
Puerto Viejo, Dienstag der 02.08.2022, 06:59 Uhr.
Je länger ich vom Zuhause fort bin, desto mehr kann ich mein eigenes Leben von außen betrachten. Nach fünf Wochen Costa Rica sehen ich mein Leben Zuhause anders und es kommt mir fast unmöglich vor, dieses Leben je wieder zu leben wie vorher.
Wenn ich mit meiner Familie Zuhause rede, kommt es mir vor wie auf einem anderen Planeten. Einem Ort, den ich mal gekannt habe, aber der jetzt so unfassbar weit weg ist, dass er unerreichbar scheint.
Wenn ich so darüber nachdenke, was ich aus meinem Leben machen möchte, weiß ich, dass es so viel mehr ist, als das was ich Zuhause mache. Ich möchte Vielfalt erleben und neue Orte sehen, ich möchte die Natur jeden einzelnen Tag neu entdecken, ich möchte tief eintauchen in alles, was die Welt zu bieten hat. Mir ist es wichtig meinen Horizont zu erweitern, nie nur von einer Seite zu schauen, um das Beste rauszuholen.
Eine der wichtigsten Lektionen, die ich hier gelernt habe ist, dass alles eine Frage der Perspektive ist. Nicht alles läuft so, wie ich es mir vorgestellt habe. Aber ich kann versuchen aus jeder Situation das Beste zu machen und sie hinzunehmen wie sie ist.
Als wir zum Beispiel im Tortuguero Nationalpark waren, haben wir morgens um 5:30 Uhr eine Bootstour gemacht. Es hat natürlich in Strömen geregnet und wir waren klatschnass, aber trotzdem haben wir unfassbar viele Tiere gesehen und der Blick von den Mangroven auf den Wald war einfach der absolute Wahnsinn. Eines der Mädels, die mit mir da war hatte wegen dem Regen und dadurch, dass wir vorher nicht gefrühstückt hatten extrem schlechte Laune und wollte die ganze Zeit nur zurück. Anstatt den Ausblick zu genießen, hat sie nur noch von ihren warmen Klamotten Zuhause geredet. Dabei hatten wir trotz Regen einen umfassbaren Blick auf den Regenwald. Wir haben Affen in den Bäumen und Kaimane im Fluss gesehen. Das ist eine einzigartige Chance, die wir hier haben
Es gibt so viele Menschen, die gern in unserer Situation wären und ich bin immer wieder dankbar, das hier alles erleben zu dürfen.
Auch mir fällt es nicht immer leicht, das alles so zu sehen. Nach einer Zeit wird der Urwald zum Alltag und ich ärgere mich über die Affen, die Mandeln auf mich und meine Sachen werfen.
Und ja es gibt manchmal Situationen, die nicht angenehm oder schön sind. Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass ich beispielsweise arbeiten im strömenden Regen toll finde. Es ändert aber nichts an der Situation, wenn ich mich ärgere. Das zieht die Stimmung nur noch mehr herunter. Der Regen hört ja schließlich nicht auf, nur weil ich es kacke finde, dass alles nass ist.
Deshalb kann ich entweder versuchen, meine Situation zu ändern oder sie hinzunehmen wie sie ist. Entweder ich bleibe an dem Tag Zuhause im Bett und bleibe trocken oder gehe eben in Regenjacke arbeiten. Ich muss mir nicht von einer Sache alles andere vermiesen lassen. Denn sonst gerät am Ende der schönste Anblick in Vergessenheit.
Wenn ich meine Zeit hier rückblickend betrachte, habe ich viel zu oft vergessen, wie einmalig mein Aufenthalt hier ist. Am Anfang habe ich mir oft gewünscht, nach Hause zu können. Heute bin ich mir nicht sicher, ob ich mich auf Zuhause freue. Klar, ich vermisse meine Freunde und meine Familie und auch einige Dinge, wie trockene Klamotten, Musik machen, jegliche Hygiene und Privatsphäre und natürlich mein Bett, aber ich werde auch so viel von hier vermissen.
Das unbeschwerte Lebensgefühl, das Abenteuer, die Offenheit der Menschen, das warme Wetter, die Vielfalt der Natur, die Nähe zum Meer und einfach all die exotischen Erlebnisse, die jetzt mein Alltag sind. Jeden Tag Action, jeden Tag so viel Neues. Die neuen Perspektiven, fremde Lebensgeschichten und die unendlich scheinenden Möglichkeiten.
Für mich war es eine der besten Entscheidungen hierher zu kommen. Dieses vollkommen andere Leben hat mich nachdenklich gemacht. Ich bin dankbarer und bewusster geworden. Ich weiß zwar noch nicht, wo mein Weg danach genau hingeht, ich weiß aber in welche Richtung ich gehen möchte. Die ewige Schleife aus was wäre wenns und was will ich mit meinem Leben machen ist hier etwas in den Hintergrund gerückt. Ich konnte neue Kraft tanken, um mich auf die vielen Entscheidungen und Aufgaben vorzubereiten, die Zuhause anstehen. Die Frage nach der Zukunft, nach dem was will ich machen, scheint nicht mehr so kompliziert. Mittlerweile freue ich mich sogar schon, eine der vielen Möglichkeiten zu wählen, etwas Neues zu lernen und endlich meinen Weg Richtung erwachsen werden einzuschlagen.