
Am letzten Wochenende war ich für ein Auswahlseminar für ein Stipendium eingeladen. Dort wollte die Stiftung, bei der ich mich beworben hatte, uns Bewerber näher kennenlernen, um besser entscheiden zu können, wer für eine Förderung geeignet ist. Am Freitagabend sollten wir alle am Seminarort sein, damit wir noch ausreichend Zeit haben, in Ruhe anzukommen, bevor Samstag dann das Auswahlverfahren losging.
Dementsprechend habe ich Freitag meine Sachen gepackt und versucht, mich noch ein bisschen zu entspannen. Irgendwie war ich ziemlich aufgeregt und hatte große Angst vor dem Seminar. Im Vorhinein habe ich einige nicht so schöne Geschichten gelesen, von Konkurrenzkampf unter den Bewerbern und unfreundlichen Kommissionsmitgliedern, weshalb ich keine große Lust auf das Wochenende hatte.
Außerdem gab es ausgerechnet an diesem Wochenende einen starken Wintereinbruch in Bayern, sodass schon am Freitagnachmittag die ganze Landschaft mit Schnee bedeckt war und die Autofahrt beschwerlich und langsam voran ging.
Deshalb war ich dann doch ziemlich froh, als ich endlich die Einfahrt zur Jugendherberge heruntergerutscht war und es losgehen konnte. Ziemlich nervös bin ich ins Haus gegangen, unsicher, was mich erwartet, allein mit dem Gedanken, mein Bestes zu geben, aber dabei trotzdem andere Menschen kennenzulernen, ihnen eine Chance zu geben.
Drinnen angekommen, haben sich meine Befürchtungen glücklicherweise überhaupt nicht bestätigt. Natürlich hat sich jeder die Hoffnung gemacht, derjenige sein zu können, der gefördert wird, aber trotzdem war niemand unfreundlich und es gab keinen offenen Konkurrenzkampf. Stattdessen habe ich mich am ganzen Wochenende mit vielen Mitbewerbern unterhalten können, was unfassbar spannend war. Jeder dort ist irgendwie auf seine Art und Weise besonders. Viele sind sehr engagiert, bunt interessiert und aus sehr vielen verschiedenen Fachbereichen. Jeder hat eine tolle einzigartige Geschichte, sodass ich im Laufe des Wochenendes sehr froh war, dass ich die Entscheidung, wer gefördert werden kann, nicht treffen muss. Denn jeder einzelne dort hätte es verdient, davon bin ich überzeugt.
Am Freitagabend ging es dann mit einer Vorstellungsrunde der Auswahlkommission und ein bisschen Kennenlernen los. Außerdem wurden wir schon in Gruppen von sechs Personen unterteilt.
Am Samstag musste jeder von uns ein kurzes Referat in seiner Gruppe über ein beliebiges kontroverses Thema halten und anschließend eine Diskussion darüber anleiten. Die Diskussionsrunden waren, obwohl wir beobachtet wurden, immer interessant. Viele der Themen, die wir diskutiert haben, zum Beispiel Noten im Schulsystem und Ernährung und Klima, sind in der Gesellschaft immer wieder präsent und doch setzt man sich viel zu selten zusammen, um darüber zu sprechen, um mal eine andere Sichtweise kennenzulernen. Jedes Mal aufs Neue war ich überrascht, wie viel über ein Thema mir noch unbekannt war und wie viele Gesichtspunkte es dazu gibt. Deshalb habe ich mich am Ende sogar auf die Diskussionsrunden gefreut, auch wenn der Druck natürlich nie ganz weg war.
Neben den Diskussionen hatte jeder von uns noch zwei Gespräche mit je einem Mitglied der Auswahlkommission. Dort wurden Fragen zur Bewerbung und zu mir als Person gestellt. Vor den Gesprächen war ich total aufgeregt, aber die beiden Kommissionsmitglieder waren zum Glück sehr freundlich. Ich hatte das Gefühl, dass sie zum Teil sogar tatsächlich an mir interessiert waren. Das heißt natürlich nichts, hat mir aber vermittelt, dass ich sein darf, wer ich bin, was wirklich schön war.
Im Nachhinein weiß ich natürlich nicht, wie ich angekommen bin, was bewertet worden ist, ob ich genommen werde oder nicht. Oft habe ich schon gedacht, dass ich dieses oder jenes hätte anders machen können, aber im Endeffekt kann ich es so oder so nicht ändern. Ich habe mein Bestes gegeben und darauf bin ich auch ein bisschen stolz. Und deshalb bin ich irgendwie mit einem guten Gefühl aus dem Wochenende gegangen. Ich habe dort unfassbar nette Menschen kennengelernt, wir haben viel zusammen erlebt und manchmal auch zusammen die Aufregung und den Druck ausgehalten und uns unterstützt. Wir waren viel draußen im Schnee, haben erzählt und gelacht, voneinander gelernt. Und zuletzt auch dafür gesorgt, dass jeder irgendwie durch das Schneechaos nach Hause gekommen ist. Das Wochenende war definitiv herausfordernd. Noch jetzt bin ich müde davon. Und trotzdem hat es sich gelohnt, egal, ob ich gefördert werde oder nicht.