Sechs Wochen Sucht

Im März habe ich mich kurzfristig entschlossen, mein zweites Praktikum schon in den Semesterferien im Sommer zu machen, damit ich im Winter genug Zeit für meine Bachelorarbeit habe. Als ich dann nach Praktikumsplätzen geschaut habe, war mir der Schwerpunkt der Klinik egal, da ich so spät dran war und froh sein konnte, wenn ich überhaupt noch einen Platz finden würde. Dementsprechend habe ich mich bei jeder Klinik im Sauerland, meiner Heimat, beworben und dabei wenig darauf geachtet, was für eine Art von Klinik es eigentlich ist. Als ich dann im April die Zusage für einen Praktikumsplatz in einer Rehaklinik für Suchterkrankte bekommen habe, war ich erstmal erleichtert, einen Platz gefunden zu haben.

Als das Praktikum dann im August losging und ich der Station für „Drogenabhängige“ zugeteilt wurde, merkte ich aber schnell, dass ich an einem besonderen Ort gelandet war. Zum einen werden Suchtpatienten in der Reha relativ lange behandelt, zwischen 12 und 22 Wochen, was bedeutet, dass man die Möglichkeit hat, die Patienten und ihre Geschichte in dieser Zeit sehr intensiv kennenzulernen und gleichzeitig auch ihre Entwicklung beobachten kann. Andererseits sind Suchtpatienten, besonders bei Drogensucht, auch Menschen mit einem vielfältigen Hintergrund. Viele leiden zusätzlich an anderen psychischen Erkrankungen, haben eine bewegende Vergangenheit, einige stammen schon aus Familien mit Suchterkrankungen, manche kämpfen schon sehr lange mit ihrer Erkrankung, andere erkennen sie noch nicht richtig an und wieder anderen fehlt die Motivation, tatsächlich etwas bei sich zu verändern. Kurz gesagt: obwohl all diese Menschen eines verbindet – ihre Suchterkrankung – könnten sie oft nicht verschiedener sein. Das hat die Arbeit dort spannend gemacht, da man sehr individuell auf die einzelnen Patienten schauen musste und so gut wie jeder eine bewegende Lebensgeschichte mitgebracht hat.

Gleichzeitig war ich am Anfang sehr verunsichert. Mit den meisten Drogen war ich in meinem Leben noch nie in Kontakt gekommen. Außer Alkohol habe ich selbst keine Substanzen konsumiert und selbst den Konsum von Tabak und Cannabis habe ich nur bei anderen beobachtet. Wenn ich an Drogenabhängige gedacht habe, waren das für mich irgendwelche finsteren, zum Teil auch gefährlichen Typen, die am Bahnhof in der Ecke lauern und dabei vielleicht sogar noch kriminell sind. Und einige dieser Klischees haben sich zumindest nicht als komplett unbegründet erwiesen. Der Großteil der Patienten war männlich und zwischen 20 und 40 Jahre alt. Einige von ihnen waren sehr impulsiv, unter Drogenkonsum auch aggressiv und sind durch ihre Abhängigkeit auch in die kriminelle Szene gerutscht. Aber etwas, was ich hinter all meinem Klischee-Denken davor oft vergessen habe und in meiner Zeit dort lernen konnte, ist, dass all das auch Menschen sind. Menschen mit einer Geschichte, mit Gefühlen, Gedanken und Sorgen. Menschen, denen schlechte Dinge widerfahren sind, die Entscheidungen getroffen haben, die im Nachhinein verheerende Konsequenzen gehabt haben, in dem Moment selbst aber vielleicht als der einzige Ausweg erschienen sind. Und vor allem sind das Menschen, die noch so viel mehr sind als „nur“ ihre Erkrankung. Natürlich wird die Erkrankung immer ein Teil von ihnen bleiben. Das Tragische an Suchterkrankungen ist nunmal, dass sie chronisch sind und nie vollends verschwinden. Gleichzeitig sind sie aber nicht das einzige, was diese Menschen ausmacht. Das war eine wirklich wertvolle Erkenntnis. In den sechs Wochen, in denen ich da war, konnte ich viele spannende Menschen kennenlernen. Ich konnte auch von den Patienten noch eine Menge lernen und mitnehmen und bin dankbar, dass sie mich an ihrer Geschichte und ihrem Leben haben teilhaben lassen und mir eindrucksvoll gezeigt haben, dass noch so viel mehr in ihnen stecken kann. 

Eine Sache, die ich allerdings auch gelernt habe, ist es, wie wichtig es ist, die Patienten ihren eigenen Weg gehen zu lassen. Oft ist es von außen (& aus therapeutischer Sicht) scheinbar einfach, den vermeintlich richtigen Weg – in diesem Fall ohne Drogen – zu sehen, den die Patienten gehen können. Allerdings können Therapeuten diese Entscheidungen nicht treffen, sondern die Patienten lediglich auf ihrem Weg begleiten. Denn welchen Weg sie gehen möchten, das liegt allein bei ihnen. Es mag von außen betrachtet dann nicht immer „der beste Weg“ sein, aber es liegt nicht nur in meiner Macht, Entscheidungen gegen den Willen dieser Erwachsenen zu treffen und sie zu bevormunden, solange sie noch in der Lage sind, eigene Entscheidungen zu treffen. Sie sind ein Stück weit verantwortlich dafür, was mit ihrem Leben passiert und wenn sie Hilfe benötigen und auch annehmen wollen, dann gebe ich mein Bestes, sie dabei zu unterstützen. Möchten sie das allerdings nicht, so ist das auch in Ordnung und sogar ihr gutes Recht. Es ist ihre Entscheidung und vielleicht ist der ein oder andere einfach noch nicht so weit, die Hilfe wirklich anzunehmen und das Leben zu verändern. Ich kann ihnen dann meinen Rat und meine Unterstützung anbieten und muss lernen zu akzeptieren, dass es auch Menschen geben wird, die sich nie für einen Weg aus der Suchterkrankung entscheiden werden. Das ist mir immer wieder schwer gefallen, weil ich in diesen oft noch jungen Menschen so viel Potential für ein „normales“ und glücklicheres Leben gesehen habe, sich diese Menschen aber nicht immer für ein Leben ohne Drogen entscheiden konnten und wollten. Das zu sehen, war manchmal sehr schmerzhaft.

Trotzdem hat mich das Praktikum viel weiter gebracht. Es hat mir eine wirkliche Freude bereitet mich den Patienten dort zusammenzuarbeiten. Viele von ihnen sind ganz sicher nicht das, was man als „leichte Patienten“ bezeichnen würde und das kann frustrierend sein. Auf der anderen Seite ist es dann umso schöner zu sehen, wenn die Menschen dort Fortschritte machen und das, obwohl sie zum Teil wirklich ziemlich unvorteilhafte Startbedingungen hatten und zu Beginn nicht motiviert waren, ihr Leben zu verändern. Besonders schön fand ich es auch, so viele Menschen und ihre oft auch berührenden Geschichten kennenzulernen und sie ein Stück auf ihrem Lebensweg begleiten zu dürfen. Dadurch durfte ich mal wieder lernen, dass diese Menschen so viel mehr sind als ihre Erkrankungen und das dahinter so viel mehr steht als einfach nur „Schwäche“ und „Faulheit“.

Wenn ich heute an Menschen mit Suchterkrankungen denke, denke ich nicht mehr nur an finstere Typen am Bahnhof. Vielmehr denke ich an all die Menschen, mit ihren verschiedenen Schicksalen und frage mich, was bei dem einzelnen wohl der ausschlaggebende Punkt war, zu einem Suchtmittel zu greifen. Neben meiner Vorsicht ist da nun auch eine stärker werdende Neugier und der Wunsch, diesen Menschen eine helfende Hand zu reichen, wenn sie dafür bereit sind. & damit meine ich nicht nur Hilfe im Sinne von therapeutischer Hilfe zur Abstinenz, sondern auch für die Menschen, die dafür noch nicht bereit sind. Dieses Gefühl, dass ich dann empfinde, zeigt mir auch wieder, dass ich vielleicht doch den klinischen Weg in meinem Master einschlagen möchte, um irgendwann wirklich eine Person zu sein, die Menschen wie diesen auch therapeutisch helfen kann. Und das ist ein Gefühl, was mir Kraft und Mut für meinen weiteren (noch sehr langen) Weg bis dahin gibt.

Die schönste Zeit

Als ich in der Tagespflege gearbeitet habe, haben mir die Senioren oft gesagt, dass ich jetzt gerade das schönste Alter habe. Das Alter, an das sie sich selbst am liebsten zurückerinnern. Am Anfang ist es mir schwer gefallen, zu verstehen, was sie damit meinen. Was soll da schon so besonders sein, an dem wie mein Leben gerade ist, so ist es nun mal eben, das ist doch normal, oder?



Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr habe ich gemerkt, wie besonders die Lebensphase eigentlich ist, in der ich gerade bin. Es ist eine Lebensphase mit scheinbar unendlich vielen Möglichkeiten, mit vielen Aufs und Abs, mit wichtigen Entscheidungen, die so endgültig erscheinen. Eine Phase, in der ich ständig im Kontakt mit neuen Menschen bin, neue Dinge erleben und lernen darf. Eine Phase, in der ich mich ausprobieren kann und mich so frei und gleichzeitig so verloren fühle. In der ich in einem Moment singen und tanzen will und mir im nächsten wünsche, einfach nur zu wissen, was ich hier eigentlich tue. Eine Lebensphase voller Vielfalt, voller Leben.
In so vielen Momenten denke ich darüber nach, wie dankbar ich dafür bin, wie es gerade ist. Auch wenn natürlich nicht immer alles nur schön ist, so macht es einfach total viel Spaß, so viel Energie zu haben und die Welt zu entdecken. So viel zu fühlen und so sehr zu sein. Ich find’s einfach richtig cool, so frei zu sein in meinen Entscheidungen, irgendwie spontan und ungebunden.


Manchmal habe ich dann aber auch ein bisschen Angst, wie es wohl sein wird, diese Lebensphase wieder zu verlassen. Wie wird es sich anfühlen? Wird es schlimm? Werde ich es überhaupt merken? Werde ich es vermissen? Oder bin ich vielleicht sogar froh, wenn es irgendwann mal anders ist? Und wer entscheidet eigentlich, dass das alles irgendwann aufhören muss? Stimmt es, was die Senioren sagen und es kommt von nun an nichts besseres mehr? Ich weiß es nicht.


Aber um ehrlich zu sein, finde ich das auch nicht schlimm. Was in meiner Zukunft liegt ist ungewiss, aber eines haben mir die Senioren doch mitgegeben: es ist eine besondere Lebensphase und zwischen all den Emotionen, Unsicherheiten und Zweifeln, die zu dieser Phase genauso dazugehören, wie all die schönen Dinge, versuche ich immer wieder daran zu denken wie unfassbar toll sich das Leben momentan oft anfühlt, wie ungezwungen. Es wird vermutlich nicht für immer so sein, aber ich hoffe, dass ich diese Freiheit der Jugend doch immer ein bisschen in meinem Herzen bewahren kann, sodass ich irgendwann hoffentlich noch genauso lebensfroh sein kann wie die Senioren, die mir das alles mitgegeben haben.

Ein buntes Bild von Freundschaft

Lange bin ich davon ausgegangen, dass ich genau weiß, was Freundschaft eigentlich bedeutet. Das Bild, das die Gesellschaft und Social Media von Freundschaft zeichnet, ist geprägt von vielen Idealen, von denen ich gedacht habe, dass sie eine gute Freundschaft ausmachen. Ideale wie Vertrautheit, viele spannende Unternehmungen, eine stets gute Bindung, dass man sich immer alles erzählt. Ich habe geglaubt, dass jede meiner Freundschaften unfassbar tiefgreifend und harmonisch sein sollte und gleichzeitig ein Leben lang hält, dass meine Freunde am besten zu jedem Zeitpunkt im Leben perfekt zu mir passen sollten.

Dass dieses Wunschdenken im Endeffekt nie erfüllt werden kann, war mir eigentlich klar. Trotzdem habe ich meine Freundschaften an diesem Ideal gemessen und versucht, sie in dieses „perfekte“ Muster zu zwängen, von denen ich gedacht habe, dass sie gut und normal sind, was manchmal sehr frustrierend war.

Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass nicht meine Freundschaften an sich, sondern vielmehr mein unrealistisches Bild davon das eigentliche Problem sind. Bis ich verstanden habe, wie viel Unrecht ich den Menschen getan habe, die mir so wichtig sind, indem ich versucht habe, unsere Freundschaft an einem gesellschaftlichen Idealbild zu messen, was ich nicht einmal selbst als Freundin erfüllen kann.

Mittlerweile verstehe ich, dass nicht jede Freundschaft alle „Kriterien“ erfüllen muss, dass die einzelnen Freundschaften, genau wie meine Freunde auch, unterschiedlich sein dürfen. Da ist die eine Freundin, die ich nur selten sehe, mit der ich aber stundenlang über die Welt philosophieren kann. Da ist die Freundesgruppe aus meiner Heimat, mit der ich ausgelassene, lustige Abende verbringen kann und stundenlang singe und tanze. Da sind die Freunde in meiner Studienstadt, die mit mir in der Vorlesung sitzen, mit denen ich mich über meinen Alltag austausche und die kleinen Momente hier genieße.

Ich bin ohne es zu merken von so vielen Menschen umgeben, die mich an ihrem Leben teilhaben lassen, die mir ihre Zeit und ihr Interesse schenken. Menschen, die mir auf ihre Art und Weise zeigen, dass ich ihnen wichtig bin. Und das habe ich in meinem Alltag oft übersehen. In vielen Momenten war ich wie blind für das, was ich hatte und habe immer nur das gesehen, was mir vermeintlich fehlt. Dabei habe ich vergessen, dass es in einer Freundschaft nicht darum geht, dass immer alles wie im Bilderbuch ist, sondern vielmehr um die gemeinsame Zeit, das füreinander da sein, die gemeinsame Freude.

Mittlerweile weiß ich, dass es normal ist, dass all meine Freundschaften so verschieden sind. Dass das Bild auf Social Media oft nicht der Realität entspricht.  Ich weiß, dass es okay ist, dass ich manche Menschen oft, andere nur selten sehe, dass einige Freundschaften eng und andere eher distanzierter sind, dass ich mit einigen Freunden lieber feiern gehe, während ich mit anderen stundenlang am Lagerfeuer sitzen kann. Ich weiß, dass es normal ist, dass sich Freundschaften verändern, dass man in der einen Lebensphase sehr viel Zeit geteilt hat und in der nächsten vielleicht kaum noch Kontakt hat. Freundschaften verlaufen nun einmal eben nicht linear, die Bindung zueinander verändert sich stetig, wie wir Menschen auch. Das kann manchmal schmerzhaft sein, birgt aber auch eine Menge Freude.

Seitdem ich das für mich erkannt habe, habe ich ein ganz neues Bild von Freundschaft, ein viel bunteres und vielfältigeres, bewegteres Bild, als das starre Bild, von dem ich geglaubt habe, es wäre normal. Mit diesem bunten Bild fühlt sich all das viel leichter an, viel natürlicher. Und gerade deshalb kann ich mittlerweile wertschätzen, dass all meine Freundschaften so unterschiedlich sind. Ich mache mir weniger Druck, die perfekte Freundschaft zu finden, denn die gibt es vermutlich überhaupt nicht. Gleichzeitig weiß ich, was für ein besonderes Geschenk es ist, dass sich diese Menschen entschieden haben, dass ich Teil ihres Lebens sein darf. Das erfüllt mich jedes Mal, wenn ich daran denke, mit Freude. Ich bin dankbar für die Momente, die wir teilen, die verschiedenen Erfahrungen, für die Hochs und Tiefs. Dankbar, dass ich so viele tolle Menschen habe, die mein Leben begleiten und begleitet haben und das, egal, ob wir in ein Ideal passen oder nicht.

Vier Wochen zu Besuch in der Psychiatrie

Nach vier Wochen in der Psychiatrie ist mein Praktikum nun vorbei. Zu Beginn des Praktikums war ich ziemlich aufgeregt, da ich nicht wusste, ob ich mir überhaupt vorstellen kann, in diesem Bereich zu arbeiten oder ob es vielleicht gar nichts für mich ist. Diese Frage hat mich davor schon das ganze erste Semester beschäftigt, sodass ich mir unsicher war, ob Psychologie wirklich das richtige Studienfach für mich ist. Obwohl ich durch einen Freiwilligendienst weiß, dass mir die Arbeit mit Menschen Freude bereitet und es mir gut gelingt, eine Bindung zu verschiedenen Menschen aufzubauen, habe ich immer wieder Zweifel gehabt. Zweifel, ob mir die Arbeit mit psychisch Erkrankten wirklich liegt. Zweifel, ob ich überhaupt in der Lage bin, eine Bindung zu diesen Menschen aufzubauen, ein Gefühl für sie zu entwickeln. Zweifel, ob ich dem Druck gewachsen bin, Menschen in Situationen zu helfen, die für sie hoffnungslos scheinen.



Durch all meine Zweifel war ich in den ersten Wochen meines Praktikums unsicher, wie ich mit den Patienten umgehen soll. Ich wusste nicht, was ich sagen kann und was lieber nicht. Immerzu hatte ich Angst, etwas falsch zu machen und so den Leidensdruck versehentlich sogar noch schlimmer zu machen. Es hat eine Weile gedauert, bis es mir leichter gefallen ist, mit den Patienten in Kontakt zu kommen. Die ersten Wochen habe ich viel beobachtet und geschaut, wie die anderen auf meiner Station mit den Patienten umgegangen sind, aber auch wie die Patienten sich untereinander verhielten. Nach und nach habe ich gemerkt, dass ich gar keine Angst haben muss, mit den Patienten zu sprechen, dass ich mir mit meinen vielen Gedanken zu viel Druck mache. Natürlich gibt es, je nach Erkrankung, Themen, die für die Patienten schwierig oder unangenehm sind, aber sobald ich einen Patienten näher kennengelernt habe, ist mir der Umgang zunehmend leichter gefallen.

Während der vier Wochen habe ich zunehmend ein besseres Gefühl für die einzelnen Patienten, für bestimmte Krankheitsbilder, aber auch für die grundsätzliche Stimmung in Gesprächen entwickelt. Je öfter ich bei einem Gespräch zusehen durfte, desto besser ist es mir gelungen, die Situation richtig einzuschätzen, das Krankheitsbild zu erkennen und zu verstehen, wie sich ein Mensch mir gegenüber verhält, ob er ehrlich ist oder nicht.


Eine wichtige Erkenntnis für mich war dabei, dass die einzelnen Menschen so viel mehr sind als nur ihre Erkrankung. Sie alle haben ihre eigene Geschichte, ihren eigenen Charakter, ihre Eigenarten, die sie ausmachen, wie jeder andere Mensch auch. Die Erkrankung ist ein Teil von ihnen, der mal mehr und mal weniger sichtbar ist , aber es ist nicht das, was sie ausmacht. Es gibt zwar Momente, in denen die Erkrankung das Steuer im Leben der Menschen übernimmt, aber hinter dieser Erkrankung steht eben immer noch ein Mensch. Die Patienten schildern immer wieder die Erfahrung, dass sie von ihrem Umfeld auf ihre Krankheit reduziert werden. Das ist bestimmt nicht böse gemeint, kann aber manchmal dafür sorgen, dass derjenige vergisst, dass er so viel mehr ist als seine Krankheit. Durch diese Erkenntnis habe ich gemerkt, wie essentiell es ist, eine Bindung zu dem Menschen hinter der Erkrankung aufzubauen und zu verstehen, was ihn ausmacht. Nur so kann ich wirklich verstehen, was die Erkrankung für ihn bedeutet und was ich tun kann, dass sein Leidensdruck verringert wird.

In den letzten vier Wochen habe ich so gemerkt, wie bemerkenswert dieses Berufsfeld ist. Für mich ist es jedes Mal besonders, wenn mir ein Mensch so viel Vertrauen schenkt, dass er mir von den dunkelsten Zeiten seines Lebens erzählt. Es bereitet mir große Freude, die Menschen zu begleiten und ihnen helfen zu können. Durch das Praktikum konnte ich erkennen, wofür ich mein Studium eigentlich mache, was am Ende meines Weges sein könnte.  Das gibt mir Sicherheit und Vorfreude auf das, was vielleicht einmal sein wird.

Die dunkel Jahreszeit

Die dunkle Jahreszeit, Anfang Januar. Spät hell, früh dunkel. Bewölkt. Nass. Kalt. Viel Zeit, die man drinnen verbringt und wenig Zeit draußen. Der Zauber der Weihnachtszeit ist vorbei. Die Lichter verschwunden. Und mit Ihnen auch das Schöne am Winter.



Das waren meine Gedanken, als ich im Januar aus den Ferien zurückgekommen bin. Alles in meiner Wohnung hier hat sich so fremd angefühlt, es war irgendwie dunkel und kalt. Zweiteres nach zwei Wochen Zuhause so oder so. Es hat sich so angefühlt, als ob eine ewig lange, dunkle Zeit vor mir liegt, in der Zuhause so weit weg ist. Eine Zeit, die aus Lernen besteht und nicht aus Spaß. Eine Zeit, die herausfordernd ist, ohne mir etwas zurückzugeben.


Dementsprechend war ich die ersten Tage nach den Ferien etwas niedergeschlagen, auch, weil wegen der Bahnstreiks in der ersten Woche kaum Uni war. Deshalb habe ich meine Freunde hier nur sehr sporadisch gesehen und in der ersten Woche viel Zeit Zuhause verbracht. In dieser Woche hat sich irgendwie alles so düster angefühlt, fast schon ein wenig hoffnungslos, nach der schönen festlichen Weihnachtszeit Zuhause.


Mittlerweile geht es aber zum Glück wieder bergauf. Ich habe angefangen, die kleinen besonderen Momente, die im sonst eher grauen Alltag untergehen, in mein Herz zu schließen. Mich eben einfach über die Dinge zu freuen, die zurzeit möglich sind. Wie die Sonne, die ab und zu herauskommt, die kleinen lustigen Momente zwischen den Vorlesungen, meine Lieblingskleidung, selbst gekochtes Essen oder das erste Grün in der Natur. Und zwischendurch ereignen sich dann fast von selbst auch größere bewegenden Momente. Ein Spaziergang in der Sonne. Ein Spieleabend mit Freunden. Eine Großdemo und bei der so viele Menschen für demokratische Werte einstehen.
Das sind die Momente, die mein Leben gerade schön machen und mich kurz vergessen lassen, wie dunkel der Winter eigentlich ist. Sie mögen klein erscheinen, aber für mich sind sie wie Spalt einer Tür, durch den etwas Sonnenlicht scheint und der mich daran erinnert, wie schön das Leben eigentlich ist.

Interrail – The End

Interrail. Viereinhalb Wochen Abenteuer. Über 5000 Kilometer nur im Zug. Etliche Busfahrten. Viele neue Orte und Erfahrungen. Freude. Mut. Erfüllung. Das alles haben wir auf unserer Reise erlebt. Die Zeit war unfassbar wertvoll, einfach magisch und trotzdem ist das nicht alles.


Denn zu so einer Reise gehören auch nicht so schöne Erfahrungen dazu. Das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Erschöpfung von all dem Reisen. Streit als Paar über scheinbar belanglose Dinge. Genervt sein voneinander, da man jede Minute zusammen ist. Stundenlanges Warten an Bahnhöfen. Ewig weite Fußwege mit dem Rucksack. Viel zu warmes Wetter. Ungewissheit. Zweifel. Unruhige Nächte. Ekelhafte Badezimmer. Laute Mitbewohner. Zu wenig Schlaf. Krankheit. Stress. Ärger…
Es gab Momente, da habe ich mich gefragt, was das alles soll. Wenn es nachts 27 Grad im Zelt sind, man von einem ziemlich kleinen billigen Ventilator angepustet wird, bloß darauf bedacht, den Partner nicht zu berühren, weil es sonst zu heiß ist. Wenn der Mitbewohner im Hostel bei jedem Toilettengang nachts die Deckenlampe anmacht, anstatt einfach die Handytaschenlampe zu benutzen. Wenn es mal wieder über 40 Grad ist und man sich trotz der vielen Litern Wasser, die man trinkt, dauerhaft so fühlt, als würde man verdursten. Wenn man nach stundenlangem Warten am Bahnhof doch nicht am Ziel ankommt. Dann macht Reisen keinen Spaß. Überhaupt nicht.


Aber zum Glück ist das bei weitem nicht alles. Die Reise hatte so viele schöne Dinge zu bieten. Wunderschöne Städte und tolle Natur. Baden im klaren Meer und wandern über hohe Berge. Entspannen in Parks und das Bestaunen architektonischer Meisterwerke. Das Schlendern durch enge Gassen und weite Ausblicke über viele Orte. Viel Kultur und Geschichte. Pures Wissen und Erkenntnisse.
So viele schöne Sonnenuntergänge. Malerische Kulissen. Nette, hilfsbereite Menschen. Gutes Essen. Erfüllte Momente. Das Gefühl des vollkommenen Glücks…
Das alles und so viel mehr durften wir erleben. In unseren vierunddreißig Tagen unterwegs, haben wir unfassbar viel gesehen. Wir sind gewachsen, alleine und als Paar. Gewachsen an jeder Herausforderung, durch Gespräche und die Zeit zu zweit. Wir haben weniger Geld als vorher und doch sind wir so viel reicher, reicher an märchenhaften Bildern in unserem Kopf. Es war eine unvergessliche Zeit, für die ich endlos dankbar bin. Dankbar, dass es mir möglich war, die Reise zu machen. Dankbar, dass ich mich getraut habe. Dankbar für meinen Partner, für die schönen Momente, dass er mich gehalten, meine Sachen getragen und mich manchmal auch ertragen hat. Dankbar für meine Familie und all die, die mich unterstützen.
Danke, dass ich diese Zeit erleben durfte. Es war wunderschön.

Unverhoffte Menschlichkeit

Istanbul. Ich bin komplett allein am Flughafen. Mein erster Flug in die Türkei war ganz okay, aber dann musste ich umsteigen. Der Flughafen ist groß und super unübersichtlich. Ich muss ein zweites Mal durch den Sicherheitscheck. Das kam irgendwie unerwartet. Diesmal werden andere Sachen kontrolliert als in Deutschland und ich muss meine Tasche umräumen. Ich bin gestresst. Ich habe Angst. Ich bin überfordert.



Endlich am Gate angekommen, hat der Flug Verspätung, aber die Durchsagen kommen immer erst auf türkisch, sodass danach das aufgeregte Gerede der anderen bei den englischen Durchsagen so laut ist, dass ich nichts verstehen kann.. Ich bin total am Ende. Müde. Erschöpft. Allein. Ich weiß nicht wohin mit mir. Ich weiß nicht, wann es weitergeht.


In diesem Moment spricht mich eine junge Türkin an, die offensichtlich meine Verzweiflung gesehen hat. Sie übersetzt mir, was in den Durchsagen gesagt wurde und verwickelt mich in ein Gespräch, das mich gut von meiner Erschöpfung ablenkt. Sie erzählt mir, dass sie weiß wie ich mich fühle. Sie hat letztes Jahr Erasmus in Rumänien gemacht und kennt dieses Gefühl der Überforderung. Sie hat mir meine Gefühle nicht abgesprochen, sondern mir das Gefühl gegeben, dass es okay ist. Dass es jetzt gerade zwar beschissen ist, aber wieder besser wird.


Ich bin ihr sehr dankbar für das, was sie für mich getan hat. Es mag wie eine Kleinigkeit erscheinen, aber für mich war es die Welt in dem Moment. Sie hat mich beruhigt und danach war ich tatsächlich recht entspannt, auch wenn ich müde war. Ich wusste, dass da jemand ist, den ich ansprechen konnte. Das hat mir Sicherheit gegeben.


An diesem Abend wurde ich wieder einmal überrascht von der Menschlichkeit, die oft so unerwartet kommt. Viel zu oft habe ich erlebt, dass es mir offensichtlich schlecht ging und mir niemand geholfen hat. Das war hier ganz anders. Viele Menschen haben mir geholfen. Und das macht mich froh. Ich finde es schön, dass es Menschen gibt, denen es nicht egal ist. Die nicht wegschauen. Vor meiner Reise waren mir die Menschen und die Kultur hier fremd. Jetzt weiß ich, dass die Türkei tatsächlich ein Ort voller Menschlichkeit ist, voller Leben, voller Schönheit. Allein deshalb schon hat sich die Reise gelohnt.

Angst vorm Scheitern

Am Anfang dieses Jahres habe ich mich gefragt, was ich dieses Jahr gerne erleben und machen möchte. Was ich bis zum Ende des Jahres erreichen möchte. Wie ich schon im letzten Blog angesprochen habe, war es mir dabei besonders wichtig, mal über mich hinauszuwachsen. Dinge zu tun, die mich Überwindung kosten.



Neben vielen kleinen Dingen, habe ich entschieden, auch eine etwas größere neue Sache zu probieren. Ich möchte alleine verreisen. Und zwar nicht wie letztes Jahr nach Costa Rica mit einer Organisation, sondern so richtig alleine. Um das Ganze etwas leichter zu machen, habe ich mich erstmal nur für einen Zeitraum von einer Woche entschieden. Denn ganz ehrlich, ich weiß überhaupt nicht, was mich erwartet, auf was ich achten muss und was ich dann wirklich mit meiner Zeit dort mache. Ich bin völlig ahnungslos und das macht mir dann doch ziemlich Angst, auch wenn das Reiseziel echt traumhaft ist.


Als ich mit einigen meiner Bekannten darüber gesprochen habe, kam dann oft die Reaktion „wow, wie cool, das würde ich mich nie trauen“. Aber warum eigentlich nicht? So oft habe ich mich schon gefragt, warum sie so eine Reise eigentlich nicht selbst machen. Vielen würde das bestimmt ungeheurer viel Spaß machen und sie würden viel lernen.


Am Geld liegt es bei ihnen nicht, denn ganz ehrlich, besonders teuer wird mein Urlaub auch nicht, denn das könnte ich mir überhaupt nicht leisten. An der Zeit ebenfalls nicht, denn so eine Woche kann jeder von ihnen im Jahr entbehren. Und trotzdem trauen sie sich nicht.


Oft denke ich dann, dass das etwas mit dem Grundvertrauen der Menschen in sich selbst zu tun haben muss und damit wie sehr sie nur in ihrer Komfortzone leben.
Von klein auf ist mir vermittelt worden, dass mir alle Türen offen stehen. Dass ich selbst entscheiden darf, wohin mein Weg führt. Und dass, egal welche Entscheidung ich fälle, meine Familie hinter mir steht und mich, sofern es eben möglich ist, unterstützt. Daher konnte ich immer viel ausprobieren und habe ein relativ gutes Selbstvertrauen. Ich weiß, dass ich mich auf mich selbst und meine Familie verlassen kann. Ich bin nie allein. Und selbst wenn meiner Familie manche meiner Träume zunächst fremd waren, so haben sie mich doch immer unterstützt. Sie haben mir beigebracht, neugierig zu sein, die Welt sehen zu wollen. Und dass es wichtig ist, Neues auszuprobieren und seine Angst zu überwinden.


Das war für mich immer selbstverständlich. Ich kannte es nie anders. Erst viel später ist mir bewusst geworden, wie viel Glück ich damit hatte. Einige meiner Freunde haben das so nicht erfahren. Ihre Eltern waren nicht so offen für neue Ideen und haben selbst ihre Komfortzone, ihr Dorf, ihr Land, kaum verlassen. Wenn solche Menschen dann neugierig werden und gerne mal etwas anders sehen wollen, dann wissen sie oft garnicht wo sie anfangen sollen. Schon einige Male habe ich erlebt, dass Bekannte von mir daher keine Unterstützung von ihrer Familie erhalten haben. Das macht es für sie umso schwerer. Für mich wirkt es so, als würde sich die Angst ihrer Eltern auf sie selbst übertragen.


Bei meiner Arbeit mit Senioren höre ich oft, dass manche von ihnen ähnliche Träume hatten, wie wir jungen Menschen heute. Doch so manch einem von ihnen ist es passiert, dass sie in ihrer Jugend von der Welt geträumt haben, sie aber doch nie gesehen haben. Aus Angst. Weil es immer hieß, wenn ich dies oder jenes erreicht habe, dann traue ich mich. Dann ist der Moment. Und am Ende, wenn ich sie heute frage, was aus ihren Träumen geworden ist, sagen sie, es wäre nicht so wichtig gewesen. Und insgeheim ist doch so manch einer traurig darüber.


Deshalb versuche ich, meine Freunde zu ermutigen, ihre Träume zu verwirklichen. Mir ist bewusst, dass nicht alles immer sofort geht, dass manche Dinge schlicht unmöglich sind, aber irgendwann ist der Punkt gekommen, da muss man sein Glück selbst in die Hand nehmen und es nicht länger aufschieben. Denn selbst wenn man vielleicht nie im Leben ein Millionär wird oder die ganze Welt verbessert, so wird es vom Nichtstun auch nicht besser. Je länger ich selbst mit etwas warte, desto schwieriger wird es für mich. Um das zu vermeiden, versuche ich, Dinge immer direkt anzugehen, was mir auch nicht immer gelingt. Aber bis jetzt kann ich sagen, dass ich mich besser gefühlt habe, wenn ich etwas versucht habe, anstatt es ganz zu lassen. Selbst wenn es nicht funktioniert hat.
Denn Angst und Scheitern gehören dazu, wenn man wachsen will. Und das ist nicht schlimm. Und das ist etwas, was ich mir dieses Jahr nochmal bewusst machen möchte.

Die Komfortzone verlassen


Meine Komfortzone verlassen. Das ist eines der wenigen Dinge, die ich mir dieses Jahr vorgenommen habe. Meistens bin ich eher zurückgezogen und lebe in einem Rhythmus, der sich Woche für Woche, Tag für Tag wiederholt. Das funktioniert für mich wirklich gut, gibt mir Sicherheit und die Kraft, alles zu schaffen, was ich mir vorgenommen habe.



Trotz aller guten Routinen habe ich aber auch gemerkt, wie wichtig es für mich ist, diesen Rhythmus, diese Komfortzone mal zu verlassen.
Und das klingt definitiv einfacher als es ist. Es bedeutet für jeden einzelnen etwas anderes und muss nicht immer etwas Großes sein.
Bei mir ist es zum Beispiel immer schon ein großer Schritt, wenn ich auf Menschen zugehen muss. Deshalb habe ich mir zuerst vorgenommen, das öfter mal aktiv zu machen.


Mein erster Schritt war, dass ich hinterfragt habe, warum mich die verschiedenen Situationen, in denen ich mit anderen Menschen in Kontakt komme, eigentlich so nervös machen.
Interessanterweise ist mir dabei aufgefallen, dass es mir auf der Arbeit wesentlich leichter fällt, mich zu öffnen als privat. Dort fühle ich mich sicher und geschützt. Dort habe ich eine feste Rolle, die ich erfülle. Diese Rolle gibt mir Sicherheit, weshalb ich dann viel offener sein kann.

Wenn ich hingegen privat auf Leute zugehen muss, fällt es mir jedes Mal unfassbar schwer und manchmal verstehe ich gar nicht warum.


Bei längerem Nachdenken musste ich dann an etwas denken, was eine Bekannte von mir gesagt hat: In jeder Gruppe erfüllen wir eine Rolle, der bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeschrieben werden. In meiner Stufe zum Beispiel habe ich viel organisiert, weshalb auch nach meinem Abi noch viele Mitschüler eher distanziert von mir sind und mich nie so richtig an sich ranlassen. Für die meisten werde ich immer die strenge Organisatorin sein, egal wie sehr ich mich auch bemühe, zu zeigen, dass ich auch anders sein kann. Sobald ich wieder in diese soziale Gruppe komme, erwarten die meisten von mir, dass ich die Rolle der Organisatorin erfülle. Und mir passiert es immer wieder, dass ich auch in genau die Rolle schlüpfe, ohne es bewusst zu wollen. Dadurch, dass sowohl meine Mitschüler als auch ich selbst davon ausgehen, dass ich eben diese bestimmte Rolle erfülle, ist es ziemlich schwierig, anders zu handeln.


Wenn ich darüber nachdenke, hat jeder von uns sehr viele verschiedene Rollen. Mal bin ich ältere Schwester, die um Rat gefragt wird, mal eine langjährige Freundin und mal eine Mitarbeiterin in einem Betrieb.

Das erklärt auch, warum es mir in neuen Gruppen besonders schwerfällt. Dort gibt es noch keine festen Rollen. Das macht mich nervös, denn ich weiß dann nicht, was mich erwartet, wie ich mich verhalten soll. Ich weiß nicht, ob mich die anderen mögen und wie sie sich mir gegenüber verhalten. Das macht mir Angst. Denn das Gefühl in einer Gruppe nicht angenommen zu werden ist einfach schlimm, obwohl es ja klar ist, dass man es nicht allen recht machen kann. Ohne eine Rolle fühle ich mich oft verloren


Da merke ich, dass diese Rollen den Vorteil haben, dass sie Sicherheit schenken und Struktur geben. Außerdem wäre es ja auch irgendwie anstrengend, immer darüber nachzudenken, wie man sich wo verhalten soll.
Der Nachteil ist eben nur, dass man schlecht aus seiner Rolle rauskommt und oft auch vergisst, sich selbst mal zu fragen, inwiefern die verschiedenen Rollen einem selbst überhaupt entsprechen.


Und genau deshalb war das mein erstes Ziel für dieses Jahr. Einerseits, mal die Komfortzone verlassen und andererseits mich auch fragen, wo ich vielleicht so sehr in meiner Komfortzone bin, dass es mir gar nicht mehr entspricht. Denn so sinnvoll die Rollen auch sind, manchmal lohnt es sich doch, sich selbst mal zu fragen, ob sie wirklich gut sind oder man sie nur aus Bequemlichkeit übernimmt. Und außerdem bringt so ein Sprung aus der Komfortzone, so viel Mut und Überwindung er auch erfordert, auch Selbstbewusstsein mit sich. Allein deshalb lohnt es sich schon.

Das größte Geschenk

Für mich ist Weihnachten immer eine der schönsten Zeiten im Jahr. Es ist so gemütlich und einfach schön, gemeinsam Dinge mit der Familie zu unternehmen, Kekse zu backen, Filme zu schauen und Spiele zu spielen.



Seit mein Vater vor drei Jahren verstorben ist, ist alles ein wenig anders. Für mich ist die Zeit immer noch etwas ganz Besonderes, aber es ist sehr viel anstrengender, denn viele Dinge, die er bisher gemacht hat, mache ich nun. Meine Mutter kann das alles überhaupt nicht allein stemmen, sie gibt ihr Bestes und arbeitet jeden Tag hart dafür, dass wir ein tolles Leben haben. Aber einen Vater ersetzen kann sie nunmal nicht. Deshalb versuche ich meinen Geschwistern und meiner Mama trotzdem eine schöne Weihnachtszeit zu bescheren. Ich möchte einfach meinen Teil dazu beitragen, dass es uns allen gut geht.



Ein großer Teil meines Urlaubs ist dieses Jahr dafür draufgegangen. Und so toll es auch ist, wenn das Haus schön aussieht und so viel Spaß mir die einzelnen Dinge auch machen, merke ich trotzdem, dass ich müde bin. Ich bin erschöpft und manchmal wünsche ich mir, dass ich einfach mal ein Kind sein kann zu Weihnachten. Dass jemand anders das Essen an Weihnachten kocht, dass jemand anders die Bescherung vorbereitet, dass jemand anders alles aufräumt, dass jemand anders den Baum aufstellt, dass jemand anders jede Woche frische Kekse backt.



Es fühlt sich einfach alles so verdammt unfair an. Warum wir? Warum? In solchen Momenten würde ich am liebsten schreien. Das Schlimmste daran ist, dass ich nicht mal jemandem die Schuld daran geben kann. Niemand kann das Loch füllen, meinen Vater ersetzen oder mein Leben vor seinem Tod wiederherstellen. Es wird nie wieder so sein wie davor.


Manchmal fühle ich mich damit so allein gelassen. Nach drei Jahren hat so gut wie jeder vergessen, dass der Schmerz um diesen Verlust nie ganz gelindert werden kann. Dass sich das Leben für uns alle drastisch verändert hat. Dass mir ein Stück Kindheit geraubt wurde. Das alles trage ich mit mir herum. Jeden Tag. Mal ist es präsenter und mal mehr im Hintergrund, aber es ist immer da. Und besonders jetzt, wo alle so scheinbar glücklich sind, gemeinsam mit ihrer Familie, ist es schwer zu verstehen, warum es mir so ausgerechnet mir so gehen muss.


Am schlimmsten finde ich dann, wenn Freunde erzählen, wie nervig ihre Familien manchmal sind, besonders an Weihnachten. Ich meine klar, nicht jede Familie ist einfach und jeder trägt sein eigenes Päckchen, aber ganz oft habe ich das Gefühl, dass es viel zu selbstverständlich ist, dass unsere Familie, unsere Eltern, Geschwister oder Großeltern immer da sind. Die Erkenntnis, dass sich das auch schnell ändern kann, kommt bei vielen erst zu spät.


Ich habe mir fest vorgenommen, dass mir das niemals passieren wird. Genau deshalb freue ich mich auch auf das Weihnachtsfest, denn obwohl ein Platz unterm Baum immer leer sein wird, tragen wir meinen Vater im Herzen bei uns und verbringen unsere Zeit gemeinsam. Unser Vater hat uns so vieles mitgegeben, dass nun in uns weiterlebt. Den Geist meines Vaters in meiner Familie zu sehen ist einfach magisch und beschert mir Freude. Deshalb ist es nach wie vor eine schöne Zeit, auch wenn es manchmal schwer ist.


In all dem Weihnachtstrubel ist mir daher auch wieder deutlich geworden, wie wichtig es ist, dass wir uns gegenseitig mehr Zeit schenken. Im Alltag geht das oft unter, jeder muss noch dies oder jenes erledigen und eh man sich versieht, hat man seine Liebsten eine lange Zeit nicht gesehen. Dabei ist die gemeinsame Zeit zu kostbar, man weiß nie, wann es vorbei ist. Deshalb ist mein einziger Weihnachtswunsch an mich selbst dieses Jahr, dass ich mir mehr Zeit nehme. Für all die Menschen, die mir am Herzen liegen. Für gemeinsame Erinnerungen und Erlebnisse. Das ist, was ich mir selbst und jedem anderen nächstes Jahr wünsche. In diesem Sinne ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein aufregendes neues Jahr.