Abirede

Im Rahme unseres Abiturgottedienstes hatte ich die Ehre, eine Rede zu halten und möchte diese gerne hier teilen:

Liebe Gäste,
ich freue mich sehr, dass Sie alle heute erschienen sind, um unser bestandenes Abitur mit uns gemeinsam zu feiern.


Besonders möchte ich mich heute an meine Stufe richten. Als Stufensprecherin habe ich in den letzten zwei Jahren viel mit euch erleben dürfen. Deshalb habe ich lange überlegt, was ich euch nach so einer langen Zeit mit auf den Weg geben möchte, nach all den nervenaufreibenden Situationen, aufregenden Erfahrungen und vielen schönen Momenten.


Heute möchte ich die letzten zwei Jahre Revue passieren lassen und gemäß unserem heutigen Thema „Die Welt wartet“ einen Blick in die Zukunft wagen.


Dafür nehme ich euch mit auf eine Reise und habe euch dafür dieses Boot mitgebracht. Nehmt euch einen Moment Zeit und denk darüber nach was ihr mit dem Boot verbindet.


Als ich vor etwa einem Monat das erste Mal über Segelboote nachgedacht habe, sind mir sofort Assoziationen wie Freiheit, Reise und Natur, aber auch harte Arbeit in den Sinn gekommen.


Freiheit, weil ich mit einem Boot selbst wählen darf, wohin ich segeln möchte und ungebunden bin. Ich bin Herr meiner selbst und frei von Fremdbestimmung.


Reise, weil ich mit Booten die Welt bereisen und fremde Orte besuchen kann. Die Welt steht mir offen.


Und Natur, weil ich in einem Segelboot den Naturgewalten so Nahe bin, wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. Ich höre die Wellen rauschen und erlebe und bestaune die Wildnis der Erde hautnah.


Aber auch Arbeit, weil es harte Arbeit ist ein Boot zu segeln, bei jedem Wetter. Es verlangt Wissen und Koordination, sowie Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.


Das Segelboot kann allerdings auch für unsere sehr persönliche Lebensreise stehen. Jeder von uns hat sein eigenes Boot, mit dem er die Reise beschreitet. Jedes Segelboot steuert ein individuelles Ziel an und wird im Laufe des Lebens von jedem ganz persönlich gestaltet. Deshalb ist jedes Boot unterschiedlich, im Grundaufbau zwar recht ähnlich, jedoch verschieden durch viele kleine Details.
Während das eine Boot sehr stabil und robust ist, um die Weltmeere bei Wind und Wetter zu durchsegeln, ist das andere eher klein und gemütlich, um kleine Flussläufe zu durchqueren.


Wir können unser Boot selber gestalten, mit den Leuten segeln, die wir uns aussuchen, an verschiedenen Häfen anlegen und unsere ganz persönliche Route wählen.


In den letzten drei Jahren sind wir alle zusammen gesegelt. Mit einem gemeinsamen Ziel, dem Abitur. Heute haben wir unser Ziel erreicht und sind zusammengekommen, um noch ein letztes Mal gemeinsam zu feiern und danach ein neues Ziel ansteuern. Noch ein letztes Mal sitzen wir zusammen, an unserer Schule, die für uns in all den Jahren stets durch alle Stürme geleitet hat, wie ein Leuchtturm in der Nacht.


Hier haben wir viele Freundschaften geknüpft. Menschen gefunden, mit denen wir zusammen gesegelt sind und die uns geholfen haben, unseren Weg trotz aller Anstrengungen zu meistern, das Ziel nie aus den Augen zu verlieren.


Diese Zeit ist nun vorbei und ich schaue, wie ihr alle, mit einem lachendem und einem weinenden Auge zurück auf die letzten Jahre.
Denn noch in den nächsten Tagen wird es einige von uns weit hinaus in die Welt treiben, während andere vielleicht noch an ihrem Heimathafen anlegen um sich dort eine Pause zu gönnen von der anstrengenden Fahrt. Für einige von uns ist der Weg schon geplant, das Ziel festgesetzt. Andere nutzen die nächste Zeit, um sich neu zu orientieren.


Jeder von uns hat in seinem Leben die Möglichkeit, viele verschiedene Orte dieser Erde kennenzulernen, sich darauf einzulassen und stets Neues dazu zu lernen. Wir können selbst entscheiden wohin wir segeln, ob wir uns treiben lassen oder einen Kurs verfolgen und an diesem festhalten. Das sind Entscheidungen, die uns keiner abnehmen kann. Wir selbst tragen die Verantwortung für unseren Weg als Kapitän unseres Schiffes.


Dabei wird allerdings nicht immer alles einfach und wie geplant verlaufen. Um an unser Ziel zu gelangen müssen wir manchmal gegen den Wind segeln und hart arbeiten, um auf Kurs zu bleiben. Ohne helfenden Motor werden wir uns alleine fühlen.
Wir werden Stürme durchsegeln, mit hohen wogenden Wellen und dunklen Wolken. Wir werden die Orientierung verlieren und nicht mehr wissen wo unser Weg hinführt.


In Wirbelstürmen aus Gedanken und Gefühlen, wird sich der ein oder andere wie auf einer Irrfahrt fühlen, einer nie enden wollenden Odyssee.


Doch egal, wie dunkel die Zeiten auch scheinen, es gibt Menschen, die unsere Mitsegelnden sind und uns helfen. Die uns als Leuchttürme den weg weisen oder den Wind in die Segel leiten.
Wenn wir zusammensegeln, als eine Einheit, wie eine große Flotte, dann können wir jeden Sturm durchsegeln und die Dunkelheit gemeinsam bannen. Am Ende flacht jeder Sturm ab, die Wellen beruhigen sich und die Sonne mit ihrem hellen Licht bricht durch die dunklen Wolken.


Es gibt wieder Orientierung und Hoffnung, einen neuen Kurs einzuschlagen.


In solchen Momenten wird mir immer bewusst, wie schön das Leben eigentlich ist und wie wenig es braucht, um wahrhaftig glücklich zu werden. Dann rückt alles Materielle in den Hintergrund und ich kann mich über das wirklich Wichtige freuen. Über meine Freunde und meine Familie. Über die kleinen Momente im Leben: über eine Brise Wind an einem einem heißen Sommertag, über einen wunderschönen Sonnenuntergang, ein Lächeln oder eine Umarmung.


Da merke ich eins: Das wahre Glück findet sich schon auf dem Weg und ist oft so alltäglich, dass wir es beinahe übersehen.


Ich wünsche euch, egal wohin euer Weg euch führen mag, dass ihr viele dieser kleinen Momente erleben dürft. Dass ihr an euch glaubt und Menschen findet, die euch begleiten und die euer Leben bereichern. Menschen, die euch guten Wind in die Segel leiten. 
Dass ihr Zuneigung erfahren dürft und zufrieden werdet, mit dem was ihr in eurem Leben macht, was ihr erreichen könnt.


Denn das alles liegt in eurer Hand. Deshalb nutzt euer Leben, die Kraft die euch antreibt, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Seid derjenige, der einen Unterschied macht. Denn wenn ihr auch die Welt nicht alleine rettet, so könnt ihr zumindest Zeichen setzten. Für die Welt mag ein Boot unbedeutend klein sein, aber für einen Schiffsbrüchigen in Not ist es die Rettung.


Und egal wie klein ein einzelnes Segelboot wirkt, als eine Flotte kann es gewaltiges erreichen.


Zuletzt möchte ich mich auch bei Ihnen, unseren Gästen bedanken. Jeder von Ihnen hat dazu beigetragen, dass wir unseren Wegen folgen können, hat uns unterstützt und an uns geglaubt, wenn wir selbst die Hoffnung aufgegeben haben. Sie als unsere Eltern, Familie, Freunde und Lehrer waren unser Rückenwind und Sie haben uns immer wieder aufs Neue des Weg gewiesen. Sie haben uns das Segeln erst beigebracht und es uns ermöglicht heute hier gemeinsam zu stehen.


Dafür möchte ich Ihnen im Namen unserer ganzen Stufe danken.

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