
Diese Woche habe ich meinen Freiwilligendienst in einer Seniorentagespflege begonnen. Ich muss ehrlich sagen, bevor ich angefangen habe, war ich unsicher, ob es wirklich das Richtige für mich ist.
Mir sind tausend Fragen durch den Kopf geschwirrt. Gefällt mir die Einrichtung und macht mir die Arbeit wirklich Spaß? Sind die Kollegen nett? Vergeude ich gerade ein Jahr meines Lebens und wäre es nicht besser gewesen, direkt zu studieren? Was ist, wenn ich mich nicht wohlfühle?
Denn obwohl ich letztes Jahr ein Mal probeweise dort gearbeitet habe, war ich mir plötzlich nicht mehr so sicher, ob meine Entscheidung wirklich die richtige war. In der Nacht vor meinem ersten Tag war ich sehr aufgeregt und konnte kaum schlafen.
Nach gut einer Woche kann ich aber sagen, dass ich mir kaum hätte Sorgen machen müssen. Die Arbeit macht wirklich Spaß und oft habe ich die Gelegenheit die Gäste kennenzulernen und ein Weilchen mit ihnen zu reden. Besonders viel Spaß machen die Gespräche zur Mittagsruhe, wenn nur wenige Gäste wach sind und man in kleiner Runde spielen kann. Dabei erzählt der ein oder andere mal Geschichten aus der Vergangenheit oder holt so manchen Schummeltrick heraus, der in jahrelangem Training geübt wurde. Dagegen haben wir jungen Leute häufig keine Chance, sodass wir im Spiel häufig gnadenlos unterlegen sind.
Andere Gespräche hingegen bringen mich zu grübeln. Auch wenn es immer interessant ist, über die Vergangenheit zu sprechen, finde ich es erschreckend, wieviel die meisten erlebt und erlitten haben. Ob im Krieg, durch Verluste oder durch Krankheit – jeder Einzelne trägt seine Sorgen oft auch im Verborgenen mit sich. Für mich ist es ein bisschen wie das Erkunden eines verwinkelten Labyrinths. Am Anfang weiß ich nie, wer mich erwartet und was derjenige wohl schon erlebt hat. Mit der Zeit darf ich aber manche Gäste näher kennenlernen. Sie zeigen mir die schönen Ecken in ihrem Labyrith, aber auch die düsteren, die oft weit in der Vergangenheit liegen und fast vergessen überwuchert sind. Oder die offen klaffenden Löcher in der Außenwand ihres Labyrinths, die dort von einschneidenen Erlebnissen hineingerissem wurden. Während manche Wunden heilen, werden andere wohl immer tot und offen bleiben.
Jedes Mal, wenn ich mehr über einen Gast erfahre, öffnen sich neue Wege und ich verstehe den Kern dieses Menschen etwas besser, wenn auch nie vollkommen. Denn so hat wohl jeder seine Ecken, die nur für ihm bestimmt sind und die ich niemals erkunden werde.
Nach dieser einen Woche freue ich mich auf das nächste Jahr. Es wird hart werden. Es wird gute und auch schlechte Tage geben. Aber ich werde lernen, besser zu verstehen. Lernen, das zu schätze, was ich habe. Lernen, was in den Menschen vorgeht. Und das wird zweifellos ein Abenteuer.