
Die schönsten Dinge passieren oft, wenn man sie am wenigsten erwartet.
Am Flughafen in Istanbul hat mir eine junge Frau geholfen, mich zu orientieren, nachdem ich im Getümmel ziemlich verloren war. Sie hat mich nach einem kurzen Gespräch für meinen letzten Tag in der Türkei zu sich nach Hause eingeladen. Lange war ich unsicher, ob das Angebot wohl ernst gemeint war und ob das eine gute Idee ist, es anzunehmen. Deshalb habe ich mich nicht getraut, sie danach zu fragen. Zum Glück habe ich mich dann einen Tag vorher doch noch überwunden, denn was hatte ich schon zu verlieren. Im schlimmsten Fall wird sie mich halt entführen und umbringen, aber davon ging ich jetzt mal nicht aus, denn ich bin ja noch jung, neugierig, abenteuerlustig und vielleicht ein bisschen gutgläubig.
So kam es, dass ich am Samstagmorgen im Bus nach Kayseri saß, völlig ahnungslos, wohin die Reise ging und was mich erwartet. Bisher war ich nur an sehr touristischen Orten in der Türkei gewesen und es gewohnt, dass die meisten Türken etwas Englisch konnten. Als ich dann aus dem Bus stieg, etwa acht Kilometer von meinem Ziel entfernt, war ich in einer ganz anderen Welt gelandet. Niemand sprach Englisch, ich war der einzige Tourist. Ich bin mir so fremd und falsch vorgekommen wie selten zuvor. Denn ich hatte keine Ahnung, wie ich ins Stadtzentrum kommen sollte oder wie der ÖPNV funktioniert. Nach einigem Hin und Her, großer Verzweiflung und ganz viel Hilfe meiner Freundin und einiger Passanten, hat es dann doch alles geklappt und ich bin gut im Stadtzentrum angekommen.
Dort hat mich meine Bekannte dann abgeholt und mir die wichtigsten Dinge in der Stadt gezeigt. Es war wirklich eine besondere Erfahrung. Nicht nur, dass ich natürlich viel mehr sehen konnte, mit jemandem, der sich auskennt. Besonders schön war einfach, wie offen und freundlich alle Leute plötzlich waren, nachdem sie mich als ihre deutsche Freundin vorgestellt hatte. Viele wollten mir ihre Kultur zeigen und die Sprachbarriere war wie weggewischt, denn sie hat mir alles übersetzt. Dadurch habe ich mich mehr wie ein Teil der Gemeinschaft gefühlt und nicht wie ein Fremdkörper, den alle anstarren. Natürlich habe ich immer noch das Aufsehen einiger Passanten erregt, das war aber jetzt nur noch halb so schlimm.
Nachdem sie mir die Stadt gezeigt hatte, mit allen Moscheen, schönen Ecken und der Kultur, sind wir zu ihr nach Hause gefahren. Ihre ganze Familie war extra gekommen, um mich kennenzulernen und mit mir das tägliche Fastenbrechen im Ramadan zu feiern. Es gab viele traditionelle Speisen und natürlich türkischen Tee. Auch wenn nur einer von ihnen Englisch sprach, waren alle sehr bemüht mit mir zu sprechen und wollten mich unbedingt kennenlernen. Ich habe nicht immer alles verstanden, worüber diskutiert wurde und trotzdem hatte ich das Gefühl, dazuzugehören. Es war überhaupt nicht schlimm, nicht alles zu verstehen. Jeder wollte mich an ihrer Kultur teilhaben lassen, ich durfte mit zum Beten in die Moschee, konnte sämtliche türkische Getränke probieren und alle Traditionen miterleben. Noch nie in meinem Leben habe ich mich derart willkommen an einem Ort gefühlt, wie dort. Nach wenigen Minuten war es wie Zuhause. Als ob ich diesen Ort und die Menschen schon jahrelang kennen würde. Ich hatte das Gefühl auch als Fremde dazuzugehören. Ein solches Erlebnis hatte ich noch nie. Kaum vorstellbar, dass ich vor wenigen Stunden noch einen Gedanken daran verschwenden habe, dass diese Leute gefährlich sein könnten. Denn jetzt fühlte ich mich sicher und geborgen, einfach gut aufgehoben und behütet. Ich war einfach glücklich.
Nur wie das an solchen Abenden immer so ist, verging die Zeit natürlich viel zu schnell. Wir haben gelacht, getanzt und gespielt und ehe ich mich versah, war es Zeit zu gehen. Nach vielen Umarmungen, Geschenken und Abschiedsworten musste ich dann doch in den Flieger steigen. Und so schnell, wie ich in diese Gemeinschaft hineingeraten bin, so schnell wurde ich auch wieder aus ihr herausgerissen. Dafür war ich nicht bereit. Nach diesem Abend voller Eindrücke und neuer Freunde wollte ich nicht einfach nach Hause, wo alles so gewöhnlich war. Das war zu früh, zu wenig Zeit, um alles zu verarbeiten, anzukommen.
Und so hatte ich Zuhause doch mal wieder Heimweh und das war so ehrlich nicht gedacht. Meine Gedanken hängen sehr an diesem Abend und bei den Menschen, insbesondere bei meiner Freundin, die mich so herzlich mitgenommen hat. Die mir alles gezeigt hat. Bei der ich mich so Zuhause gefühlt habe.
Vor meiner Reise hatte ich Angst, wie die Leute und das Land wohl sein würden. Ob sie mir freundlich begegnen würden, als Fremde. Doch jetzt, nur eine Woche später, bin ich begeistert von den Menschen, von ihrer Freundlichkeit, ihrer Gemeinschaft. Eine Begegnung am Flughafen begleitet von etwas Neugier und Mut hat meine ganze Reise verändert. Hat mich verändert. In dem Moment, als mich eine Fremde angesprochen hat, war ich verzweifelt und allein. Aus diesem Moment sind viele Momente des Glücks entstanden. Momente der Erfüllung. Und neue Freunde. So im Nachhinein betrachtet, hat mich das Glück tatsächlich unerwartet getroffen. So unerwartet, dass ich bis jetzt noch nicht ganz verarbeitet habe, wie prägend der Tag war. Denn eins ist klar, es war einer der schönsten Tage meines Lebens.