Im März habe ich mich kurzfristig entschlossen, mein zweites Praktikum schon in den Semesterferien im Sommer zu machen, damit ich im Winter genug Zeit für meine Bachelorarbeit habe. Als ich dann nach Praktikumsplätzen geschaut habe, war mir der Schwerpunkt der Klinik egal, da ich so spät dran war und froh sein konnte, wenn ich überhaupt noch einen Platz finden würde. Dementsprechend habe ich mich bei jeder Klinik im Sauerland, meiner Heimat, beworben und dabei wenig darauf geachtet, was für eine Art von Klinik es eigentlich ist. Als ich dann im April die Zusage für einen Praktikumsplatz in einer Rehaklinik für Suchterkrankte bekommen habe, war ich erstmal erleichtert, einen Platz gefunden zu haben.
Als das Praktikum dann im August losging und ich der Station für „Drogenabhängige“ zugeteilt wurde, merkte ich aber schnell, dass ich an einem besonderen Ort gelandet war. Zum einen werden Suchtpatienten in der Reha relativ lange behandelt, zwischen 12 und 22 Wochen, was bedeutet, dass man die Möglichkeit hat, die Patienten und ihre Geschichte in dieser Zeit sehr intensiv kennenzulernen und gleichzeitig auch ihre Entwicklung beobachten kann. Andererseits sind Suchtpatienten, besonders bei Drogensucht, auch Menschen mit einem vielfältigen Hintergrund. Viele leiden zusätzlich an anderen psychischen Erkrankungen, haben eine bewegende Vergangenheit, einige stammen schon aus Familien mit Suchterkrankungen, manche kämpfen schon sehr lange mit ihrer Erkrankung, andere erkennen sie noch nicht richtig an und wieder anderen fehlt die Motivation, tatsächlich etwas bei sich zu verändern. Kurz gesagt: obwohl all diese Menschen eines verbindet – ihre Suchterkrankung – könnten sie oft nicht verschiedener sein. Das hat die Arbeit dort spannend gemacht, da man sehr individuell auf die einzelnen Patienten schauen musste und so gut wie jeder eine bewegende Lebensgeschichte mitgebracht hat.
Gleichzeitig war ich am Anfang sehr verunsichert. Mit den meisten Drogen war ich in meinem Leben noch nie in Kontakt gekommen. Außer Alkohol habe ich selbst keine Substanzen konsumiert und selbst den Konsum von Tabak und Cannabis habe ich nur bei anderen beobachtet. Wenn ich an Drogenabhängige gedacht habe, waren das für mich irgendwelche finsteren, zum Teil auch gefährlichen Typen, die am Bahnhof in der Ecke lauern und dabei vielleicht sogar noch kriminell sind. Und einige dieser Klischees haben sich zumindest nicht als komplett unbegründet erwiesen. Der Großteil der Patienten war männlich und zwischen 20 und 40 Jahre alt. Einige von ihnen waren sehr impulsiv, unter Drogenkonsum auch aggressiv und sind durch ihre Abhängigkeit auch in die kriminelle Szene gerutscht. Aber etwas, was ich hinter all meinem Klischee-Denken davor oft vergessen habe und in meiner Zeit dort lernen konnte, ist, dass all das auch Menschen sind. Menschen mit einer Geschichte, mit Gefühlen, Gedanken und Sorgen. Menschen, denen schlechte Dinge widerfahren sind, die Entscheidungen getroffen haben, die im Nachhinein verheerende Konsequenzen gehabt haben, in dem Moment selbst aber vielleicht als der einzige Ausweg erschienen sind. Und vor allem sind das Menschen, die noch so viel mehr sind als „nur“ ihre Erkrankung. Natürlich wird die Erkrankung immer ein Teil von ihnen bleiben. Das Tragische an Suchterkrankungen ist nunmal, dass sie chronisch sind und nie vollends verschwinden. Gleichzeitig sind sie aber nicht das einzige, was diese Menschen ausmacht. Das war eine wirklich wertvolle Erkenntnis. In den sechs Wochen, in denen ich da war, konnte ich viele spannende Menschen kennenlernen. Ich konnte auch von den Patienten noch eine Menge lernen und mitnehmen und bin dankbar, dass sie mich an ihrer Geschichte und ihrem Leben haben teilhaben lassen und mir eindrucksvoll gezeigt haben, dass noch so viel mehr in ihnen stecken kann.
Eine Sache, die ich allerdings auch gelernt habe, ist es, wie wichtig es ist, die Patienten ihren eigenen Weg gehen zu lassen. Oft ist es von außen (& aus therapeutischer Sicht) scheinbar einfach, den vermeintlich richtigen Weg – in diesem Fall ohne Drogen – zu sehen, den die Patienten gehen können. Allerdings können Therapeuten diese Entscheidungen nicht treffen, sondern die Patienten lediglich auf ihrem Weg begleiten. Denn welchen Weg sie gehen möchten, das liegt allein bei ihnen. Es mag von außen betrachtet dann nicht immer „der beste Weg“ sein, aber es liegt nicht nur in meiner Macht, Entscheidungen gegen den Willen dieser Erwachsenen zu treffen und sie zu bevormunden, solange sie noch in der Lage sind, eigene Entscheidungen zu treffen. Sie sind ein Stück weit verantwortlich dafür, was mit ihrem Leben passiert und wenn sie Hilfe benötigen und auch annehmen wollen, dann gebe ich mein Bestes, sie dabei zu unterstützen. Möchten sie das allerdings nicht, so ist das auch in Ordnung und sogar ihr gutes Recht. Es ist ihre Entscheidung und vielleicht ist der ein oder andere einfach noch nicht so weit, die Hilfe wirklich anzunehmen und das Leben zu verändern. Ich kann ihnen dann meinen Rat und meine Unterstützung anbieten und muss lernen zu akzeptieren, dass es auch Menschen geben wird, die sich nie für einen Weg aus der Suchterkrankung entscheiden werden. Das ist mir immer wieder schwer gefallen, weil ich in diesen oft noch jungen Menschen so viel Potential für ein „normales“ und glücklicheres Leben gesehen habe, sich diese Menschen aber nicht immer für ein Leben ohne Drogen entscheiden konnten und wollten. Das zu sehen, war manchmal sehr schmerzhaft.
Trotzdem hat mich das Praktikum viel weiter gebracht. Es hat mir eine wirkliche Freude bereitet mich den Patienten dort zusammenzuarbeiten. Viele von ihnen sind ganz sicher nicht das, was man als „leichte Patienten“ bezeichnen würde und das kann frustrierend sein. Auf der anderen Seite ist es dann umso schöner zu sehen, wenn die Menschen dort Fortschritte machen und das, obwohl sie zum Teil wirklich ziemlich unvorteilhafte Startbedingungen hatten und zu Beginn nicht motiviert waren, ihr Leben zu verändern. Besonders schön fand ich es auch, so viele Menschen und ihre oft auch berührenden Geschichten kennenzulernen und sie ein Stück auf ihrem Lebensweg begleiten zu dürfen. Dadurch durfte ich mal wieder lernen, dass diese Menschen so viel mehr sind als ihre Erkrankungen und das dahinter so viel mehr steht als einfach nur „Schwäche“ und „Faulheit“.
Wenn ich heute an Menschen mit Suchterkrankungen denke, denke ich nicht mehr nur an finstere Typen am Bahnhof. Vielmehr denke ich an all die Menschen, mit ihren verschiedenen Schicksalen und frage mich, was bei dem einzelnen wohl der ausschlaggebende Punkt war, zu einem Suchtmittel zu greifen. Neben meiner Vorsicht ist da nun auch eine stärker werdende Neugier und der Wunsch, diesen Menschen eine helfende Hand zu reichen, wenn sie dafür bereit sind. & damit meine ich nicht nur Hilfe im Sinne von therapeutischer Hilfe zur Abstinenz, sondern auch für die Menschen, die dafür noch nicht bereit sind. Dieses Gefühl, dass ich dann empfinde, zeigt mir auch wieder, dass ich vielleicht doch den klinischen Weg in meinem Master einschlagen möchte, um irgendwann wirklich eine Person zu sein, die Menschen wie diesen auch therapeutisch helfen kann. Und das ist ein Gefühl, was mir Kraft und Mut für meinen weiteren (noch sehr langen) Weg bis dahin gibt.