Ein Hoffnungsschimmer

In den letzten Wochen habe ich intensiv für mein Abitur gelernt und deshalb viele Stunden an meinem Schreibtisch verbracht, weil ich mich dort einfach am besten konzentrieren konnte. Lange habe ich geübt und recherchiert, um wirklich jedes Detail zu erfahren und bestmöglich vorbereitet zu sein. Dabei habe ich oftmals die Zeit vergessen und mich stundenlang in Randthemen eingelesen, die im Endeffekt recht wenig mit meinem Abitur selbst zu tun haben. So kann ich jetzt beispielsweise eine Menge zur Entwicklung von Flugzeugen, den ersten Flugmaschinen und internationalem Flugverkehr sagen, obwohl das für meine Erdkundeprüfung wohl doch eher nebensächlich war.


Um trotz aller Recherche mit dem eigentliche Lernstoff fertig zu werden erstellte ich mir sechs Wochen vorher einen Lernplan, mit dem ich zu meinen Prüfungen mit etwas Zeitpuffer genau passend vorbereitet sein wollte. Allerdings merkte ich jeden Tag mehr, wieviel Druck mir dieser Plan machte und dass es kaum möglich war, wirklich alles zu schaffen, wenn ich nebenbei noch mein Leben leben wollte. Und trotzdem zog ich den Plan fast bis zum Schluss durch, aus Angst nicht gut genug zu sein.


An einem Abend, nach einem langen, stressigen Tag, schaute ich aus meinem Fenster. Es war ein warmer Tag gewesen, der Himmel war fast wolkenfrei. Ich ließ meine Gedanken etwas schweifen und mit Schreck viel mir auf, dass ich das Haus seit fast fünf Wochen kaum noch verlassen hatte. Während meine Familie und meine Freunde langsam sonnengebräunt wurden, saß ich immer noch kreidebleich und gestresst in meinem Zimmer. Ich hatte all meine freie Zeit, auf die ich mich seit Jahren gefreut hatte, nur ins Lernen investiert und mich fast darin verloren.


Doch als in diesem Moment in den Himmel sah, wurde mir eines klar. Während ich in meinem Zimmer gesessen hatte, waren tausend schöne Momente vergangen, die ich nicht gelebt hatte. Dabei lebt man nur einmal und man weiß nie, wann der letzte Tag, der letzte wunderschöne Sonnenuntergang oder die letzte Umarmung mit seinen Liebsten sein wird. Damit möchte ich nicht sagen, dass es falsch ist zu lernen. Es kommt dabei ganz auf die Motivation dahinter an. Mein ganzes Leben habe ich mir einen guten Schulabschluss gewünscht, nicht für mich oder damit mir die Welt offen steht, sondern einfach weil ich nach Anerkennung von meinem Umfeld und meiner Familie gestrebte. Im Nachhinein stellte ich für mich fest, dass das nicht der richtige Weg für mich ist.


Mir fällt es nach wie vor schwer, dieses Leistungs- und Anerkennungsprinzip hinter mir zu lassen. In sehr vielen Situationen merke ich, dass ich Dinge zumindest nicht nur für mich selbst tue, sondern auch für das Lob, die Anerkennung.


Diese Erkenntnis wiegt für mich sehr schwer, weil ich immer wieder merke, dass ich mich nicht wie ich selbst verhalte. Teilweise kann ich nicht mehr zwischen dem unterscheiden, was ich sage, weil ich es wirklich denke und dem, was ich sage, weil andere es hören wollen oder weil es mich vermeintlich beliebter macht. Aus dieser Situation heraus sind schon einige Halbwahrheit oder Lügen entstanden, die ich mir und anderen so lange erzählt habe, bis ich sie selbst geglaubt habe. Dabei habe ich mich, meine engsten Freunde und meine Familie belogen, ihnen etwas erzählt, was nicht immer gestimmt hat, die Realität so modifiziert, dass es mir passte. Dinge die toll und cool waren habe ich immer besonders laut rausgeschrien und den Rest unter den Tisch gekehrt und bei Kritik aggressiv, abweisend und beschuldigend reagiert.

Das hier so zu schreiben ist hart und macht mir Angst. Ich weiß nicht, wie du, als derjenige der meinen Text gerade liest, jetzt über mich denkt.


Ich für mich selbst kann sagen, dass ich versuche an mir zu arbeiten und zu der besten Version meiner selbst zu werden. Das ist noch ein langer Weg, von gefühlt so lang, dass ich nicht weiß, ob ich meine alten Gewohnheiten je ganz aufgeben kann und ob es je besser wird.

Oft fühle ich mich damit alleine, weil ich mich nicht traue jemandem von meinen Gefühlen zu erzählen, meine Schwäche zu zeigen. Ich frage mich, ob ich alleine die Schuld für all meine Lügen und angeberischen Übertreibungen trage. Ob es einen Grund dafür gibt oder ob ich einfach nicht mit meinem Leben klar komme. Ich habe Angst deswegen weggestoßen zu werden, dass sich meine Freunde, vielleicht auch zurecht, belogen fühlen. Ich fühle mich verloren in mir selbst, weiß nicht wo der richtige Weg ist, nach all dem Streben nach Anerkennung.


An jenem Abend, als ich in den Himmel schaute und beobachten durfte, wie er sich in den schönsten Blau-, Türkis- und Lilatönen zum Nachthimmel mit unendlich vielen Sternen verwandelte, war das ein Hoffnungsschimmer.

Egal wie oft ich mich in meinem Hamsterrad gedrehe, die Welt da draußen wartet darauf entdeckt zu werden. Und wenn auch nicht für immer, dann wenigstens in diesem einen Moment. Ich beschloss, mein Handeln in der Zukunft mehr zu hinterfragen, nach Gründen für Fehltritte zu forschen, um zum Kern meiner selbst zurückzufinden, den ich der Welt gerne zeigen möchte, wenn es soweit ist.


Der Himmel an dem Abend war voller Hoffnung, Erkenntnis und den Glaube daran, dass eine bessere Zukunft möglich ist, in Zeiten, die so voll von Dunkelheit sind.


Seitdem hat sich einiges verändert. Ich versuche bewusster für mich und mein Umfeld zu sein, was mal mehr und mal weniger gut klappt. Oft verliere ich meinen Weg aus den Augen. Aber an manchen Tagen fühle ich mich wie ein Kleinkind, das die Welt zum ersten Mal bestaunen und erleben darf. Ich bin unendlich dankbar für alle, die mich trotz aller Fehler begleiten, mir verzeihen und den Menschen in mir sehen, der ich wirklich bin. Das sind gute Tage, von denen ich mir in Zukunft so viel mehr wünsche.


Nachdem ich das hier geschrieben habe bin ich erleichtert und fühle ich zum ersten mal seit langem wirklich frei und gut mit meinen Worten. Eine ganze Weile kann ich nicht aufhören zu Weinen. Ich bin noch lange nicht am Ziel , aber wie man so schön sagt, ist der Weg ja das Ziel und ich möchte ihn bewusst beschreiten mit allen Hochs und Tiefs.

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