinem großen Glück wurde ich gemeinsam mit einem anderen Mädchen vom Bahnhof abgeholt. Sie war direkt sehr offen zu mir und hat sich mit mir unterhalten. Als wir dann angekommen sind, hat sie mich einfach mitgenommen und ihrer Freundin vorgestellt, die sie von anderen Seminaren kannte.
Die nächsten Tage haben wir viel zu dritt unternommen und ich habe mich zunehmend wohl gefühlt. Am Anfang hatte ich Angst, das dritte Rad am Wagen zu sein, aber die beiden haben mich super integriert. Dadurch konnte ich mich auch in der Gruppe schnell einfinden und ich war froh, Anschluss gefunden zu haben und nicht allein zu sein. So konnte ich unser gemeinsamen Abende genießen und es fiel mir leichter, Kontakt zu den anderen Teilnehmern aufzubauen.

Für mich selbst ist es oft schwer, mit neuen Leuten zusammen zu sein. Ich bin meistens eher ruhig und höre den anderen zu, was oft den Eindruck vermittelt, ich hätte kein Interesse an den anderen. Erst nach einigen Tagen werde ich warm und erzähle auch von mir selbst. Außerdem ist der soziale Kontakt, so viel Spaß er mir dann auch macht, ziemlich kräftezehrend und ich brauche öfter Zeit für mich.



Bezogen auf die Seminare fällt es mir daher nicht so leicht, Anschluss zu finden, wenn niemand auf mich zugeht. Zudem sind jedem meiner Seminar sind andere Leute, sodass ich jedes Mal aufs Neue auf andere zugehen muss. Einerseits ist das toll, weil ich mich so mit vielen Freiwilligen austauschen und neue Leute kennenlernen kann. Andererseits ist es sehr anstrengend, besonders dann, wenn ich das Gefühl habe, dass ich mich verstellen muss, um Teil der Gruppe zu sein. Erst wenn das Seminar fast vorbei ist, fühle ich mich wohl genug, um aus mir herauszukommen und mich wirklich zu unterhalten.


Nach meinem ersten Seminar war ich dementsprechend erleichtert, jemanden gefunden zu haben, bei dem ich mich wohlfühle und der mich mitnimmt. Trotzdem war ich ziemlich ausgelaugt von den vielen Eindrücken und den sozialen Interaktionen.
Für die kommenden Seminare bin ich aber nun etwas zuversichtlicher gestimmt und freue mich auf den Spaß, den die gemeinsame Erfahrung mit sich bringt. Denn trotz der Anstrengungen und Aufregung hatte ich eine tolle Woche mit netten neuen Kontakten und vielen Erfahrungen.