Kindheitserinnerungen

Heute hatten wir in der Tagespflege Besuch von einem Kindergärten. Die Kooperation besteht schon einige Jahre, ist aber wegen Corona die letzten Jahre kaum möglich gewesen. Deshalb war es für mich das erste Mal, dass ich den Besuch miterlebt habe.


Zu Beginn haben wir den Kindern unsere Einrichtung vorgestellt und die Räumlichkeiten gezeigt. Sie durften mal mit einem Rollator und einem Rollstuhl fahren, sich in einen Sessel legen und im Pflegebett hoch und runter fahren. Für mich war es spannend zu sehen, mit welcher Neugier die Kinder alles ausprobierten und kennenlernten. Sie lachten ganz ausgelassen und waren sichtlich begeistert.


Danach ging es zu unseren Gästen. Die Kinder waren sehr aufgeregt, doch die meisten Senioren haben sich gefreut. Man konnte wirklich beobachten, wie Leben in unser Haus einkehrt und sich die Kinder mehr und mehr getraut haben, auf die Senioren zuzugehen und umgekehrt. Am Anfang waren alle eher verhalten, doch mit der Zeit schien der Altersunterschied nichts mehr auszumachen.


Von außen betrachtet, ist es eine tolle Erfahrung, diese Menschen zusammen zu beobachten. Unsere Gäste stehen am Ende ihres Lebens, haben viel erlebt und sind geprägt davon. Die Kinder stehen erst am Anfang ihres Weges und erträumen sich, wie ihr Leben wohl mal werden wird. Sie wissen noch nicht, was sie erleben werden und was sie erwartet. Dabei musste ich auch daran denken, wie oft ich vergesse, dass unsere Gäste auch mal Kinder waren. Auch sie waren mal so jung und unbeschwert, doch nicht alle konnten ihr inneres Kind bewahren vor den Schrecken, die das Leben manchmal bringt.


Gleichzeitig werden auch die Kinder irgendwann alt sein. Sie haben noch viel vor sich und auch sie werden geprägt sein, von dem, was sich in ihrem Leben ereignet. Auch sie werden vielleicht eines Tages vergessen, wie es war, als sie ein Kind waren.


Umso wichtiger finde ich es, dass ich mir selbst immer öfter bewusst erlaube, mal wieder ein Kind zu sein. Irgendwie ist es genau das, was das Leben ausmacht, wie ich an dem Tag gemerkt habe. Kinder schauen einfach anders auf die Welt, sind offener und direkter und irgendwie neugieriger. Sie freuen sich einfacher. Das alles sind Eigenschaften, die ich nie so ganz ablegen möchte und die das Leben bunt machen. Denn auch wenn der Körper altert, so kann die Seele doch jung bleiben. Und genau das ist es, was mir am meisten Spaß macht an meiner Arbeit hier und wobei der Besuch der Kinder hilft. Wenn die Sorgen mal einen Moment zur Seite geschoben werden und einfach mal nur herumgealbert wird. Wenn nur das hier und jetzt wichtig ist. Denn da kommt dann doch mal das Kind in den Gästen zum Vorschein und das ist einfach ansteckend und bereitet eine Menge Freude.

Was wirklich wichtig ist

Was willst du denn nach deinem Bundesfreiwilligendienst machen? Weißt du schon wie es weitergeht? Hast du denn noch keinen genauen Plan? Diese Fragen begegnen mir momentan immer öfter. Mein Bundesfreiwilligendienst neigt sich dem Ende zu und bald ist es an der Zeit, mich zu entscheiden, was ich danach machen möchte.



Bei all den Möglichkeiten fällt es mir nicht leicht zu wählen und so bin ich mir immer noch unsicher, wie es genau für mich weitergeht. Zwar bin ich mir ziemlich sicher, dass es ein Studiengang in Richtung Umweltschutz wird, aber ich habe mich da noch nicht genau entschieden. Deshalb werde ich jedes Mal nervös, wenn mich jemand nach meiner Zukunft fragt, denn die Ungewissheit, die auf mich zukommt, wird mir dann immer wieder vor Augen geführt. Das macht mir irgendwie Angst. Bisher wusste ich immer ungefähr, wie das nächste Jahr aussieht, doch nun ist alles ungewiss. Mir stehen alle Türen offen.


Ich habe die freie Wahl, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. Die Freiheit, die in dieser Entscheidung liegt, ist irgendwie aufregend aber auch beängstigend. Niemand kann mir sagen, was ich mit meiner Zeit und meinem Leben machen soll. Das kann nur ich allein entscheiden.


Deshalb liegt auch eine gewisse Last auf meiner Seele, denn ich weiß, dass die Zeit in meinem Leben begrenzt ist. Ich kann nicht alle Pläne verwirklichen und möchte meine Energie in Dinge investieren, die mir wirklich am Herzen liegen. In einer Zeit voll von Konsum und Dingen, die meine Aufmerksamkeit wollen, fällt es mir aber schwer zu sagen, was mir eigentlich wichtig ist. Was mir wirklich Spaß macht. Oft fühle ich mich überfordert von all dem, was vermeintlich Spaß machen soll. Ich weiß einfach nicht mehr so richtig, was mir eigentlich wichtig ist und womit ich mein Leben füllen möchte.


In meinem Freiwilligendienst habe ich gelernt, dass es nicht wichtig ist, was andere von mir denken und von dem, was ich so mache. Was eigentlich wichtig ist, ist, dass ich selbst am Ende des Tages zufrieden bin mit mir und meinem Leben. Dabei spielt es nur eben auch eine bedeutende Rolle, was ich als Erwachsene mache.




Daher habe ich mir die nächsten Wochen vorgenommen, herauszufinden, was mir eigentlich etwas bedeutet. Was ich gerne mache. Denn nur so kann ich herausfinden, was ich mit meinem Leben machen möchte.

Von Glück getroffen

Die schönsten Dinge passieren oft, wenn man sie am wenigsten erwartet.

Am Flughafen in Istanbul hat mir eine junge Frau geholfen, mich zu orientieren, nachdem ich im Getümmel ziemlich verloren war. Sie hat mich nach einem kurzen Gespräch für meinen letzten Tag in der Türkei zu sich nach Hause eingeladen. Lange war ich unsicher, ob das Angebot wohl ernst gemeint war und ob das eine gute Idee ist, es anzunehmen. Deshalb habe ich mich nicht getraut, sie danach zu fragen. Zum Glück habe ich mich dann einen Tag vorher doch noch überwunden, denn was hatte ich schon zu verlieren. Im schlimmsten Fall wird sie mich halt entführen und umbringen, aber davon ging ich jetzt mal nicht aus, denn ich bin ja noch jung, neugierig, abenteuerlustig und vielleicht ein bisschen gutgläubig.


So kam es, dass ich am Samstagmorgen im Bus nach Kayseri saß, völlig ahnungslos, wohin die Reise ging und was mich erwartet. Bisher war ich nur an sehr touristischen Orten in der Türkei gewesen und es gewohnt, dass die meisten Türken etwas Englisch konnten. Als ich dann aus dem Bus stieg, etwa acht Kilometer von meinem Ziel entfernt, war ich in einer ganz anderen Welt gelandet. Niemand sprach Englisch, ich war der einzige Tourist. Ich bin mir so fremd und falsch vorgekommen wie selten zuvor. Denn ich hatte keine Ahnung, wie ich ins Stadtzentrum kommen sollte oder wie der ÖPNV funktioniert. Nach einigem Hin und Her, großer Verzweiflung und ganz viel Hilfe meiner Freundin und einiger Passanten, hat es dann doch alles geklappt und ich bin gut im Stadtzentrum angekommen.


Dort hat mich meine Bekannte dann abgeholt und mir die wichtigsten Dinge in der Stadt gezeigt. Es war wirklich eine besondere Erfahrung. Nicht nur, dass ich natürlich viel mehr sehen konnte, mit jemandem, der sich auskennt. Besonders schön war einfach, wie offen und freundlich alle Leute plötzlich waren, nachdem sie mich als ihre deutsche Freundin vorgestellt hatte. Viele wollten mir ihre Kultur zeigen und die Sprachbarriere war wie weggewischt, denn sie hat mir alles übersetzt. Dadurch habe ich mich mehr wie ein Teil der Gemeinschaft gefühlt und nicht wie ein Fremdkörper, den alle anstarren. Natürlich habe ich immer noch das Aufsehen einiger Passanten erregt, das war aber jetzt nur noch halb so schlimm.


Nachdem sie mir die Stadt gezeigt hatte, mit allen Moscheen, schönen Ecken und der Kultur, sind wir zu ihr nach Hause gefahren. Ihre ganze Familie war extra gekommen, um mich kennenzulernen und mit mir das tägliche Fastenbrechen im Ramadan zu feiern. Es gab viele traditionelle Speisen und natürlich türkischen Tee. Auch wenn nur einer von ihnen Englisch sprach, waren alle sehr bemüht mit mir zu sprechen und wollten mich unbedingt kennenlernen. Ich habe nicht immer alles verstanden, worüber diskutiert wurde und trotzdem hatte ich das Gefühl, dazuzugehören. Es war überhaupt nicht schlimm, nicht alles zu verstehen. Jeder wollte mich an ihrer Kultur teilhaben lassen, ich durfte mit zum Beten in die Moschee, konnte sämtliche türkische Getränke probieren und alle Traditionen miterleben. Noch nie in meinem Leben habe ich mich derart willkommen an einem Ort gefühlt, wie dort. Nach wenigen Minuten war es wie Zuhause. Als ob ich diesen Ort und die Menschen schon jahrelang kennen würde. Ich hatte das Gefühl auch als Fremde dazuzugehören. Ein solches Erlebnis hatte ich noch nie. Kaum vorstellbar, dass ich vor wenigen Stunden noch einen Gedanken daran verschwenden habe, dass diese Leute gefährlich sein könnten. Denn jetzt fühlte ich mich sicher und geborgen, einfach gut aufgehoben und behütet. Ich war einfach glücklich.


Nur wie das an solchen Abenden immer so ist, verging die Zeit natürlich viel zu schnell. Wir haben gelacht, getanzt und gespielt und ehe ich mich versah, war es Zeit zu gehen. Nach vielen Umarmungen, Geschenken und Abschiedsworten musste ich dann doch in den Flieger steigen. Und so schnell, wie ich in diese Gemeinschaft hineingeraten bin, so schnell wurde ich auch wieder aus ihr herausgerissen. Dafür war ich nicht bereit. Nach diesem Abend voller Eindrücke und neuer Freunde wollte ich nicht einfach nach Hause, wo alles so gewöhnlich war. Das war zu früh, zu wenig Zeit, um alles zu verarbeiten, anzukommen.


Und so hatte ich Zuhause doch mal wieder Heimweh und das war so ehrlich nicht gedacht. Meine Gedanken hängen sehr an diesem Abend und bei den Menschen, insbesondere bei meiner Freundin, die mich so herzlich mitgenommen hat. Die mir alles gezeigt hat. Bei der ich mich so Zuhause gefühlt habe.


Vor meiner Reise hatte ich Angst, wie die Leute und das Land wohl sein würden. Ob sie mir freundlich begegnen würden, als Fremde. Doch jetzt, nur eine Woche später, bin ich begeistert von den Menschen, von ihrer Freundlichkeit, ihrer Gemeinschaft. Eine Begegnung am Flughafen begleitet von etwas Neugier und Mut hat meine ganze Reise verändert. Hat mich verändert. In dem Moment, als mich eine Fremde angesprochen hat, war ich verzweifelt und allein. Aus diesem Moment sind viele Momente des Glücks entstanden. Momente der Erfüllung. Und neue Freunde. So im Nachhinein betrachtet, hat mich das Glück tatsächlich unerwartet getroffen. So unerwartet, dass ich bis jetzt noch nicht ganz verarbeitet habe, wie prägend der Tag war. Denn eins ist klar, es war einer der schönsten Tage meines Lebens.

Ein Teil meines Herzens

Mit jedem Abschied blutet mein Herz ein bisschen. Hätte mir am Anfang der Woche jemand gesagt, dass ich traurig zurück nach Hause zu müssen, hätte ich es nicht geglaubt.


Jetzt am Ende meiner Woche bin ich traurig zu gehen, traurig, dass mein Abenteuer wieder vorbei ist. Ich konnte wahnsinnig tolle Orte sehen, Dinge erleben und einzigartige Menschen kennenlernen. Und auch wenn es vielleicht kein Abschied für immer ist, so fühlt es sich doch wie einer an. Ich weiß nicht, ob ich diesen Ort je wieder sehen werde. Ob ich nochmal im Morgengrauen aufstehe, um hunderte Heißluftballons bei Sonnenaufgang zu beobachten. Ob ich noch einmal durch diese wunderschönen Felsformationen klettern kann. Nochmal mit den Menschen Wein bei Sonnenuntergang trinken kann. Mit ihnen lachen kann.


Das Tolle am Reisen allein ist, dass ich anderen Menschen viel näher komme. Ich kann mich nicht so leicht abkapseln, wie mit meiner Familie oder als Paar. Ich öffne mich viel mehr, in viel kürzerer Zeit. Ich zeige mich verletzlicher, ehrlicher. Und am Ende kann ich selbst nicht glauben, die Leute erst seit ein paar Tagen zu kennen. Es ist, als würde die gemeinsame Erfahrung ein Band knüpfen, was nicht vergleichbar ist mit etwas anderem. Und deshalb tut es auch besonders weh, die Leute ziehen zu lassen, in dem Wissen, dass man sich wahrscheinlich nie wieder sieht.


Es ist wie so oft im Leben. Dinge kommen und gehen. Nichts ist für immer, natürlich nicht. Und trotzdem wünsche ich mir zumindest für ein paar Minuten, dass es anders wäre. Dass ich die Zeit einmal kurz anhalten kann. Auf den Stopp-Knopf drücken kann, um einfach mal innezuhalten.


Denn dann wird mir klar, dass ich nicht nur einen Teil meins Herzen hier lasse, sondern dass ich auch einen Teil mitnehme. Ich habe einmal gelesen, dass selbst wenn ein Mensch nicht mehr Teil meines Lebens ist, ich trotzdem einige seiner Angewohnheiten in mein Leben übernehme. Wenn ich so darüber nachdenke, stimmt das. Ich trage meine Tshirts noch genauso, wie es mir eine Freundin in Costa Rica gezeigt hat. Ich liebe immer noch die Bücher, die mir meine Schulfreundin empfohlen hat. Ich spreche manche Worte immer noch so aus, wie zwei meiner Bekannten es mir im Urlaub erklärt haben. Denn auch wenn ich nun kaum noch Kontakt zu diese Menschen habe, so haben sie mich doch geprägt.


Genauso ist es mit meiner Zeit hier. Die Erfahrungen haben mich verändert, selbst wenn es nur eine Woche war. Ich habe keine Angst mehr alleine zu verreisen, weil ich weiß, dass ich mich auf mich selbst verlassen kann. Dass es immer wundervolle Menschen gibt. Dass nach jedem Tief auch ein Hoch kommt. Deshalb macht mich jeder Abschied unfassbar dankbar, für das, was ich erleben durfte. Und dafür, dass ich wachsen konnte. Ich bin dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, hier zu sein und dass ich mich getraut habe. Denn das ist nicht selbstverständlich.

Frei der Intuition folgen

Mein erster Tag in Göreme war schön. Bei Nieselregen habe ich mich auf den Weg gemacht ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Ich bin einfach dorthin gegangen, wo es schön oder interessant aussah. An den bekannteren Sehenswürdigkeiten, wie dem Göreme Open Air, war es etwas voller, aber ansonsten war es echt leer. Deshalb habe ich mir einige der Feenkamine und der Höhlen angeschaut, bin in der Landschaft rumgestreift und habe mich einfach treiben lassen. Dabei konnte ich einige schöne Dinge und Ausblicke entdecken, die hinter jeder Ecke versteckt sind.


Auch am zweiten Tag bin ich wieder gewandert, zum Uchisar Castle und dem Pigeon Valley. Auch hier gab es hinter jeder Ecke einen schönen Ausblick und etwas Neues zu entdecken. Trotzdem war es manchmal etwas gruselig, alleine durch die Landschaft zu wandern, nur begleitet von ein paar streunernden Hunden. Denn trotz der traumhaften Wanderwege nehmen die meisten lieber das Auto, insbesondere weil es momentan recht kühl ist. Dafür hatte ich aber die schönsten Schluchten ganz für mich allein, was irgendwie magisch ist. Ich habe mir alle Zeit der Welt genommen, um alles zu entdecken und zu bewundern. Ich hatte Zeit. Niemand hat mich gehetzt. Ich konnte alles so lange bestaunen wie ich wollte.


Auf dem Rückweg ging es dann an der Straße entlang zurück, aber ich konnte mich nicht zurückhalten, auch hier einige Abstecher zu machen, an die Ränder der Täler. Auch wenn mich das ganz sicher einige Kilometer extra gekostet hat, war es einfach wunderschön, so allein herumzuziehen.


Nur manchmal fehlt mir jemand, mit dem ich meine Gefühle teilen kann. Jemand, mit dem ich singen kann, die Nase in die Sonne halten und vor Freude und Überwältigung weinen kann. Mit dem ich mein Staunen teilen kann. Insbesondere weil hier nur wenige allein unterwegs sind, ist es schwer, Kontakte zu knüpfen und Anschluss zu finden.


Und trotzdem bin ich positiv überrascht davon, wieviel Spaß es mir macht, alleine zu verreisen. Dieses Gefühl der Freiheit ist einfach unbeschreiblich. Jeden Tag auf’s Neue kann ich entscheiden, was ich aus dem Tag machen möchte. Und auch wenn ich nicht mein Leben lang alleine verreisen möchte, so würde ich es doch hin und wieder mal machen, einfach weil es mir gut tut, Zeit mit mir selbst zu verbringen. Die Freiheit zu genießen. Das ist sicher nicht Jedermanns Sache, aber für mich ist es eine große Bereicherung.

Unverhoffte Menschlichkeit

Istanbul. Ich bin komplett allein am Flughafen. Mein erster Flug in die Türkei war ganz okay, aber dann musste ich umsteigen. Der Flughafen ist groß und super unübersichtlich. Ich muss ein zweites Mal durch den Sicherheitscheck. Das kam irgendwie unerwartet. Diesmal werden andere Sachen kontrolliert als in Deutschland und ich muss meine Tasche umräumen. Ich bin gestresst. Ich habe Angst. Ich bin überfordert.



Endlich am Gate angekommen, hat der Flug Verspätung, aber die Durchsagen kommen immer erst auf türkisch, sodass danach das aufgeregte Gerede der anderen bei den englischen Durchsagen so laut ist, dass ich nichts verstehen kann.. Ich bin total am Ende. Müde. Erschöpft. Allein. Ich weiß nicht wohin mit mir. Ich weiß nicht, wann es weitergeht.


In diesem Moment spricht mich eine junge Türkin an, die offensichtlich meine Verzweiflung gesehen hat. Sie übersetzt mir, was in den Durchsagen gesagt wurde und verwickelt mich in ein Gespräch, das mich gut von meiner Erschöpfung ablenkt. Sie erzählt mir, dass sie weiß wie ich mich fühle. Sie hat letztes Jahr Erasmus in Rumänien gemacht und kennt dieses Gefühl der Überforderung. Sie hat mir meine Gefühle nicht abgesprochen, sondern mir das Gefühl gegeben, dass es okay ist. Dass es jetzt gerade zwar beschissen ist, aber wieder besser wird.


Ich bin ihr sehr dankbar für das, was sie für mich getan hat. Es mag wie eine Kleinigkeit erscheinen, aber für mich war es die Welt in dem Moment. Sie hat mich beruhigt und danach war ich tatsächlich recht entspannt, auch wenn ich müde war. Ich wusste, dass da jemand ist, den ich ansprechen konnte. Das hat mir Sicherheit gegeben.


An diesem Abend wurde ich wieder einmal überrascht von der Menschlichkeit, die oft so unerwartet kommt. Viel zu oft habe ich erlebt, dass es mir offensichtlich schlecht ging und mir niemand geholfen hat. Das war hier ganz anders. Viele Menschen haben mir geholfen. Und das macht mich froh. Ich finde es schön, dass es Menschen gibt, denen es nicht egal ist. Die nicht wegschauen. Vor meiner Reise waren mir die Menschen und die Kultur hier fremd. Jetzt weiß ich, dass die Türkei tatsächlich ein Ort voller Menschlichkeit ist, voller Leben, voller Schönheit. Allein deshalb schon hat sich die Reise gelohnt.

Angst vorm Unbekannten

Da ist sie wieder. Die Angst davor, allein zu verreisen. Und der Gedanke, was ich mir eigentlich dabei gedacht habe. Wie dumm das alles ist. Dass ich am liebsten Zuhause bleiben würde.


Am Sonntag geht es für mich los in die Türkei für eine Woche. Eigentlich ein echtes Traumziel, denn auch wenn es dort momentan Winter ist, ist die Landschaft in Kappadokien einfach faszinierend und wunderschön. Als ich den Urlaub gebucht habe, habe ich mich sehr gefreut und war zuversichtlich, dass ich mich dieses Mal sehr darauf freuen kann, alleine wegzufahren, weil ich das Gefühl ja jetzt schon kenne.


Und trotzdem würde ich momentan am liebsten hier bleiben. Das Unbekannte macht mir Angst. Ich weiß nicht, was auf mich zukommt, ob alles gut verläuft. Das Einzige, was ich weiß ist, dass ich alle Herausforderungen allein bewältigen muss. Ich kann mich nicht erst mit jemandem beraten, sondern muss das meiste alleine entscheiden. Das bringt natürlich auf der anderen Seite auch eine gewisse Freiheit mit sich. Ich kann tun und lassen, was immer ich möchte, was ja irgendwie auch schön ist. Sich nach niemandem richten zu müssen, ist einfach sehr selten und vielleicht ist es auch genau das, was mir Angst macht. Diese Verantwortung, selbst zu entscheiden, ist neu, ganz ungewohnt. Insbesondere weil ich mich ja in einem fremden Land nicht auskenne, die Sprache nicht spreche und niemanden kenne.


So merke ich doch mal wieder, dass das Reisen nicht immer einfach ist. Es gibt eben auch Schattenseiten, wie meine Angst, die mir jegliche Vorfreude raubt. Leider vergessen das die meisten. Andererseits gibt es bereits so viele andere Menschen vor mir, die das alles schon gemacht und geschafft haben. Die sicher auch Angst hatten, die sie aber nicht aufgehalten hat. Allein Reisen ist ja kein unschaffbares Mysterium, sondern eine durchaus machbare Herausforderung. Meine Angst ist durchaus normal und ich bin damit nicht allein. Das versuche ich mir immer wieder vor Augen zu führen, auch wenn das gar nicht so leicht ist. Um meiner Angst etwas entgegenzuwirken, versuche ich außerdem, alles schon etwas zu planen, damit ich nicht ganz ohne Plan da stehe. Das macht die Angst etwas kleiner, auch wenn sie nicht ganz weggehen wird. Das weiß ich ganz sicher. Aber ich bin auch fest entschlossen, mir nicht alle Vorfreude nehmen zu lassen. Denn ganz ehrlich, dann würde ich mir das Schönste der Reise schon wegnehmen lassen.

Tiefe Verbundenheit

Nach dem Abschluss geht jeder seinen eigenen Weg. So war es auch bei mir und meiner engsten Schulfreundin. Wir sind bereits seit der siebten Klasse so etwas wie beste Freunde gewesen und haben mal mehr und mal weniger alles miteinander geteilt. Nach unserem Abiball haben sich unsere Wege dann vorerst getrennt. Sie ist studieren gegangen und ist umgezogen und ich bin eben Zuhause geblieben für einen Freiwilligendienst. Dadurch haben wir uns die letzten Monate nur sporadisch gesehen. Oft liegen Monate zwischen den Treffen, einfach weil so viel anderes ansteht und die Entfernung dann doch weiter ist als nur mal eben zehn Minuten.



Im Alltag fällt es oft gar nicht so auf, wenn wir uns länger nicht sehen, aber jedes Mal, wenn es dann doch mal klappt, merke ich, wie sehr mir das eigentlich gefehlt hat. Jeder von uns hat mittlerweile sein eigenes Leben und es gibt Dinge aus dem Leben des anderen, die man einfach nicht mehr so verstehen kann. Aber die grundlegenden Chemie stimmt. Denn so sehr kann sich ein Mensch dann doch nicht verändern. Sie kennt meine tiefsten Geheimnisse, meine dunkelsten Zeiten und andersherum. Es gibt keinen Menschen, der mich so gut kennt, dem ich so sehr vertrauen kann. Jedes Mal, wenn wir uns sehen, dauert es eine Weile, bis wir in tiefere Themen einsteigen können, aber dennoch fühle ich mich verstanden, gewollt und nicht so, als müsste ich irgendwas verstecken. Bei jedem Treffen fühle ich mich aufgetaut und irgendwie ganz anders.



Auch wenn ich mich bei meinen anderen Freunden wirklich wohl fühle, ist es mit ihr irgendwie nochmal anders. Einfach tiefer. Vielleicht liegt es daran, dass wir in der Schule so viel Zeit miteinander verbracht haben oder daran, dass wir einige der prägensten Momente gemeinsam erlebt haben, aber so eine Vertrautheit habe ich nur selten erlebt.


Mir war nie bewusst, wie sehr die Freundschaft mich und mein Leben geprägt hat, aber es hat bis heute definitiv einen riesigen Einfluss auf mich. Irgendwie finde ich das schön. Ich mag diese tiefe Verbundenheit, auch wenn ich sie nicht immer haben kann, denn sie bedeutet mehr als zig lose Verbindungen zu anderen. Ich bin dankbar, dass ich solche Menschen in meinem Leben habe. Das macht es erst besonders.

Ein unfreiwilliges Jahr

Während meines Bundesfreiwilligendienstes bin ich häufig mit der Diskussion in Kontakt gekommen, ob ein Freiwilligendienst nach der Schule zur Pflicht werden soll, so wie früher der Wehrdienst. Wir als Freiwillige wurden immer wieder gefragt, was wir selbst davon halten und haben das Für und Wider schon oft abgewogen.



Interessanterweise sind wir uns recht schnell einig geworden. So gut es uns allen gefällt, finden wie eine Pflicht nicht den richtigen Weg. Ich persönlich finde es schön, dass ich selbst entscheiden konnte, was ich nach der Schule mache und diese Freiheit sollte meiner Meinung nach auch für die nächsten Jahrgänge bestehen bleiben.
Auf der anderen Seite bringt ein Freiwilligendienst aber natürlich auch positive Aspekte mit sich. Sowohl für die Freiwilligen als auch für die Gesellschaft. Man selbst profitiert in den meisten Fällen von den Erfahrungen in dieser Zeit und kann einiges für sein späteres Leben mitnehmen. Die Gesellschaft hat auch etwas davon, denn einerseits bekommen auf diese Weise junge Menschen Einblicke in Tätigkeiten, die die Gesellschaft zusammenhalten, andererseits können einige Institutionen entlastet werden. Als Freiwilliger ist man zwar keine volle Arbeitskraft, kann aber dennoch eine gute Unterstützung sein.


Wenn ein Freiwilligendienst aber Pflicht werden würde, dann müsste jeder sich engagieren. Auch Menschen, die das überhaupt nicht möchten. Bestimmt würde es einigen trotzdem gefallen. Anderen aber eben nicht. Und egal wie engagiert man ist, wenn man keine Lust auf seinen Job hat, wirkt sich das auch schnell auf das Umfeld aus. Das bringt dann weder den Einrichtungen noch den jungen Menschen etwas. Insbesondere dann, wenn jemand bereits einen festen Plan hat, was er beruflich machen möchte, finde ich es gut, dass das auch ohne Unterbrechung möglich ist.


Nichtsdestotrotz fände ich es toll, wenn sich mehr Menschen für einen Freiwilligendienst entscheiden würden. Denn wie eben schon gesagt, bringt das für beide Seiten viele Vorteile mit sich. Ich selbst würde meine Zeit in der Tagespflege nicht missen wollen. Trotz meiner anfänglichen Skepsis liebe ich es, Momente mit unseren Gästen zu teilen und meinen Teil dazu beizutragen, dass sie eine schöne Zeit haben. Und solche Erfahrungen würde ich jedem wünschen. Trotzdem kann ich verstehen, dass der Großteil keine Lust auf einen Freiwilligendienst hat. Die Bezahlung ist für einen Vollzeitjob selbst als Hilfskraft nunmal schlecht und in einigen Einrichtungen werden die Freiwilligen wirklich schlecht behandelt. Das rückt das Jahr in ein schlechtes Bild, was einfach schade und ungerechtfertigt ist. Deshalb würde ich mir wünschen, das zum einen die Bedingungen für ein freiwilliges Jahr verbessert werden und zum anderen, dass mehr Werbung dafür gemacht wird. Dann würden sich vielleicht mehr Leute dafür entscheiden und das wäre für alle ein Gewinn.

Angst vorm Scheitern

Am Anfang dieses Jahres habe ich mich gefragt, was ich dieses Jahr gerne erleben und machen möchte. Was ich bis zum Ende des Jahres erreichen möchte. Wie ich schon im letzten Blog angesprochen habe, war es mir dabei besonders wichtig, mal über mich hinauszuwachsen. Dinge zu tun, die mich Überwindung kosten.



Neben vielen kleinen Dingen, habe ich entschieden, auch eine etwas größere neue Sache zu probieren. Ich möchte alleine verreisen. Und zwar nicht wie letztes Jahr nach Costa Rica mit einer Organisation, sondern so richtig alleine. Um das Ganze etwas leichter zu machen, habe ich mich erstmal nur für einen Zeitraum von einer Woche entschieden. Denn ganz ehrlich, ich weiß überhaupt nicht, was mich erwartet, auf was ich achten muss und was ich dann wirklich mit meiner Zeit dort mache. Ich bin völlig ahnungslos und das macht mir dann doch ziemlich Angst, auch wenn das Reiseziel echt traumhaft ist.


Als ich mit einigen meiner Bekannten darüber gesprochen habe, kam dann oft die Reaktion „wow, wie cool, das würde ich mich nie trauen“. Aber warum eigentlich nicht? So oft habe ich mich schon gefragt, warum sie so eine Reise eigentlich nicht selbst machen. Vielen würde das bestimmt ungeheurer viel Spaß machen und sie würden viel lernen.


Am Geld liegt es bei ihnen nicht, denn ganz ehrlich, besonders teuer wird mein Urlaub auch nicht, denn das könnte ich mir überhaupt nicht leisten. An der Zeit ebenfalls nicht, denn so eine Woche kann jeder von ihnen im Jahr entbehren. Und trotzdem trauen sie sich nicht.


Oft denke ich dann, dass das etwas mit dem Grundvertrauen der Menschen in sich selbst zu tun haben muss und damit wie sehr sie nur in ihrer Komfortzone leben.
Von klein auf ist mir vermittelt worden, dass mir alle Türen offen stehen. Dass ich selbst entscheiden darf, wohin mein Weg führt. Und dass, egal welche Entscheidung ich fälle, meine Familie hinter mir steht und mich, sofern es eben möglich ist, unterstützt. Daher konnte ich immer viel ausprobieren und habe ein relativ gutes Selbstvertrauen. Ich weiß, dass ich mich auf mich selbst und meine Familie verlassen kann. Ich bin nie allein. Und selbst wenn meiner Familie manche meiner Träume zunächst fremd waren, so haben sie mich doch immer unterstützt. Sie haben mir beigebracht, neugierig zu sein, die Welt sehen zu wollen. Und dass es wichtig ist, Neues auszuprobieren und seine Angst zu überwinden.


Das war für mich immer selbstverständlich. Ich kannte es nie anders. Erst viel später ist mir bewusst geworden, wie viel Glück ich damit hatte. Einige meiner Freunde haben das so nicht erfahren. Ihre Eltern waren nicht so offen für neue Ideen und haben selbst ihre Komfortzone, ihr Dorf, ihr Land, kaum verlassen. Wenn solche Menschen dann neugierig werden und gerne mal etwas anders sehen wollen, dann wissen sie oft garnicht wo sie anfangen sollen. Schon einige Male habe ich erlebt, dass Bekannte von mir daher keine Unterstützung von ihrer Familie erhalten haben. Das macht es für sie umso schwerer. Für mich wirkt es so, als würde sich die Angst ihrer Eltern auf sie selbst übertragen.


Bei meiner Arbeit mit Senioren höre ich oft, dass manche von ihnen ähnliche Träume hatten, wie wir jungen Menschen heute. Doch so manch einem von ihnen ist es passiert, dass sie in ihrer Jugend von der Welt geträumt haben, sie aber doch nie gesehen haben. Aus Angst. Weil es immer hieß, wenn ich dies oder jenes erreicht habe, dann traue ich mich. Dann ist der Moment. Und am Ende, wenn ich sie heute frage, was aus ihren Träumen geworden ist, sagen sie, es wäre nicht so wichtig gewesen. Und insgeheim ist doch so manch einer traurig darüber.


Deshalb versuche ich, meine Freunde zu ermutigen, ihre Träume zu verwirklichen. Mir ist bewusst, dass nicht alles immer sofort geht, dass manche Dinge schlicht unmöglich sind, aber irgendwann ist der Punkt gekommen, da muss man sein Glück selbst in die Hand nehmen und es nicht länger aufschieben. Denn selbst wenn man vielleicht nie im Leben ein Millionär wird oder die ganze Welt verbessert, so wird es vom Nichtstun auch nicht besser. Je länger ich selbst mit etwas warte, desto schwieriger wird es für mich. Um das zu vermeiden, versuche ich, Dinge immer direkt anzugehen, was mir auch nicht immer gelingt. Aber bis jetzt kann ich sagen, dass ich mich besser gefühlt habe, wenn ich etwas versucht habe, anstatt es ganz zu lassen. Selbst wenn es nicht funktioniert hat.
Denn Angst und Scheitern gehören dazu, wenn man wachsen will. Und das ist nicht schlimm. Und das ist etwas, was ich mir dieses Jahr nochmal bewusst machen möchte.